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13. Oktober 2010, 07:56 Uhr

Der Partisan

Er ist ein Urgestein der deutschen Filmszene. Eine kleine Hommage an den Filmregisseur Klaus Lemke, der heute 70 wird. Berühmt wurde er mit auf der Straße gedrehten Filmen wie "Rocker", die trotz geringster Mittel vor allem eines waren: sexy. Von Peter Luley

Klaus Lemke, Rocker, Hamburg, Der sündige Süden, 70, Filmfest

Klaus Lemke geht nicht ohne Mütze aus dem Haus© Picture-Alliance

Die Eröffnung des Hamburger Filmfests am 30. September. Über den grünen Teppich, dessen Farbe darauf hinweisen soll, dass sich die Hansestadt 2011 "Umwelthauptstadt Europas" nennen darf, läuft die bei einem B-Festival übliche Halbprominenz: Jutta Speidel, Ex-"Blümchen" Jasmin Wagner. Etwas lauter werden die Spalier stehenden Fotografen nur beim Regisseur Fatih Akin, der pflichtschuldig ein paar Worte in die Mikrofone spricht.

Dann, um kurz vor 20 Uhr, tut sich was jenseits der Absperrungen. Aus der Dunkelheit tritt ein Mann mit grauem Mantel und Schiebermütze, begleitet von einer jungen Frau in einem gefährlich knappen roten Kleid und einem Slacker in Lederjacke. Er versucht sich offenbar uneingeladen Zutritt zu verschaffen. Nach kurzer Debatte mit den Ordnern wird das Trio durchgelassen und nimmt Aufstellung vor den Kameras. "Papas Staatskino ist tot" steht auf dem Schild, das der Mann vor sich trägt, "Lemke" auf dem der jungen Frau. Die Fotografen sind jetzt richtig wach, auf einmal liegt ein Hauch von Action über der Szene - und die Ahnung, dass Kino doch noch eine andere Aura haben kann als wohltemperierte Routine.

Hauptsache es passiert was

So unvermittelt sie kam, so schnell ist die kleine Performance auch wieder vorbei - und dabei auf rührende Weise typisch für das Schaffen des Filmregisseurs Klaus Lemke, der sie mit Saralisa Volm und Henning Gronkowski, den Hauptdarstellern seines aktuellen Projekts "Kein großes Ding", in Szene gesetzt hat. Typisch zum einen, weil sie mit dem Kampf gegen die seiner Meinung nach "kreativitätskillende" staatliche Filmförderung ein Lebensthema Lemkes zum Gegenstand hat. Zum anderen, weil sie ein weiteres Grundprinzip des passionierten Provokateurs veranschaulicht: Wichtiger als Perfektion ist, dass überhaupt mal was passiert - nur sexy muss es, bitte, sein.

Was das bedeutet, konnten die Hamburger in den vergangenen acht Wochen einmal mehr hautnah erleben. Wer Ende August die Flaniermeile Schulterblatt im hippen Schanzenviertel hinunterging, wurde zeitweise Zeuge gleich zweier Filmdrehs: Auf mittlerer Höhe improvisierte Lemke mit seinem Guerilla-Team aus Kamera- und Tonmann; weiter unten markierten Absperrungen und parkende Trucks den Dreh des 30. "Bella Block"-Krimis mit Hannelore Hoger. Hier der Partisan, der seine 100.000-Euro-Straßenstücke selbst vorfinanziert und seinen Laiendarstellern sowie allen Crewmitgliedern pro Tag 50 Euro auszahlt; dort die Auftragsproduktion mit Ausstattung, Maske und Catering.

Zwischen München und Hamburg

Auf diese ganz spezielle Weise hat Lemke, der in München Schwabing wohnt, aber regelmäßig in seinem Stammhotel im Hamburger Hafenviertel eincheckt, seinen beiden Lieblingsstädten in den vergangenen Jahrzehnten schon einige Sittengemälde geschenkt: den Hamburgern sein Opus magnum, die Biker-Oper "Rocker" (1971) und "Finale" (2006). Den Münchnern ihre ureigene Milieukomödie "Amore", 1978, und zuletzt "Schmutziger Süden" (2009). So sehr ist das Authentische, Unprätentiöse, Fröhlich-Subversive zu seinem Markenzeichen geworden, dass manchem kaum noch bewusst sein mag, dass Lemke früher durchaus auch mit größerem Budget gedreht hat - und keineswegs schon immer so asketisch gelebt hat wie heute, da er frühmorgens an der Elbe läuft und nur noch maßvoll raucht und trinkt.

Mit Lemke über die Vergangenheit zu reden ist allerdings nicht eben leicht. Nostalgie möchte er nicht aufkommen lassen - schon gar nicht im Zusammenhang mit seinem bevorstehenden 70. Geburtstag. Zwar hat er sich für das erbetene Interview vier Stunden Zeit genommen. Doch die Bedingungen diktiert er selbst. Die Mütze tief ins Gesicht gezogen, wartet er konzentriert die Fragen ab - und sagt bei Nichtgefallen einfach "skip"- die nächste, bitte! Ist ihm dagegen eine Punchline geglückt, fährt seine Hand durch die Luft: "cut!", ruft er dann wie beim Dreh.

Seite 1: Der Partisan
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