Schneewittchen und seine Zahnbürsten

9. September 2012, 21:44 Uhr

Borowski und Brandt suchen einen Unsichtbaren: Der Mörder in "Borowski und der stille Gast" fasst zwar alles an, hinterlässt aber keine Spuren. Grusel pur in einem faszinierenden Psychothriller. Von Susanne Baller

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Tatort, Kiel, Borowski, Axel Milberg, Sibel Kekilli, Sarah Brandt

Kai Korthals (Lars Eldinger) gibt Sarah Brandt und Klaus Borowski Rätsel auf: Er hinterlässt keine Fingerabdrücke und liebt fremde Zahnbürsten©

Er schleicht herum, tatscht an, betrachtet, leckt und riecht - mit allen Sinnen widmet sich Kai Korthals (Lars Eldinger) den Wohnungen von Frauen, die er nicht kennt und die ihn nicht kennen. Ausgewählt werden seine Angebeteten nach einem flüchtigen Augenblick: Sie müssen dem von ihm begehrten Schneewittchen-Typus entsprechen. Dem ersten Begehren folgt aber mitnichten die klassische Einladung zum Kaffee. Um der Auserkorenen nahe zu sein, dringt der Postzusteller in ihre Wohnung ein, macht sich einen eigenen Schlüssel nach und "zieht ein". Wann Korthals kommt und geht, weiß allerdings nur er, der Mörder in "Borowski und der stille Gast".

Der heimliche Untermieter

In der Wohnung, wo der erste Mord geschieht, zu dem Borowski (Axel Milberg) und Brandt (Sibel Kekilli) gerufen werden, zeigt sich, welche Angst das Opfer vor dem Mann hatte, den es nie gesehen, dessen Anwesenheit es aber gespürt hat. Die Wohnungstür von Carmen Kessler ist mit so vielen Sicherheitsschlössern verriegelt, dass selbst der Schlüsseldienst aufgegeben hat und die Polizisten durch ein Hinterhoffenster in die Wohnung klettern müssen. Mit einem Brecheisen in der Hand lag die Frau unter dem Bett, als sie ihren Notruf bei der Polizei abgab. "Er ist wieder hier. Er kam durch die Wand", flüsterte sie ins Telefon. Da Kai Korthals seine Opfer in- und auswendig kennt, hilft ihr der Anruf aber nicht, sie muss sterben. Das Morden ist eigentlich nicht Korthals' Intention, doch die Frauen lassen ihm keine andere Wahl: Sie haben sein Geheimnis entdeckt, also muss er sie töten, bevor sie ihn verraten können.

Da es in dem Kieler Fall nicht um das klassische "Whodunit" eines Krimis geht, der Mörder dem Zuschauer also von vornherein bekannt ist, bleibt Zeit, sich der Psyche des Täters zu widmen. Wie lebt, denkt, tickt ein Mensch, der einer Frau nahe sein will, ihre physische Präsenz aber nicht ertragen kann? Der seine eigenen CDs ins Regal schummelt, damit er sich wie zu Hause fühlt, und beim "Einzug" ein Foto von sich in der Wohnung macht. Der sich als Erstes mit der Zahnbürste der neuen Frau die Zähne putzt, um sie beim nächsten Besuch gegen eine nachgekaufte auszutauschen und die benutzte als Fetischobjekt einzustecken. Lars Eldinger schafft es, die vielschichtigen Eigenschaften zu zeigen, sein Korthals ist kinderlieb, freundlich, gutherzig - und tötet ohne zu zögern. Drehbuchautor Sascha Arango hat bereits den ersten Fall für das Duo Borowski/Brandt geliefert und sich erneut als brillanter Thrillerschreiber bewiesen.

Kommissare mit Charakter

"Fuck die Fakten", brüllt Sarah Brandt ihrem obersten Vorgesetzten, Kriminalrat Schladitz (Thomas Kügel), ins Gesicht. Sie kann sich in die Opfer einfühlen, die von Korthals belästigt werden: "Er hat sie beschlichen, ist überall rumgekrabbelt, hat alles betatscht, besabbert, dieser Wichser, diese Spinne!" Während Brandt sich einerseits in die Matrix von Computern stürzt, mit 3-D-Scannern arbeitet und eigenhändig Müllcontainer durchwühlt, brennen ihr bei anderen Gelegenheiten die Sicherungen durch. Und das hat nichts mit der Epilepsie zu tun, unter der sie leidet. Sie prügelt sich mit der heroinsüchtigen Roswitha (eine toll besetzte Peri Baumeister), provoziert, flucht und nennt die Frank-Sinatra-CDs des Mörders Alte-Leute-Musik. Ein sympathischer, launischer, teeniehafter Twen.

Kommissar Borowski hat dieses Mal an allen Fronten zu kämpfen. Er entdeckt, dass seine Kollegin Sarah Brandt an Epilepsie leidet. Sein Freund und Chef Roland Schladitz steht mal wieder nachts mit Koffern vor der Tür: Dieses Mal hat die Gattin ihn mit einer Nutte erwischt. Und der Mörder, den Borowski sucht, hinterlässt weder Fingerabdrücke noch andere Spuren. Die Belastung ist seinen Nerven anzumerken, er zischt die Kollegin wütend an, macht sich Vorwürfe, dass er die drogenabhängige Roswitha in ihre Wohnung zurückgeschickt hat, schleudert seine Bratpfanne durch die Küche und erschießt seinen zickenden Schrottwagen wie Cowboys einen lahmenden Gaul. Das menschelt und unterhält.

Tolle Umsetzung und ein überraschendes Ende

Dass einem immer wieder eine Gänsehaut die Haare zu Berge stehen lässt, liegt nicht zuletzt an der fantastischen Kameraführung von The Chau Ngo und dem Sound von Torsten Többen und Thomas Vosseler. Danke, dass es zwar eine Duschszene mit Brandt und Korthals à la "Psycho" gibt, aber das gern zitierte Violinenquietschen ausbleibt! Hitchcock-Anspielungen müssen nicht allzu dick markiert werden, haben sich Regisseur Christian Alvart und sein Team wohl gedacht.

Schlimm für den Zuschauer ist lediglich, nach diesem "Tatort" das Sofa verlassen und ins Bett gehen zu müssen. Denn wer weiß, ob sich der ekelige Korthals nicht gerade im eigenen Schlafzimmer versteckt? Dass der kranke Mann am Ende entkommt, widerspricht der von Borowski vermuteten Exit-Strategie und beweist Mut zu einem offenen Ende. Der Zuschauer kann sich ja beim anschließenden "Günther Jauch" wieder etwas beruhigen.

 
 
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