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"MS Europa": In 180 Tagen um die Welt

Traumschiff-Schreiber - Zweifelsohne ein Job mit hohem Neidfaktor. Matthias Politycki heuerte auf der "MS Europa" an, durfte mit dem Luxusliner kostenlos auf Weltreise gehen und Logbuch führen.

Das neuste Werk des Hamburger Schriftstellers ist ein frecher Schelmen-Roman, der das Bordleben bloßstellt. In den 180 Tagen übernimmt Johann Gottlieb Fichtl das Ruder, ein kleiner Finanzbeamter aus Bayern mit Vorliebe für Motivkrawatten.

Mit einer profanen Pressemitteilung der Reederei nahm die Geschichte ihren Lauf: "In diesem Jahr vergibt Hapag-Lloyd Kreuzfahrten erstmals die Stelle eines Schiffsschreibers: Ein ausgewählter Schriftsteller soll die Möglichkeit erhalten, als 'writer-in-non-residence' Länder und Meere aus der komfortablen Warte eines schwimmenden Luxushotels kennen zu lernen. Für die Weltreise 2006/2007 wurde der Hamburger Autor Matthias Politycki eingeladen."

Das Ergebnis der halbjährigen Recherche liegt nun in Buchform vor. Nur dürfte es ein Werk sein, mit dem die Auftraggeber nicht gerechnet haben. Denn Politycki arbeitet weder als Werbertexter noch tappt er in die Falle eines Reederei-Schreibers. Das "Logbuch des Herrn Johann Gottlieb Fichtl", so der Untertitel, liest sich eher wie die unglaubliche Reise auf einem total verrückten Dampfer.

Der Plot ist rasch erzählt. Politycki mimt nicht einfach den Ich-Erzähler, sondern stellt in seiner Vorbemerkung einen fiktiven Schiffsschreiber vor, der wiederum täglich durch einen Anti-Helden berichten lässt. Dieser "Fichtl-Hannes" kam zu seiner Reise über die sieben Weltmeere wie zu sechs Richtigen im Lotto. Per Zufall. Seine oberpfälzische Tipp-Gemeinschaft hatte den Hauptgewinn gezogen und schickte ihn stellvertretend rund um den Globus. Die Stammtischbrüder des Protagonisten liehen ihm sogar die passenden Klamotten und den "Aldi-Anzug" für den Kapitänsempfang.

Losglück macht's möglich

Wer glaubt, in den 184 Kapiteln, die exakt den Tagen und der Route entsprechen, etwas über Land und Leute zu erfahren, wird enttäuscht. Stattdessen gibt es einen tiefen Einblick in den Mikrokosmos an Bord. Mag Hapag-Lloyd in ihrem Katalog die MS Europa als "die schönste Yacht der Welt" bezeichnen, die Passagiere nennen ihre Fünfsterneplus-Unterkunft einfach nur "die Hütte".

Erst in der Fremde entdeckt der Feldforscher die absurdesten Bord- und Balzrituale einer exotischen Kultur: die seiner Landsleute. Sie leben in einer Überflussgesellschaft mit Kaviar und Champagner wie die Maden im Speck. Genüsslich breitet er die Neurosen seiner Mitreisenden aus, sei es beim Tischgespräch oder bei "Bojenbemalkursen".

Nach der Weltreise und Lektüre sind wir froh, in unserem Alltag derartige Luxusprobleme nicht ständig bewältigen zu müssen. Selten haben in einem Reisebuch die Themen Ortswechsel und Ironie so unterhaltsam zueinandergefunden. Matthias Politycki erweist sich als virtuos übertreibender Chronist und Sprachhumorist.

stern.de hat aus dem Buch "In 180 Tagen um die Welt" vier Tage als Vorab-Lektüre ausgewählt: den 6., 48., 95. und 121. Tag einer höchst amüsanten Kreuzfahrt.

Till Bartels

6. Tag: Meine Tischgesellschaft

10. 11. 06 Odessa/Ukraine; Ankunft 8:00 Das Wetter um 6:00: 11 °C, 52 %, WNW 4, leicht bewölkt; 208 sm

Meine Tischgesellschaft

im Europa-Restaurant, alles Weltreisende wie ich, endlich kenne ich jeden mit Namen:

1) 2)

Dr. Fritz Wallosek, immer mit hochrotem Gesicht, sein Blutdruck muß enorm sein: Er habe sich zum 76. Geburtstag einen Herzinfarkt gegönnt; vom Nichtstun habe er mittlerweile Muskelkater. Seine Frau Gertrud: sammelt Erstausgaben von Kochbüchern, sieht entsprechend aus.

3)

Immobilienjongleur P.: "Der Vorteil dicker Frauen - im Winter spenden sie Wärme, im Sommer Schatten."

4)

Theresia Stäblein, Ende 70, Witwe aus Franken: "Ob dick, ob dünn, völlig egal, solange wir noch auf der richtigen Seite der Rasenfläche sind." Dann zu mir: "Stimmt es, daß Ihr Smoking rosa gefüttert ist?"

5)

Professor Billhardt: reist seit 30 Jahren auf der EUROPA. Besserwisser!

6)

Kristina Kipp-Oeljeklaus: meine Tischdame. Alter schwer zu schätzen, irgendwas mit vierzig; hochtoupierte Frisur, heute in blauem Kleid, mit blauen Handschuhen, blauen Zigaretten, letztere aber nur zur Dekoration, sie ist militante Nichtraucherin. Eine Tierpsychologin, der bei jeder Bewegung eine Verzierung abbricht.

7)

Sarah, ihre Tochter: vorwiegend zickig. Hat gerade Abitur gemacht, wahrscheinlich mit Ach und Krach, prompt jetzt auf Belohnungsreise. Zeigt mir zur Begrüßung auf die Krawatte: "So viele Weißwürste, iiih!" Präsentiert uns einen Sowjetorden, den sie heute in den Katakomben von Odessa geklaut haben will.

8)

Graf Harro: Hobbyphotograph, lauter Lacher. War laut P. Besitzer einer Discounterkette mit 72.000 Mitarbeitern, hat angeblich aus Langeweile verkauft.

9)

Konsul Walder: berichtet von einem (wahrscheinlich längst verjährten) "Dalí-Dinner" in der Bordgalerie, alles sei nach dem Rezept des Meisters gekocht und auf nackten Frauenleibern dargereicht worden, für zwanzig geladene Gäste, die nebenbei fast alles, was als Gemälde von der Wand getropft, käuflich erwarben.

10)

Dieter Drescher, der Vertikalschläfer mit Brille/Hörgerät, angeblich Sozialhilfeempfänger. Neben seinem Servierteller immer ein Häufchen Tabletten; pünktlich zum Nachtisch wacht er auf, sortiert sein "Rentnermenü": "Was denken Sie denn, woraus eine Kapitänsuniform gewebt ist? Aus Seemannsgarn." - Alles in allem: So viele Häuser, wie die Leute hier angeblich auf Sylt haben, da müßte die Insel so groß wie Grönland sein. Unser Oberkellner, Ludwig Fasthuber, ein Österreicher, selbstverständlich auch davon nicht aus der Ruhe zu bringen: "Es war noch nie so, daß es nicht irgendwie gewesen wäre." Er soll ein ehemaliger Passagier sein, möglicherweise ein verarmter böhmischer Baron - lächerlich. Mit Genuß tituliert er den Grafen als Grafen, den Konsul als Konsul, Professor Billhardt als Herrn Professor, mich - wahrscheinlich will er witzig sein - als "Herrn Doktor". Meinetwegen soll er.

Matthias Politycki

48. Tag: 99 von 100 möglichen

22. 12. 06 Fort Lauderdale, Florida/USA 7:00–20:15 Das Wetter um 6:00: 24,5 °C, 80 %, SO 6, leicht bewölkt; 178 sm* * Bis heute insgesamt 11.029 sm

99 von 100 möglichen.

Heute liest man’s im Tagesprogramm zum letzten Mal: "Sehr verehrte Gäste, die amerikanische Gesundheitsbehörde weist darauf hin, daß Gerichte, die nicht oder nicht vollkommen gegart sind (z. B. Sushi, 'englisch' gebratene Steaks, Tatar oder 3-Minuten-Eier) als 'nicht unbedenklich' eingestuft werden müssen." Im Klartext: letzte Möglichkeit für die Hygienebeauftragten zur Kontrolle, am Abend werden wir die US-Gewässer verlassen. Aus einer Vorahnung heraus hat man noch vor Morgengrauen die Klobrillen von unsern Jet-Pulps abgeschraubt und, mit den jeweiligen Kabinennummern markiert, in den Pumpensümpfen versenkt.

Und sie kommen. Kaum daß wir die Gangway herabgelassen. Zielstrebig auf der Suche nach hölzernen Pfeffermühlen und Dreiminuteneiern, legen unsern fröhlichen Frühstücksbetrieb auf der Stelle lahm: Nichts darf mehr serviert, nichts abgeräumt werden. Herr Drescher, der die barsch in den Raum geblafften Anweisungen nicht verstanden hat, hebt sogar zögernd die Hände hoch. Der Maitre mit einem Desinfektionsspray, von dem er reichlich Gebrauch macht; als sich P. im Ohr bohrt, wird ihm umgehend der kleine Finger abgesprüht.

Aber auch wir sind nicht unvorbereitet, beherzt zückt die Kipp-Oeljeklaus ein vegetarisches Wellness-Würstchen, das sie sich von Fasthuber mit einem Klacks Bio-Senf hat verzieren lassen; Sarah schüttet ihre gesammelten Schokoladentaler (Gutenachtgrüße des Schoko-Dieters, die wir allabendlich auf unsern Kopfkissen finden) aus dem Chanel-Täschchen direkt auf den Tisch - geradezu aufmüpfig kauen und lutschen wir alten Europäer drauflos. Wie die Amerikaner da Augen machen! Und wie sie sich, merklich irritiert, in die Pumpensümpfe davontrollen, um dort wenigstens Chlorwerte zu messen und womöglich das eine oder andre Kielschwein aufzustöbern!

Vergeblich, am Ende müssen sie unsrer Hütte 99 von 100 möglichen Punkten geben, wahrscheinlich bekommen wir bald einen weiteren Stern. Nichtsdestoweniger gibt’s auch böse Zungen, die sich auf den fehlenden 100. Punkt konzentrieren: Er sei uns verweigert worden, weil in der Piesel ein tragendes Teil fehle; andernorts habe man "eine Stange zuviel" moniert. Bloß wo? Und was hat eine Tabledance-Stange mit Hygiene zu tun? Egal! Ab jetzt darf der Bordpianist auch deutsche Weihnachtslieder spielen, ein Steinway-Vertreter hat die drei Flügel mittlerweile wieder aufgesperrt. Im Atrium, neben dem Dixi-Lebkuchenhäuschen, wird eine zehn Meter hohe "Traditionstanne" aus Kanada aufgestellt; der F & B-Manager: Normalerweise komme der Weihnachtsbaum aus Österreich, doch die USA hätten uns den Import verboten. Unter Amerikanern würden österreichische Tannen als potentiell gesundheitsgefährdend gelten, weil sich das Holz spalten und Bakterien Gelegenheit bieten könnte, sich darin anzusiedeln.

Matthias Politycki

95. Tag: Datumsgrenze

7. 2. 07 auf See Das Wetter um 6:00: 27,5 °C, 92 %, NW 5, bedeckt; 377 sm

Datumsgrenze.

Heute nacht um 24:00 Uhr erreichen wir sie und, indem wir sie überfahren, landen zwei Tage später um 0:00 Uhr. Festakt "Der verlorene Tag" auf dem Lido-Deck, 21:45, mit Gesangsdarbietungen und Reden; der Käptn: "Ich kann Ihnen versprechen, das große Überraschungsei des Abends wird eine Überraschung sein." Der Entertainment-Manager, im Rückgriff auf Kant: "Morgen ist für uns schon übermorgen." Der Bordpfarrer, im Rückgriff auf Augustinus: "Zeit ist überhaupt nicht." Frau Frunzke, zu ihrer Sitznachbarin: "So ’ne richtige Verarschung ist das." Frau Wack, von hinten: "Ärger dich nicht, Herta, denk an deine Falten!"

Die Frunzke, nach hinten: "Nicht jeder läßt sich was spritzen, ich trink’ eben lieber." Herr Wöstenkühler, zu seinem Butler: "Boris, wirf die beiden Ratschkattln endlich von Bord!" Frau Wallosek: "Fritz, was sind denn Ratsch-?" Herr Wallosek: "Du bist auch eine, Hasi." Bordpfarrer, unbeirrt weiterredend: "Wir haben Zeit? Die Zeit hat uns!" Als letzter Festredner der Erste Offizier: Würden wir in entgegengesetzter Richtung fahren, von Ost nach West, könnten wir zweimal hintereinander denselben Tag erleben. Großer Beifall, große Verwirrung! Dann tritt ein Geburtstagskind ans Mikro-phon, ein Koch, der am 8. 2. (diesmal keinen) Geburtstag hat, kurz vor Mitternacht singen wir ihm schnell noch ein "Hoch soll er leben", nach dem Feuerwerk ist’s bereits übermorgen und sein Geburtstag vorbei.

Frau Wallosek kann’s nicht glauben. Die Alleinreisende aus dem Bugbereich will sich "in Hamburg" beschweren, schließlich habe sie auch für den 8. Februar bezahlt: für insgesamt 184 Tage, nicht bloß für 183. "Aber, Gnädigste, denken Sie doch an all die Stunden, die wir gewinnen, indem wir die Uhr zurückstellen!" bestürmt sie Professor Billhardt, der ganz in seinem professoralen Element ist: "Die ergeben doch in toto genau diesen einen Tag!" "In toto?" murmelt Frau Wallosek. Mit seiner Version von "Die Zeit macht nur vor dem Teufel halt" reißt der philippinische Müllmann zu Begeisterungsstürmen hin; der letzte uns verbliebene, der Siebzehnte Tenor mit seiner Version von "Paulchen Panther" dagegen weniger: "Wer hat an der Uhr gedreht?" Frau Laufkötter, ihren Mann gleich mit in Richtung Lift ziehend: "Ist es wirklich schon so spät? Zeit, daß der auch endlich mal verschwindet." Irgendwann läßt Wostock Gläser fliegen und singt seine Lieder, "unser Moritz" gibt mit der Igelbrink einen auffallend innigen Chor. Jedenfalls bis zu dem Moment, da -

Matthias Politycki

121. Tag: Ein bißchen Spaß

5. 3. 07 auf See Das Wetter um 6:00: 17 °C, 64 %, SW 6–7, leicht bewölkt; 191 sm

Ein bißchen Spaß.

Grobe See, wen wundert’s. Die Durchsagen von der Brücke ungewohnt sachlich, "geradezu friesisch herb" (Frau Stäblein, die aus ihrer Verehrung des neuen alten Käptns kein Hehl macht), sie enden nicht mehr mit dem sprichwörtlich gewordnen "...auf Ihrer EUROPA", Frau Wack muß sich zum Zuhören nicht länger auf ihren Stöckelschuhen festschnallen. Andrerseits auch keine Tobsuchtsgefahr mehr bei Herrn Wöstenkühler, wohlgelaunt hängt er am Arm seines Butlers und läßt jeden wissen, daß er jetzt "nicht mehr die Stützstrümpfe anziehen" müsse, wenn das Geseufze im "Announcement Channel" anhebe.

Daß er im selben Atemzug erzählt, über Nacht sei im Büro des Hot Man eine Stange ausgebaut worden, die der neue Käptn entdeckt und sofort moniert habe, halte ich für eine dieser modernen Sagen, die hier permanent als tragende Teile der Wahrheit gehandelt werden: Warum sollte dort je eine überflüssige Stange eingebaut worden sein? Das Büro ist doch sowieso schon ein winziges Kabuff, das er zur Hälfte mit seinem Sechsender füllt, der Hot Man. Falls ich’s noch nicht gebührend gewürdigt haben sollte, Leute: ein kapitales Ding! Unser Hot Man ist bekennender Gesichtshaarträger, nicht genug, daß sich sein silberner Schnurrbart weit über die Wangen hinausschwingt, nein! Auch der Kinnbart, zu vier weiteren Enden zusammengezwirbelt, ragt linksrechts weit über Hals und Schulterpartie hinaus, ein wahres Bartgeweih! Und so einer soll heimlich?

Eine glatte Verleumdung; will versuchen, mich selber ein wenig hinter den Kulissen umzusehen, bin jetzt wirklich reif fürs Schiff hinterm Schiff! - Bei diesem Satz fällt mir der Ukulele-Spieler der Evergreen Juniors ein, sein gestriger Abschied mit den Worten: Er sei jetzt wirklich reif für Australien. In den letzten zehn Wochen habe er sich an Frank-Sinatra-Titeln " 'nen Wolf gespielt", geschätzte 30 Mal "New York, New York", 50 Mal "My way", mindestens. Selbst der Franz-Lehár-Walzer "Gold und Silber" habe's auf 20, 25 Mal gebracht; die "Iglesias-Schnulze 'Amor' " auf 50, 60 Mal, "wenn’s überhaupt reicht"; ein von der Band selbst zusammengestelltes Medley "Cha-Cha-Revue" auf 40 Mal; ebenfalls auf 40 Mal ein "Cha-Cha-Potpourrie".

Die Leute wollten halt tanzen, das sei ja nichts Verwerfliches. Aber immer zu den gleichen Gassenhauern? Bei jedem Musikwunsch habe er sich gefragt: "Moment mal, das haben wir doch heute schon gespielt?" Ein Kreuzfahrtschiff betreibe "systematische Reduktion des musikalischen Universums", und weil man ja auch noch "fröhliche Auslaufmusik oder Hintergrundmucke bei Strandbarbecues" zu liefern habe, seien er und seine Kollegen sogar froh gewesen, zwei Mal als Begleitband für Roberto Blanco zu fungieren. "Zwei Mal wenigstens was andres!" Ein bißchen Spaß müsse sein, auch für Ukulele-Spieler.

Matthias Politycki

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