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26. September 2006, 11:39 Uhr

"Der sinnliche Effekt des Lilienduftes"

Der Geruchsforscher Alain Corbin ist der Mann, dessen Buch "Pesthauch und Blütenduft" Patrick Süskind zum "Parfum" anregte. Ein Gespräch über die Geschichte der Gerüche.

Der französische "Historiker der Sinnlichkeit" Alain Corbin© CHAGNON/SIPA

Herr Corbin, in Ihrem Buch "Pesthauch und Blütenduft" arbeiten Sie einen radikalen Bruch in der menschlichen Geruchsempfindsamkeit heraus. Worin besteht diese Revolution des Geruchssinnes, die kurz vor der französischen Revolution einsetzt?

In diesem Moment bündeln sich mehrere Phänomene. Die Menschen werden plötzlich sehr empfindlich gegenüber schlechtem Geruch.

Auch wir mögen keinen Gestank.

Aber wir glauben nicht, dass der Gestank Krankheiten überträgt. Wir beherzigen den Aphorismus von Brouardel: "Nicht alles tötet, was stinkt, und nicht alles stinkt, was tötet." Aber Mitte des 18. Jahrhunderts erschien alles bedrohlich, was unangenehme Gerüche aussandte. Denn nach den Theorien der damals aufkommenden neohippokratischen Medizin wurden Krankheiten über die Luft übertragen. Der Geruch war medizinisch diskreditiert und sollte es bis Pasteur bleiben. Erst Pasteur entdeckte, dass nicht der schlechte Geruch die Krankheiten überträgt, sondern Mikroben.

Warum werden die Menschen ausgerechnet zu dieser Zeit so geruchsempfindlich?

Das liegt vor allem an der zunehmenden Autonomie des Individuums, die man zu dieser Zeit in allen Bereichen ablesen kann. Sogar in der Meteorologie. Plötzlich befasst man sich mit dem Wetter. Das ist sehr genau datierbar. Man untersucht die Unwägbarkeiten des Wetters und ihr Verhältnis zu den Unwägbarkeiten des Ichs. Auch die Tagebuchkultur entwickelt sich stark. In Deutschland kommt der Bildungsroman auf. Und nicht zuletzt beschäftigt man sich auf einmal mit der Masturbation.

Das hat man doch sicher schon vorher gemacht!

Gemacht schon. Aber man hat nicht darüber gesprochen. Es gibt in den Archiven unzählige Dokumente von Medizinern, die ihre Patienten ausführlich zur Masturbation befragen. Sie fragen alles: die Qualität der Erektion, der Ejakulation. Und die Leute antworteten! Stellen Sie sich das vor! Es gab eine große Bereitschaft zur Selbstanalyse. Dasselbe gilt für Gerüche. Der Geruchssinn erschüttert das Seelenleben tiefer als das Gehör oder das Tasten. Man möchte sein Ich riechen und es den anderen zu riechen geben.

Hat man also den allgegenwärtigen Gestank beseitigt, um sich auf lieblich duftende Wiesen zu setzen, sich über seinen Bauchnabel zu beugen und sich zu erschnuppern?

Ja, die Revolution des Geruchssinnes führte zu einem hygienischen Feldzug ohnegleichen. Innerhalb von 150 Jahren wird die Gesellschaft fast geruchsfrei gemacht: Straßen werden gepflastert, Flüsse kanalisiert, private Toiletten eingeführt, Gemeinschaftsbetten verdammt. Man kämpft gegen jede Form von Gestank, um Gerüche zu empfinden, die unendlich subtil sind: die Gerüche des erwachenden Ichs. Von diesem Zeitpunkt an entwickelt sich alles hin zur Zartheit. Die Farben, die Klänge und die Gerüche.

Das klingt nach empfindsamen Selbsterfahrungstrips. Was ist der politische Aspekt dieser neuen Geruchsempfindlichkeit?

Wenn man die starken Gerüche fürchtet, fängt man natürlich auch an, das gemeine Volk zu fürchten, das diese starken Gerüche verbreitet.

Waren denn die Gerüche vor dieser Sinnesrevolution völlig unproblematisch?

Die Geschichte der Gerüche ist sehr komplex. Eins kann man aber festhalten: Sehr lange war man davon überzeugt, Gerüche würden alles durchdringen. Sie waren eins mit dem Körper, von selber Substanz. Im Mittelalter zum Beispiel gab es die Gerüche der Heiligkeit. Die Kadaver der Heiligen verbreiteten den göttlichen Duft. Der Geruch war ihre göttliche Essenz. Im Laufe der Zeit wurden die Gerüche immer oberflächlicher. In der Vorstellung der Menschen kommen die Gerüche heute nicht mehr aus der Tiefe der Körper. Man kann sie abwaschen oder nach Belieben wechseln.

Der Titel Ihrer Geruchsgeschichte zitiert die Schlüsselgerüche des 18. und 19. Jahrhunderts: Der Pesthauch steht für die Obsession der schädlichen Gerüche. Der Blütenduft, genauer, der Duft des Osterglöckchens, symbolisiert die erwachende Empfindsamkeit für sublime Düfte.

Man darf nicht vergessen, dass in der damaligen Vorstellungswelt der Blütenduft einen gefährlich sinnlichen Effekt auf die Frauen hat: Die Blume wühlt ihre Sinne auf.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 39/2006

Hintergrund Das Vorbild Wie Alain Corbin Patrick Süskind beeinflusste

"Man möchte sein Ich riechen und es den anderen zu riechen geben." Mit diesem Satz bringt Alain Corbin die Quintessenz seiner Geruchsstudie "Pesthauch und Blütenduft" auf den Punkt und resümiert zugleich das Drama von Süskinds Romanhelden. Nicht besonders verwunderlich, dass Corbins Forschungsergebnisse den Konflikt von Süskinds Roman zusammenfassen, denn der Autor wurde von dem Sachbuch des französischen Historikers zu weiten Teilen seines historischen Romans angeregt. Süskind hatte in Frankreich Geschichte studiert und besaß so die Sprach- und Sachkenntnisse, um ein ausführliches und sehr lobendes Lektoratsgutachten zu Corbins Studie für deutsche Verlage zu schreiben. Angenehmer Nebeneffekt: "Pesthauch und Blütenduft" lieferte dem Gutachter alle kulturgeschichtlichen Hintergründe zu seinem späteren Erfolgsroman und inspirierte ihn zu Kulissen, Personen und Handlungssträngen.

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