Glaubwürdig war vorgestern

17. Oktober 2011, 17:21 Uhr

Mit Sido und Bushido haben medienwirksam verfeindete Rampensäue zu einer musikalischen Kooperation zusammengefunden. Viel Progressives kommt dabei nicht raus, daran ändert auch Peter Maffay wenig. Von Sophie Albers

Für Freunde des deutschen Raps ist dieses Ereignis wahrscheinlich so aufregend wie die Wiedervereinigung von Take That für Pop-Fans. Da sitzen Sido und Bushido, die seit fast zehn Jahren vom verbal verschwurbelten Hass aufeinander und auf die Welt sehr gut gelebt haben, und nun kommt die "spektakuläre" Versöhnung. "Männer" schauen sich in die Augen und rappen "vergeben und vergessen". Die Welt kann so schön sein - wenn das Geld stimmt.

Morgens halb elf in Deutschland. Journalisten sitzen in einem abgedunkelten Raum in den altehrwürdigen Mauern der Zitadelle in Berlin-Spandau. Disko-Nebel reflektiert eine kleine Lichtshow, und aus den Boxen wummert deutscher Straßen-Rap - also das, was davon übrig ist: Noch immer brennt irgendwo die Straße, und noch immer ist klar, dass der, der gerade rappt, den Längsten und Größten hat. Ein Schuss Sozialromantik rundet das Paket ab. Und Peter Maffay singt. Aber dazu später mehr.

Immer wieder Alice Schwarzer

Wie schlecht muss es dem deutschen Rap gehen, dass Sido und Bushido sich zu diesem Marketing-Schritt entschließen mussten, der laut Insidern übrigens weniger kuschelig verlief, als propagiert wird. Aber nun ist es eben da, das Album "23", für das der "Mann mit der Maske" und der "Typ mit dem Zahnstocher", wie sie sich ehemals präsentierten, gerade auf Altherren-Ledersesseln Platz genommen haben. Entspannt und selbstherrlich, schließlich haben sie die Welt gebaut, in der die Journalisten hier sitzen.

Während Sido wie gewohnt mit mehr oder weniger charmanten Witzchen Sympathiepunkte sammelt, bleibt Bushido seiner Masche treu zu erzählen, wie sehr er gehasst und angefeindet wird, aber trotzdem immer weitermachen werde. Vielleicht hat er in seiner Villa im gediegenen Teil Berlins nicht mitbekommen, dass das Interesse an seiner Person längst verebbt ist. Aber da das in seiner Welt eben nicht vorkommt, berichtet er gleich mehrfach von seiner - für ihn offensichtlich schweren - Auseinandersetzung mit Alice Schwarzer. Die habe Streit mit ihm angefangen, nachdem er ihr einen Korb gegeben habe. Dabei sei er doch ein Frauenversteher und übrigens auch nie schwulenfeindlich gewesen.

Da auch diese Argumentation alt ist, machen wir es kurz: 22 ist die Summe der Alben, die Sido und Bushido gemacht haben, und dieses ist nun für Beide das 23ste. 17 Stücke sind darauf zu hören, alle vollendet produziert, pathetisch pompös, manchmal auch mit ordentlichem Groove wie "Und schon wieder“ oder "23". Nur: Neues gibt es nicht. Die Attitüde ist die gleiche, sie ist nur auf Hochglanz poliert. Glaubwürdigkeit war vorgestern.

Und dann kam Peter Maffay

Wirklich witzig sind immerhin zwei Skits, in denen Sony-Chef Willy Ehmann von forschen Jung-Rappern angerufen wird, die einen Plattenvertrag haben wollen. Und dann gibt es eben diesen Song "Erwachsen sein", der einen kurz aufweckt aus dem üblichen Rap-Geballer-Gedöse. Darin ist Peter Maffay zu hören: "Ich wollte nie erwachsen sein/ hab' immer mich zur Wehr gesetzt/ Von außen wurd' ich hart wie Stein/ Und doch hat man mich oft verletzt".

Der Song sei Bushidos Idee gewesen, sagt Sido. "Mir wurde immer übel, wenn wir daran gearbeitet haben", aber sein Ex-Feind habe gewusst, was drin steckt. Schließlich sei Maffay persönlich vorbeigekommen, um den Text einzusingen, und auch er habe es kapiert, erzählt der 30-Jährige gutgelaunt. Doch auch die Reaktivierung eines Altstars ist ein alter Hut. Bushido selbst erinnert an seinen Erfolg mit Karel Gott.

Vielleicht das Video? Für das wurde reichlich Geld in die Hand genommen. Gedreht wurde in Kiew, erzählt Sido. Und das Label habe ihnen blind vertraut. Herausgekommen ist ein Medley aus Filmklassikern wie "Heat", "Bram Stoker's Dracula", "Eyes Wide Shut" und John Woo'scher Martial-Arts-Gewalt. Die Bilder sind beeindruckend und natürlich provokant. Gleich zu Beginn laufen zwei Gestalten in schwarzer Burka hinter Bushido her, später fliegen abgetrennte Körperteile durch die Gegend. Nur an den Song erinnert man sich nicht wirklich. Ah, Moment, es ging um einen Banküberfall. Möglicherweise.

"Ich bring immer noch den Sound, der hier auf der Straße läuft", heißt es in "23".

Nö!

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