Kino tötet keine Menschen

23. Juli 2012, 18:53 Uhr

Littleton, Blacksburg, Aurora - "Matrix", "The Killer", "The Dark Knight Rises". Nach jedem Amoklauf wird Sinn im Sinnlosen gesucht. Diesmal soll wieder das Kino schuld sein. Von Sophie Albers

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Das Kino als Ort des Schreckens: Welche Macht haben Filme wirklich?©

Nach dem Massaker von Littleton waren es die "Matrix"-Filme und vor allem das Image des Popstars Marilyn Manson, die schnell als Vorbilder der jugendlichen Attentäter ausgemacht und in der hitzigen Diskussion gern auch gleich zu Auslösern ernannt wurden. Nach dem Massaker auf dem Campus der Virginia Tech in Blacksburg, wo ein 23-jähriger Student vor fünf Jahren 32 Menschen tötete, waren es die Filme von John Woo und Park Chanwook, die dem Täter als Vorlage gedient haben sollen. Nach dem Anschlag auf das Century-Kino in Aurora reiht sich nun Christopher Nolans "Batman"-Trilogie ein in diese "Filmografie des Terrors". Eine Mitternachtspremiere von "The Dark Knight Rises" war das Ziel des Attentäters, und er hat sich den Beamten bei seiner Verhaftung als Batmans Nemesis Joker vorgestellt.

Offenbar bringt diese "Film zum Massaker"-Suche, die nach fast jedem neuen Amoklauf anspringt, eine gewisse Beruhigung mit sich. So, als habe man mit der Nennung von Titeln die Angst im Griff. So, als könnte das helfen, was am Ende der Argumentationskette steht: solche Film zu verbieten. Dabei ist es ein hilfloser Reflex, der Sinn im Sinnlosen sucht. Der in all den Jahren aber nie zur Klärung der Frage geführt hat, warum Millionen anderer Kinobesucher, die die gleichen Filme sehen, nicht zur Waffe greifen. Und warum Japan, als Entstehungsland besonders blutrünstiger, unvorstellbar brutaler Filmfantasien nicht jede Woche von einem Amoklauf heimgesucht wird.

Von "Clockwork Orange" bis "Benjamin Button"

Dieser Logik zum Trotz hat die Schuldsuche im Kulturbereich eine lange Tradition. Stanley Kubricks gefeierte Parabel zur Gewalt in der Gesellschaft, "Clockwork Orange" (1961), war Gegenstand von Prozessen, weil es sogenannte Copycat-Verbrechen gab, in denen die Gewalt des Films angeblich kopiert wurde. Kubrick selbst ließ den Film aus den Kinos nehmen, nachdem seine Familie Morddrohungen erhielt. Der Reagan-Attentäter von 1981 war besessen von Jodie Foster, so wurde "Taxi Driver" zum Gefahrengut. Nach einer Vorstellung von "Der Pate III" kam es 1990 auf Long Island zu einer Schießerei mit vier Toten. Ein Toter und zig Verletzte waren es bei der Premiere von "Boyz n the Hood" 1991 in Chicago und Seattle. Laut einem Bericht des "Hollywood Reporter" waren nicht nur die Littleton-Mörder von der Bilderwelt der "Matrix"-Trilogie getrieben, zwei weitere Morde werden zitiert. Aber auch das Liebesdrama "Der seltsame Fall des Benjamin Button" hat 2008 zu einer Schießerei im Kino geführt.

Und es geht auch ohne Kino: Der Mörder von John Lennon trug das Kultbuch "Fänger im Roggen" bei sich. Johann Wolfgang Goethes "Die Leiden des jungen Werthers" sorgte für eine ganze Selbstmordwelle. Und Charles Manson war fanatischer Beatles-Fan. Wem die Willkür dieser Reihe, die sich beliebig fortsetzen ließe, nicht ausreicht, um das Werk vom Menschen, der zum Täter wird, zu trennen, kann Antworten bei Regisseuren und Künstlern finden.

"Der Kinosaal ist mein Zuhause"

"Batman"-Regisseur Christopher Nolan hat sich nach dem jüngsten Massaker gar nicht erst auf die angstgetriebene Schuldsuche eingelassen, sondern versucht, den Ort Kino zu verteidigen: "Ich glaube daran, dass Filme eine der großen amerikanischen Kunstformen sind und dass die Erfahrung gemeinsam zu sehen, wie sich eine Geschichte auf der Leinwand entwickelt, ein wichtiger und freudebringender Zeitvertreib ist", so der britische Filmemacher. "Der Kinosaal ist mein Zuhause, und die Idee, dass jemand diesem unschuldigen und hoffnungsvollen Ort in solch unerträglich grausamer Weise Gewalt antut, ist für mich eine Katastrophe."

Der Versuch, der Kunst "Verantwortung als Grund für Leben anzuheften", scheine ihm widersinnig, hat Stanley Kubrick sich einst zur Verantwortung des Regisseurs für die Rezeption seines Werkes geäußert. "Kunst besteht darin, Leben neu zu formen, aber nicht, es zu schaffen oder zu erzeugen. Dem Film mächtige suggestive Qualität zuzusprechen, steht gegen die wissenschaftlich bewiesene Ansicht, dass ein Mensch nicht einmal nach einer tiefen Hypnose dazu gebracht werden kann, etwas zu tun, das seiner Natur widerspricht."

"Filme sind so, wie du bist"

Einen Freispruch für das Kino fordert auch Kultregisseur David Lynch ("Blue Velvet", "Twin Peaks") mit der Aussage: "Die Welt ist so, wie du bist. Filme sind so, wie du bist." Dass, was jeder Mensch in einem Film sieht, trägt er also schon in sich, was auch dem Ergebnis einer Studie zur Medienwirkungsforschung der Freien Universität Berlin entspricht, die befand, "dass gewalttätige Computerspiele die Kinder nicht aggressiver machen, sondern dass aggressive Kinder zu gewalttätigen Computerspielen tendieren". Wollte man mittels Zensur nun verhindern, dass einige Wenige in der jeweiligen Kulturausformung das Falsche finden, wäre man schließlich bei einem anderen Buch und Film: "Fahrenheit 451", wo alle Bücher verbrannt werden, weil sie womöglich Fragen stellen und "unglücklich" machen.

Der Hebel muss ein anderer sein: Nicht Kino tötet Menschen, Waffen töten Menschen. Aber das ist eine andere Geschichte, die nach jedem Amoklauf reflexartig wieder erzählt wird. Am Waffengesetz hat sich in den Vereinigten Staaten trotz der Toten von Columbine und Virginia Tech nichts verändert. Im Gegenteil: James Holmes' AR-15 Sturmgewehr, dessen 50 Kugeln pro Minute Menschen und Wände durchschlugen und auch Zuschauer im Nachbarkino töteten, ist seit 2004 auf Bestreben der US-Waffenlobby National Rifle Organisation wieder käuflich.

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