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1. März 2009, 09:00 Uhr

Komfortminderung

Die Wege der Bahn sind unergründlich. Und manche Ort sind so schlecht zu erreichen, dass man - trotz mehrfachen Umsteigens - genug Zeit hat, den einen oder anderen Text zu verfassen. Auch wenn es dabei um Musik geht. Von Jan Weiler

Jan Weiler, Mein Leben als Mensch, Bahn, schreiben

© Kat Menschik

Konstanz ist schwer zu erreichen, es sei denn, man reist aus Zürich an. Ansonsten heißt es 'Umsteigen' und immer wieder 'Umsteigen'. Die Züge werden immer schmaler und kürzer, und wenn man ankommt, ist man geschrumpft und vergreist. Am nächsten Morgen stellt man fest, dass die Abreise noch schwieriger ist als die Anreise. Von Konstanz nach Bonn dauert es mit dem Zug unter Umständen sieben Stunden. Man kann auch nach Zürich fahren und von dort fliegen, allerdings meist nur über Berlin. Oder man nimmt die Fähre und fliegt von Friedrichshafen, muss dann aber wahrscheinlich in Frankfurt umsteigen.

Jedenfalls sitzt man lange im Zug und hat Zeit, sich was aufzuschreiben. Zum Beispiel diese hübsche und versprochen wahre Geschichte, die mir vorige Woche jemand erzählte. So soll es in einem öffentlich-rechtlichen Funkhaus einen Toningenieur gegeben haben, der jahrzehntelang seinen Schichtdienst verrichtete und es irgendwann naturgemäß zu einer behaglichen Routine brachte, die ihm eine so außergewöhnliche Sicherheit gab, dass er bei der Arbeit meistens die Zeitung las und nur dann und wann ausgleichend ein Reglerchen auf‑ oder abzog.

Exakt austariert

Einmal während seiner letzten Dienstjahre hatte er den Aufnahmepegel für ein klassisches Konzert zu überwachen und versah diesen Dienst mit einer gewissen Lässigkeit, indem er die Zeitung aufs Pult legte und den Sportteil las. Das Orchester begann sein Spiel, und es fiel ihm doch auf, dass es sich ziemlich leise anhörte, ausgesprochen leise, ungewöhnlich leise sogar. Er hob den Blick, sah die Musiker spielen und schob den Regler ganz nach oben, worauf endlich alles in guter Lautstärke zu hören war. Dann las er weiter. Das Orchester spielte gleich darauf dasselbe kurze Stück noch einmal, allerdings etwas lauter. Um zu verhindern, dass die Aufnahme nun übersteuerte, nahm er den Aufnahmepegel etwas zurück und blätterte die Zeitung um. Dann folgte die Nummer ein weiteres Mal - leicht variiert und wieder lauter -, und abermals fuhr er seinen Regler ein bisschen runter. Schließlich, nach einer guten Viertelstunde, tobte das Orchester, und der Tonmeister hatte seinen Schieber fast bis ganz unten geschoben. Es dürfte dies die weltweit einzige Aufnahme sein, in der sämtliche 18 Wiederholungen der Themen von Maurice Ravels "Bolero" exakt gleich laut sind. Eine Meisterleistung.

Man kann also im Zug solche Geschichten aufschreiben. Oder den Zugdurchsagen lauschen. Oder die Zugdurchsagen aufschreiben und sammeln. Andere sammeln Zugmodelle, ich sammle Zugdurchsagen. Meinen neuesten Schatz habe ich dieser Kollektion neulich auf der Fahrt nach Bayreuth hinzugefügt. Da funktionierte eine Tür im hinteren Wagen nicht. Der Zugbegleiter vermeldete dies im trüben Mehdornsound und schloss seine Ausführungen mit dem zauberhaften Satz: "Es tritt demnach hiermit eine Komfortminderung in Kraft."

Es soll dies aber nicht die Stelle sein, in der die Bahn beschimpft wird, denn alle Schaffner, die nicht gerade Kinder mit tonnenschweren Celli an die Luft setzen, weil diese den Fahrschein zwischen ihren Noten verschlampt haben, sind sehr nett. Wirklich. Die meisten.

Das unterscheidet sie von der Kontrolleurin in der Münchner S-Bahn neulich. Diese hielt mir ihren Dienstausweis vor die Nase und grunzte: "Ticket." Ich sagte: "Es heißt eigentlich: 'Guten Tag, Ihren Fahrschein bitte'." Und sie antwortete: "Ticket." Da wurde mir klar, dass sie vermutlich nur dieses eine Wort konnte. Ihr Mann und sie kommunizierten seit über zwanzig Jahren auf eine geheimnisvoll bezaubernde Weise, nämlich durch Hunderte von verschiedenen Betonungen des Wortes "Ticket." Sie gurrten es, sie spien es aus, sie flüsterten es, sie warfen es sich zu wie Kusshändchen, je nachdem, wozu sie es brauchten. Dann hatte sie einen Beruf gewählt, vielleicht den einzigen, dem ihre Kenntnis dieses einen und einzigen Wortes dienlich war, nämlich Fahrscheinkontrolleurin beim Münchner Verkehrsverbund. Und so sprach sie zu mir in der, nur für Außenstehende wie mich, eigentlichen Bedeutung des Wortes, indem sie grunzte: "Ticket." Zwei Stationen mehr, und ich hätte mich in sie verliebt.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 09/2009

Von Jan Weiler
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
walhalla (01.03.2009, 09:41 Uhr)
Ist es nicht herrlich,
das Bahn fahren? Drei Ansagen weiter, Konstanz.Ja, da selber betroffen, es gibt schon Köstliches unter dem Stromabnehmer.Das ist das Ding, mit dem die Lokomotive ihren Strom aus dem Fahrdraht saugt.Wir Schaffner haben leider nur immer ganz kurz das Vergnügen, etwas zu lernen, wie z.B. das reden.Das Unternehmen sagt "rede, also bist du".Wem ist die Rede gegeben? Nicht jedem. Deshalb investiert man anderen Orts auch in Talente, oder bringt Ihnen etwas bei.Wir müssen sparen für die Börse.Schön finde ich, wenn man nicht all zu laut lacht über uns Schaffner, weil eigentlich lacht man sich selbst aus. Oder ist es nicht lächerlich, wie man sich als Eigentümer dieses Unternehmens von ein paar größenwahnsinnigen Managern
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