28. März 2013, 07:32 Uhr

Im Zweifel gegen den Angeklagten

Kleine Lüge, fatale Folgen: Die Flunkerei eines Mädchens könnte das Leben des 40-jährigen Lucas zerstören. Mads Mikkelsen brilliert im dänischen Drama "Die Jagd" um vermeintlichen Kindesmissbrauch.

Kaum ein Verbrechen erschüttert wohl mehr als der Missbrauch von Mädchen und Jungen. Doch was, wenn der mutmaßliche Täter selbst das Opfer ist - wenn der Angeklagte unschuldig ist? In diese Rolle steckt Regisseur und Drehbuchautor Thomas Vinterberg ("Das Fest") seinen dänischen Landsmann Mads Mikkelsen in dem Drama "Die Jagd".

Mikkelsen ("Casino Royale") spielt den 40 Jahre alten Lucas. Im Leben des ehemaligen Lehrers geht es nach einer Reihe von privaten und beruflichen Tiefschlägen endlich wieder bergauf. Nachdem seine Schule geschlossen hat, findet er einen neuen Job im Kindergarten des kleinen Ortes, in dem er lebt. Mit seiner alles andere als schüchternen Kollegin beginnt er eine Beziehung. Sein Sohn will bei ihm und nicht mehr bei seiner Mutter leben. Mit seinen Freunden trinkt Lucas, feiert und geht jagen. Doch bald sind es nicht mehr die Rehe, bald ist er es selbst, der ins Visier gerät.

Kindliche Schwärmerei mit bösen Folgen

Alles zerbricht, als die Tochter seines besten Freundes Theo (Thomas Bo Larsen) eine kindliche Schwärmerei für ihn entwickelt. Der beliebte Kindergärtner weist Klaras (Annika Wedderkopp) Zuneigung sanft zurück. Sie ist enttäuscht und erzählt der Kindergartenleiterin Grethe (Susse Wold), dass er sich vor ihr entblößt hätte. Die versucht alles richtig zu machen und macht dabei alles falsch. Aus der anfänglichen Flunkerei werden Gerüchte, aus Gerüchten vermeintliche Wahrheiten.

Obwohl es keinerlei Beweise gibt und Klara zurückrudert, wird Lucas schnell als Kinderschänder gebrandmarkt und jäh aus der Mitte der bis dahin so engen Gemeinschaft geworfen. Über Jahre gewachsene Freundschaften zerbrechen. Nur noch Sohn Marcus (Lasse Fogelstrøm) und Kumpel Bruun (Lars Ranthe) stehen Lucas bei im Kampf gegen die Blicke, gegen die Tuscheleien, gegen die Schläge, für die Ehre, für die Wahrheit.

Hysterische Hetzjagd

Regisseur Vinterberg greift nach seinem viel beachteten Debüt "Das Fest" erneut das Thema Pädophilie auf. Doch diesmal ändert er den Blickwinkel. Sein Hauptdarsteller ist völlig zu Unrecht beschuldigt worden - und doch entwickelt die hysterische Hetzjagd auf ihn eine scheinbar nicht mehr zu bremsende Eigendynamik. Die Dorfgemeinschaft hinterfragt nicht, verurteilt und drängt den einstigen Freund ins Aus - im Zweifel gegen den Angeklagten.

Mads Mikkelsen spielt Lucas nicht nur, er lebt ihn, haucht ihm Tiefe ein, zeigt ihn als zerbrechlichen, schüchternen, aber auch selbstbewussten Mann, der nicht aufgibt. Der 47-jährige Däne unterstreicht in diesem bewegenden Drama um Schuld und Unschuld, um Wahrheit und Lüge wieder einmal, dass er es versteht, nahezu blind zwischen den Genres zu wechseln. Dass er den düster-fiesen James-Bond-Kontrahenten ebenso beherrscht, wie den entrückten Pfarrer in "Adams Äpfel" oder die Fantasy-Action in "Kampf der Titanen". Für seine Leistung in "Die Jagd" wurde Mikkelsen beim Filmfestival Cannes dann auch zu Recht als bester Darsteller ausgezeichnet.

Roland Hindl, DPA
 
 
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