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2. April 2009, 09:33 Uhr

Wir sind nicht Papst

Sprechende Schlangen und Empfängnis ohne Sex, Machtgeilheit und jede Menge Kriege. "Religulous" von "Borat"-Regisseur Larry Charles nimmt sich den Glauben vor, stellt einfache Fragen, auf die es immer wieder erschreckende und lächerliche Antworten gibt. Dieser Film ist ein überfälliges, gut gemachtes Stück Aufklärung. Und höllisch lustig. Von Sophie Albers

Religulous, Bill Maher, Larry Charles, Borat, Gott

Was sagt eigentlich Jesus dazu? Bill Maher fragt sich in "Religulous" durch© Centralfilm

Die wunderbar durchgeknallten Jungs von "Jackass" hat es einst in die Mormonen-Hochburg Salt Lake City verschlagen. Als Teufel verkleidet, mit roten Hörnern, Dreizack und einem Schild mit der Aufschrift "Ich bin ein netter Kerl" stellte sich einer der Stuntmänner mit nicht vorhandener Schmerzgrenze auf eine Straßenkreuzung. Und was passierte? Er wurde kräftig vermöbelt.

Auch wenn die Gesellschaftskritik bei "Jackass" selten so offen lag, landeten Johnny Knoxville und seine Mannen einen Volltreffer. Was sind das für Menschen, die sich einem Regelwerk beugen, um besser zu werden, um die Welt zu einem schöneren Ort zu machen, um ihrem Gott zu gefallen, denen aber bei jeder Kritik sofort Worte und Nächstenliebe ausgehen?

Der Film "Religulous" - das Wort ist eine Mischung aus religous und ridiculous, religiös und lächerlich - macht sich auf, diese Frage zu beantworten und ist dazu an ihre Wurzel gegangen: "Wie können rational denkende Menschen ernsthaft glauben, dass sie beim Abendmahl das Blut Christi trinken, oder dass nach dem Märtyrertod Jungfrauen im Jenseits auf sie warten?", lautet sie hier. Stellen tut sie Bill Maher.

Weltzerstörerische Scharlatanerie

Der amerikanische Late-Night-Talker und Stand-Up-Comedian ist dazu um die Welt gereist. Die Antworten, die der Mann mit den grauen Haaren ums Jungsgesicht gefunden hat, wären zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Denn die neue Satire von "Borat"-Regisseur Larry Charles landet immer wieder bei der Erkenntnis, dass der Glaube in seiner fundamentalen Variante vor allem eines ist: weltzerstörerische Scharlatanerie, die Menschen missbraucht und tötet. Dabei nimmt Maher sich fast jede große Religion vor. Gleich zu Beginn auch die eigene: Er setzt sich mit seiner Mutter vor die Kamera, um zu fragen, wie wichtig der Glaube eigentlich in seiner jüdisch-katholischen Familie war.

Weil Mama meist Besseres zu tun hatte, als sich die Gretchenfrage zu stellen, reist Maher weiter: von Utah nach Florida, von Jerusalem nach Stonehenge, von einer Kiffer-Kirche in Amsterdam zum Vatikan. Mal wird er geduldet, mal rausgeworfen, mal umarmt, von Christen oder Muslimen beschimpft, von Juden verachtet und von Mormonen bedroht. Zu Zeiten der Inquisition hätte man ihn auf dem Scheiterhaufen verbrannt, schreibt der "Rolling Stone". Im Film hat man zuweilen das Gefühl, manche Leute wünschen sich diese Zeiten zurück. Aber weil die glücklicherweise vorbei sind, lacht man schon wieder.

Die sprechende Schlange

Maher vorzuwerfen, dass er sich auf Kosten der Gläubigen und ihrer Geschichte lustig mache, funktioniert nicht. Sie sind es selbst, die für Lacher, aber auch Schrecken sorgen. Gruselig ist dabei ein Senator in Arkansas, der Probleme mit der Evolution hat, und auf die Frage, ob er denn wirklich an eine sprechende Schlange glaube, antwortet: "Man muss keinen Intelligenztest machen, um in den Senat zu kommen". Da ist sogar Maher sprachlos.

Manchmal erinnert dieses bissige Spiegel-Vorhalten an Michael Moore. Aber Maher ist besser. Anders als der "Fahrenheit 9/11"-Regisseur stellt er sich mit in den Kreis der Befragten und bleibt nicht draußen, um auf die nach Antworten Suchenden zu zeigen. "Ich weiß nicht, was passiert, wenn ich sterbe", ist sein Motto. "Woher wollen Sie es wissen", lautet seine Frage. Wie jede gute Satire sorgt "Religulous" dafür, dass der Lachende sich in der nächsten Minute fragt, worüber er da eigentlich lacht. Ganz im Sinne der Aufklärung: Treten Sie aus Ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit und gucken Sie sich mal um.

Die Jungs von "Jackass" sind übrigens noch mal mit einem blauen Auge davon gekommen. Sie wurden von kleinen Japanerinnen gerettet, die mit ebenso kleinen Handtaschen kichernd auf einen prügelnden Glaubenskämpfer einschlugen. Dem Himmel sei Dank.

"Religulous" kommt am 2. April ins Kino

Von Sophie Albers
 
 
KOMMENTARE (10 von 12)
 
Vincent_Vega (03.04.2009, 23:14 Uhr)
Bill Mahers Zitat
Aus Wikipeida:
"Zusammen mit dem politischen Kolumnisten Dinesh D'Souza wies er die Aussagen von Präsident Bush und Anderen zurück, die Terrorangriffe vom 11. September 2001 seien feige gewesen:
„Wir waren die Feiglinge, die Marschflugkörper aus 2000 Meilen Entfernung abgefeuert haben. Das ist feige. Im Flugzeug zu bleiben bis es in das Gebäude einschlägt, sagen Sie darüber was sie wollen, das ist nicht feige.“
- Bill Maher: Politically Incorrect (2001)"
Nn ja, der Vergleichj mit den Marschflugkörpern und dem Flugzeug mag zwar stimmen, aber teuflisch oder böse war diese Tat09/11 eben doch.
Seattlelite (02.04.2009, 16:58 Uhr)
Bill Maher
Maher versucht weder Leute zu beleidigen, noch Geld zu machen. Er ist einer derjenigen, welcher die Dinge sieht wie sie sind. Er kritisiert sein eigenes Land (und wurde deswegen von einem der grossen Fernsehsender gefeuert). Er will provozieren und die Leute zum Denken anregen. Manchmal klappt dieses nur mit Humor. Er ist ein Meister darin. Und was er tut, tut er aus Ueberzeugung, nicht aus Geldgier, wie einige hier meinen. Der Film ist absolut sehenswert und hat hier in den USA fuer einige Diskussionen gesorgt. Und das ist genau das, was er wollte. Ich ziehe meinen Hut vor Bill und den Mut, den er hat. Seine Show "Real Time" ist eine der wenigen Sendungen hier im Fernsehen, die es sich wirklich jedesmal lohnt, zu sehen.
derbenito (02.04.2009, 16:10 Uhr)
Den Diskussionverlauf...
ich finde erschreckend, wie hier argumentiert wird. Der Film wird in einem Jahr vergessen sein. Hier wird gepöpelt gegen Andersdenkende mit einer Aggression, unglaublich. Was ist denn mit Euch los? Fakt ist, dass ein Film wieder über Menschen herzieht, die herhalten müssen, damit ein Regisseur sich die Taschen vollmachen kann.
Administrator (02.04.2009, 15:19 Uhr)
Liebe User
vielen Dank für Ihre Beiträge. Bitte bleiben Sie mit Ihrer Diskussion beim Thema und vor allem sachlich. Bei dem derzeitigen Verlauf der Debatte müssen wir überlegen, ob wir sie abstellen müssen.
Herzliche Grüße,
Ihre stern.de-Admins
Shinwatoshi (02.04.2009, 12:46 Uhr)
Der Film kommt heute raus
und der eine oder andere hier hat ihn scheinbar schon gesehen ;) Nun ja, auch ich habe mal den christlichen Kirchen eine Frage gestellt, die ganz simpel war: "Gegen welches der 10 Gebote hat die christliche Kirche noch nicht verstoßen?" Auf die Antwort der kath. Kirche warte ich heute noch. Und die Sache mit der sprechenden Schlange; die Hardcore-Christen verteufeln Harry Potter & Co. weil es dort sprechende Tiere gibt, aber sie selber haben ja auch eines in ihrem Märchenbuch. Meinetwegen glaubt an Gott, aber belästigt die anderen nicht damit!
artbond (02.04.2009, 12:19 Uhr)
@oberflächlich
pseudo-wissenschaft, sugestive primitive Fragen un das Schweben über den Dingen...
Ist genau das, was alle Religionen machen...
Der Artikel und der Film zeigen nur ohne viel zu interpretieren...
Tom3 (02.04.2009, 12:03 Uhr)
mich wundert eh, wie schnell die Menschen vergessen...
...z.b. die ganzen Verbrechen der kath. Kirche. Ich möchte gar nicht wissen, wieviele Menschen im Namen dieser Sekte umgebracht wurden.
Wenn die Leute sich mal von dieser Vorbeterei freimachen u. ihren Verstand selbstständig nutzen würden, dann wäre ja auch schon viel erreicht, denn eine Institution, die sich zwar die Nächstenliebe auf die Fahnen schreibt, aber das Wort nur gegenüber andern und nie bei sich selbst als Maßstab anlegt, der ist einfach nicht zu helfen u. der sollte man auch nicht nachrennen!
Dieser Film wird hoffentlich einigen die Augen öffnen, er ist mehr als überfällig.
klabautermann79 (02.04.2009, 11:47 Uhr)
Spitze!
Ich finde es gut, wenn solche Satire gemacht wird. Wie schon richtig gesagt, wäre der Macher des Films zu Inquisitionszeiten sicher verbrannt worden. Heute wird man wenigstens "nur noch" verprügelt. Als Religionskritiker wird man ohnehin immer als Unmensch an den Pranger gestellt. Wenn es um den Glauben geht, wird geheuchelt bis zum Erbrechen, es wird gedroht und verunglimpft. Von mir aus kann jeder seinen Glauben haben, aber sobald er damit anderen Menschen ungefragt auf die pelle rückt, wenn körperliche und seelische Gewalt ins Spiel kommen, hört der Spaß auf. Und was die Verbreitung von Angst und Schrecken angeht, kennen sich die großen, monotheistischen Religionen ja bestens aus. Da muß man nur mal kurz das Geschichtsbuch bemühen. Aber immer schön von Frieden und Brüderlichkeit reden, pfff.
sausewindxxl (02.04.2009, 11:19 Uhr)
Popcorn liegt bereit...
Ja, hin und wieder wird er eben versucht: Der Aufstand der kleinen Menschen gegen den Schöpfer. Die Antwort, so lehrt uns die Bibel, folgte meist mit gewisser Verzögerung -der Herr ist ja geduldig- aber sie traf uns immer. Also lehnen wir uns zurück und genießen das Programm. "Die besten Apokalypsen aller Zeiten" - vom größten Regisseur aller Zeiten. Eine neue Folge demnächst im Kino "Erde"! Ich freue mich schon darauf. Popcorn liegt bereit...
gormiti (02.04.2009, 11:16 Uhr)
ich bin nicht die JackAss Generation
Aber ich liebte schon "Leben des Brian".
Würden alle Religionen nach ihren Regeln leben..müsste ja eigentlich Frieden herrschen.
Aber wir wissen ja alle das Durch Religionen immer Kriege entstehen. Das ist echt peinlich.
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