Ein Jahr nach dem Tod des Genies kommt ein "verlorenes Interview" in die Kinos. Jobs offenbart bisher nicht gekannte Seiten von sich. 69 Minuten iGod pur. Das ist großes Kino - und eine Hommage. Von Sophie Albers
Eigentlich war er gerade der Verlierer: 1995, zehn Jahre nachdem Steve Jobs Apple im Streit verlassen musste, als er mit dem Software-Unternehmen Next am Abgrund schlitterte, setzte der IT-Journalist und ehemalige Kollege Robert X. Cringely den Apple-Mitgründer und genialen Kopf vor die Kamera, um den "Triumph der Nerds" zu erforschen. So hieß eine dreiteilige Dokumentation des britischen Fernsehens, die die Geschichte des Computers erzählen sollte. Mehr als eine Stunde lang hat ein entspannter Jobs Rede und Antwort gestanden. Jobs, der Interviews eigentlich nicht mochte.
Im Film, der 1996 in drei Teilen gesendet wurde, waren natürlich nur die prägnantesten Sätze zu hören wie zum Beispiel das berühmte Zitat: "Das große Problem von Microsoft ist, dass sie einfach keinen Geschmack haben" oder der Verweis auf Picassos Motto:"Ein guter Künstler kopiert, ein großartiger Künstler stiehlt". In seiner ganzen Länge hatte das Interview bis auf Regisseur und Cutter niemand gesehen. Das Originalband ging verloren, als es verschickt werden sollte. Die einzige erhaltene VHS-Kassette moderte 16 Jahre lang in einer Garage vor sich hin. Erst nach Jobs' tragisch frühem Tod im Oktober 2011 wurde sie wieder zu Tage befördert und das Interview (in einer Kameraeinstellung) soweit bearbeitet, dass nun ein großes Publikum sehen kann, welche Visionen und Leidenschaften den größten Erfinder unserer Zeit getrieben haben. Wie er sich gibt, wie er mit den Händen redet, wie er lacht, wie er atmet - und in welchem Kontext die berühmten Sätze eigentlich gefallen sind.
So liegt das Ätzen gegen Microsoft offensichtlich weniger begründet in so naheliegender, banaler Bitterkeit als in Jobs' tief humanistischer Lebenshaltung. Denn egal wie unnahbar, herablassend, teflonmäßig der damals 40-Jährige - im typischen schwarzen Rollkragenpullover und mit runder Brille im jungen Gesicht - auch wirkte, bei Fragen nach seiner Vision, seinen Motiven, seinem Motor, kam er immer wieder zurück auf den Menschen als Maß aller Dinge. Und Microsoft sei es eben nicht darum gegangen, den Menschen besser zu machen: "Ich habe kein Problem mit dem Erfolg von Microsoft. Den haben sie größtenteils verdient. Ich habe ein Problem damit, dass sie wirklich drittklassige Produkte herstellen", so Jobs. "Ihre Produkte haben keine Seele, sie sind langweilig. Ihre Kunden auch. Aber wir wollen die Menschen doch voranbringen, indem wir das Beste bauen und es den Menschen geben, so dass jeder mit besseren Geräten aufwächst und deren Raffinesse versteht. Microsoft ist McDonalds."
All das sagt Jobs unverblümt, unzynisch, unemotional, so als würde er ein neues Programm beschreiben, einen Zustand. Pragmatisch nennt man das wohl, und das war er offensichtlich auch in emotionalen Dingen. Die Gefühle lagen immer ganz nah an der Arbeit, die die Leidenschaft seines Lebens war: Wenn er erzählt, wie er als Zwölfjähriger Bill Hewlett (von Hewlett Packard) angerufen, 20 Minuten mit ihm geplaudert und der ihn anschließend als Praktikant eingestellt hat. Wenn er erzählt, wie er mit seinem Freund und Apple-Mitgründer Steve Wozniak Ende der 60er das At&T-Telefonsystem gehackt, beim Papst angerufen und sich als Henry Kissinger ausgegeben hat. Pragmatische Emotionen gibt es zu sehen, wenn es um Desktop-Publishing geht, um das Betriebssystem OS X, um Xerox, um IBM, um die Zukunft des Internets, um das Geheimnis von Erfolg.