Vorsicht, "Bieber-Fieber"!

10. März 2011, 16:19 Uhr

Justin Bieber ist Pop-Phänomen, Star des Films "Never Say Never" und einer der meistgehassten und -geliebten Jungs der Welt. Was ist dran an diesem Teenie-Idol? Von Sophie Albers

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Justin Bieber, der harmlose, vielversprechende Junge von nebenan©

Staunen ist wohl das richtige Wort. Da sitzt ein Junge mit Baseballcap hinter einem Schlagzeug, so klein und schmal, dass man ihn kaum sieht, und drischt mit den Sticks, die so lang sind wie seine Arme, auf die Trommelfelle ein. Niedlich, denkt man zuerst. Bis man die Jungs an den anderen Instrumenten sieht: erwachsene, bärtige Männer, an Saxophon, Bass, Gitarre. Und sie spielen: Jazz. Damals war Justin Bieber acht Jahre alt.

Es gibt ein paar Momente in "Justin Bieber 3D - Never Say Never" die Staunen machen. Denn neben all den Zahnspangen-, Pre-Pubertäts- und Hundewelpenblick-Witzen macht der Film eines klar: Kuschel-Teenie-Idol Justin Bieber ist kein Casting-Kind und auch keine Erfindung des Disney- oder Nickelodeon-TV-Kanals, er ist ein musikalisches Wunderkind des Popzeitalters. In welche Richtung seine außergewöhnlichen Talente gelenkt werden, und er sich lenken lässt, ist Geschmackssache. Im Geschäft mit der Popkultur hat dieser Junge, der vor gerade mal drei Jahren entdeckt wurde, jedenfalls mit aller Wucht eingeschlagen.

Erfolgreichster Konzertfilm

Allein im Jahr 2010 hat Justin Bieber 103,7 Millionen Dollar eingesammelt, berichtet die "Los Angeles Times" - die teilen sich auf in Albumverkäufe (48,5 Millionen Dollar), digitale Downloads (6,9 Millionen Dollar) und Konzerttickets (48,3 Millionen Dollar). Und in diesem Jahr wird es noch mehr. Denn die Bieber-Maschine - natürlich stehen Geschäftsleute hinter dem Sänger - hat einen Film auf den Markt geworfen, der nun auch in Deutschland anläuft. "Justin Bieber 3D - Never Say Never" hat allein in den USA in nicht ganz einem Monat knapp 70 Millionen Dollar eingespielt. Damit hat er Miley Cyrus' "Hannah Montana" als erfolgreichsten Konzertfilm abgelöst. Und die Produktionskosten von 13 Millionen Dollar sind lange wieder drin.

Dieser Film, der als eine Art Countdown von Biebers Auftritt im legendären Madison Square Garden in New York erzählt, dient der Manifestierung eines Mythos. Den braucht jeder Star - und er entspricht mal mehr, mal weniger der Wahrheit. Der von Bieber ist es, ein ganz normaler Junge zu sein - der in Kanada in ärmlichen Verhältnissen ohne Vater aufwuchs, der seine Großeltern liebt, der sein Zimmer nicht aufräumt, der mit seinen Kumpels Basketball spielt und Pizza isst, der Gameboy spielt und Twitter-verrückt ist: Justin Bieber ist mit knapp acht Millionen Followern die Nummer zwei - nach Lady Gaga. Angeblich gibt es extra Server, um seinen Traffic zu bewältigen, der drei Prozent des Gesamtvolumens ausmachen soll. "Ich habe ihn an einem Tag 100 Mal getweetet", sagt denn auch ein kleines begeistertes Mädchen, von denen im Film ziemlich viele zu Wort kommen. Schließlich haben sie das "Bieber-Fieber" erfunden - und das vergisst der Film auch nie.

Heimvideos auf Youtube

Die Temperatur steigt seit 2008. Damals stellte Justin Biebers Mutter Videos ihres singenden Sohnes ins Internet, der nie Gesangsunterricht hatte und sich das Klavier-, Schlagzeug-, Gitarre- und Trompete-Spielen selbst beigebracht hat. Er singt R&B-Cover von Ne-Yo, Chris Brown oder Usher. Neben Oma und Opa, für die die Videos der Legende nach eigentlich gedacht waren, entdecken aber auch Tausende Mädchen diesen harmlosen kleinen Prinzen mit der seelenvollen, leidenschaftlichen, vielversprechenden Stimme. Die Clips verbreiten sich, werden Millionen Male geklickt, es entsteht bald eine ganze Fangemeinde.

Auftritt Scooter Brown: Angeblich zufällig klickte auch der Talentscout (zu seinen Entdeckungen gehört Highschool-Rapper Asher Roth) Biebers Videos an und war sofort überzeugt. Er machte den Jungen ausfindig, ließ ihn mehr Heimvideos posten und holte ihn schließlich in die USA nach Atlanta. Allerdings erst nach diversen Gebeten der strenggläubigen Mutter, die laut "New York Times" als Christin Probleme damit hatte, dass Brown Jude ist. Davon erzählt der Film nichts - aber er zeigt, dass Bieber nicht nur vor jeder Show, sondern auch vor dem Genuss jeder schleimigen Pizza betet.

Zum Mythos Justin Bieber gehört auch R&B-Star Usher, der mit 14 selbst als Wunderkind unter Vertrag genommen wurde, und der nun diesen Jungen unter seine Fittiche genommen hat. Überhaupt die Entourage: Glaubt man "Never Say Never" ist Bieber von Leuten umgeben, denen es tatsächlich um den Menschen hinter dem Geschäft geht. Am positivsten fällt dabei seine Stimmlehrerin auf, die ihn immer wieder auf den Boden zurückholt. Die so schlaue Sachen sagt wie: "Er ist erst 16, er weiß nicht, wann er die Klappe halten muss" oder "Er muss erst verstehen, dass es Arbeit ist".

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Justin Bieber und seine Geldgeber©

Schokoeis oder -Pudding?

Der Wechsel zwischen Backstage, Bühne und davor ist fließend und zeigt ein entspanntes, fröhliches Treiben, das der Realität des Tourstresses nicht wirklich nahe kommt. Bis Bieber Probleme mit der Stimme bekommt. Aber auch das wirkt in seiner Dramatik eher wie die schwierige Entscheidung zwischen Schokoladeneis oder Pudding zum Nachtisch.

Allerdings spiegelt das genau die Gefühlslage derer, um die es geht, weil sie Millionen einbringen: pubertierende Mädchen. 84 Prozent der Zuschauer, die den Film in den USA bereits gesehen haben, sind weiblich - und eher jung. Bieber ist Jahrgang 1994, manche seiner Fans sind bereits im neuen Jahrtausend geboren. Beste Voraussetzung für das Tinnitus-fördernde Schreien, das schon bei den Beobachtern von Bands wie Tokio Hotel für so viel Häme gesorgt hat. Und wie Bill Kaulitz sagt auch Bieber: "Ich weiß auch nicht, was da los ist", und lacht. Anders als Kaulitz ist Bieber ein hundertprozentiger Charmebolzen, der Junge von nebenan. "Einer von uns", wie die Mädchen mit ihren "Heirate mich, Justin"-T-Shirts sagen. Das gehört zum Geheimnis seines Erfolges.

Mit 16 hatte Bieber bereits mehr als neun Millionen Alben verkauft. Pop-Größen wie Dr. Dre und Kanye West wollen mit ihm zusammenarbeiten. Wenn er zu einem Basketballspiel der NBA geht, lässt sich Lenny Kravitz mit ihm fotografieren. Die britische Zeitung "The Observer" bemerkte, dass Bieber in den sozialen Netzwerken einflussreicher ist als der US-Präsident oder der Dalai Lama. Für Familie Obama hat er übrigens auch schon gesungen.

Trotz all des Wahnsinns, des Preis-Regens (der Grammy kommt noch) und der Himalaya-hohen Erwartungen wird man allerdings das Gefühl nicht los, dass für Justin Bieber selbst alles nur ein Spiel ist. Das Aufwachen kommt wohl noch. Und dann wird er staunen.

 
 
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