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Der große Blonde meldet sich zurück

Der Ärzte-Gitarrist Farin Urlaub veröffentlicht mit seinem Solo-Projekt Racing Team ein neues Album - das erste seit sechs Jahren. Der stern traf den 50-Jährigen zum Interview.

  "Faszination Weltraum" ist das vierte Album, das Farin Urlaub mit seiner Band Racing Team produziert hat

"Faszination Weltraum" ist das vierte Album, das Farin Urlaub mit seiner Band Racing Team produziert hat

Farin Urlaub, Pop-Deutschland fiebert in diesem Herbst zwei Alben entgegen: dem von Herbert Grönemeyer und Ihrem...
... und auch das neue von Kraftklub wurde sehnsüchtig erwartet! Danke für die Blumen, aber Grönemeyer und ich: Das sind doch zwei verschiedene Ligen.

Wie Grönemeyer sind auch Sie sind schon lange dabei, können machen, was Sie wollen - und es wird ein Erfolg.


Ich habe schon immer gemacht, was ich wollte. Aber es stimmt: Sowohl mit Die Ärzte als auch mit dem Racing Team läuft es besser, als ich es je für möglich gehalten hätte. Ich könnte meine Position auch mal nutzen, um schräge oder verkopfte Sachen zu machen, aber das Schöne ist - oder vielleicht auch das Traurige -, dass mich das gar nicht reizt. Ich möchte einfach gern geile Rocksongs machen.

Das neue Album fängt unbeschwert an, dann wird es schnell ernster. Auf Dynamit reimen Sie "Architekturkritik, die man tatsächlich sieht". Was ist passiert?


Auf den Reim bin ich ein bisschen stolz! Und: Ich bin jetzt 50 Jahre alt, einige Themen langweilen mich schneller als früher, da suche ich mir dann andere. Nur bei Liebesliedern geht mir nicht die Munition aus.

Werden auch Die-Ärzte-Fans neue Racing-Team-Album kaufen?


Wohl nicht für alle. Die Ärzte sind einfach noch mal drei Nummern größer, aber ich bin schon überrascht, dass es mit der anderen Band so gut läuft: Ich hoffe, es geht so weiter.

Wie unterscheidet sich das Racing-Team-Publikum von dem der Die Ärzte?
Die Ärzte laufen viel im Radio, da haben wir ein breites Publikum. Und die Leute, die dann kommen, wundern sich oft, dass wir so seltsame, lange Konzerte spielen. Die Jüngsten sind da so um die zehn, die Gruppe 16, 17, 18 ist stark vertreten, dann gibt es eine kleine Lücke, und dann geht es hoch bis zu meinem Alter. Beim Racing Team ist es begrenzter, da kommen eher die Rockfans. Da ist dann auch nach zwei, zweieinhalb Stunden Schluss. Eine Konzertlänge, die man überleben kann.

Bei all dem Zuspruch für das Racing Team: Warum gab es eine sechsjährige Pause seit dem letzten Album?


Das war Zufall. Ich betreibe die Band in Die-Ärzte-Pausen - anderes ginge es ja auch nicht - und der letzte Zyklus mit Bela und Rod hat länger gedauert, als ich gedacht habe. Zudem erschien das dritte Album mit dem Racing Team wohl zu schnell nach dem zweiten.

Wie haben Sie das festgestellt?


Die Tour danach war nicht so gut besucht. Die Leute hatten vielleicht eine Überdosis Die Ärzte und überlegten sich: Schon wieder dieses Großmaul sehen? Och, nö. Da habe ich auch gelernt, dass etwas Abstand ganz gut tut und bin erst mal lange verreist. Und anschließend haben sich erst mal Die Ärzte telefonisch verständigt, ein neues Album aufzunehmen und auf dann auf Tour zu gehen. So sind eben sechs Jahre verstrichen zwischen zwei Racing-Team-Alben.

Wenn Sie die Idee für einen neuen Song haben, wie entscheiden Sie, ob der für Die Ärzte oder für das Racing Team ist?
Da gibt es nichts zu entscheiden, das weiß ich sofort. Das ist wie beim Tennis: top spin oder down spin - da gibt es auch kein langes Nachdenken. Und die Songs, die mir für das Racing Team einfallen, sind auch anders. Da habe ich gleich die große Besetzung im Kopf: mehr Stimmen, es gibt Bläser, und ich kann Gitarrenarbeit abgeben.

Die Musiker stellt auf Ihrer Homepage Manuel Andrack vor, vielen bekannt als Sidekick von Harald Schmidt. Wie ist er zum Racing Team gekommen?


Ich habe ihn mal bei der Harald-Schmidt-Show kennen und schätzen gelernt. Zunächst fand ich es etwas größenwahnsinnig, ihn zu fragen, ob er mit einer kurzen Moderation jeden einzelnen Musiker einführen könnte. Aber er hat gleich zugesagt, er mag unsere Musik.

Soll einer wie Manuel Andrack, das Racing Team intellektuell veredeln?
Andrack veredelt alles. Aber das war nicht der Hintergedanke. Ich fand es einfach verlockend, Andrack, der ja sonst höhergeistige Sachen macht, für mein Projekt zu missbrauchen. Und es war schön, dass er so viel Humor hatte mitzumachen.

Auf der Homepage tritt nicht nur Andrack auf, da lassen Sie auch jeden Monat ein Buch erraten. Sollen die Racing-Team-Hörer mehr lesen?


Literatur liegt mir am Herzen, und durch mein privilegiertes Rockstar-Leben habe ich auch Zeit zum Lesen. Im Moment sind es viele Romane und Sachbücher aus Afrika, die möchte ich den Leute näher bringen, indem ich sie Autoren erraten lasse. Das ist in Zeiten von Google allerdings nicht mehr eine so große Herausforderung.

Die Ärzte und anschließend auch das Racing Team haben das Geschäft mit den Tonträgern vor langer Zeit in die eigene Hand genommen. Haben Sie Mitleid mit den Plattenfirmen, die es heute auch nicht mehr so leicht haben, Geld zu verdienen?


Da muss ich jetzt vorsichtig sein, was ich sage... Also: Die Plattenfirmen haben schon selbst mit Schuld. Die haben erst die Musik komplett entwertet, dann als Allheilmittel versucht, sie noch ein zweites und drittes Mal in einem neuen Format zu verkaufen, so dass auch der hartgesottenste Fan es nicht mehr einsieht, noch einmal Geld auszugeben für eine Blue-ray oder was auch immer. Nein, die Plattenfirmen haben - ich weiß, ich verallgemeinere sträflich - wenig Geld in den Aufbau von Nachwuchskünstlern gesteckt. Die haben in den 90er und in den Nuller Jahren ganz viel an die Wand geworfen und mit dem, was hängengeblieben ist, weitergemacht. Eine Band wie Die Ärzte hätte da keine Chance gehabt. Wir haben lange Zeit sehr wenig Platten verkauft, es ging alles sehr langsam. Die Zeit, die wir hatten, hat heute keiner mehr.

  Farin Urlaub und seine Band Die Ärzte auf einem Foto aus dem Jahr 1993

Farin Urlaub und seine Band Die Ärzte auf einem Foto aus dem Jahr 1993

Wie kann es da eine Band noch nach oben schaffen?
Ich bin froh, dass ich aus der Nummer raus bin. Jeden Tag gibt es 1000 Veröffentlichungen. Wie soll man es da noch Aufmerksamkeit erregen? Es gibt sicher viele tolle Bands, die ich nie kennenlernen werde. Das ist auch ein frustrierender Gedanke. Die letzte Band, die ich auf Empfehlung eines Kollegen entdeckt habe, war Dyse - die sind großartig. Die sind zu zweit, und rocken mehr als andere zu fünft.

Viele Musiker erhoffen sich ein wenig mehr Popularität durch das Internet. Die Ärzte und das Racing Team kommen gut ohne aus. Ihre Songs gibt es weder bei Spotify noch sonst wo.


Weil wir uns nicht ausbeuten lassen wollen. Dann sollen die Leute lieber die Eier haben, das Zeug komplett illegal runterzuladen. Aber 0,000006 Cent oder so ähnlich, nur damit sie vermeintlich legal unterwegs sind: Das empfinde ich als Verarschung.

Vor drei Jahren haben Sie angekündigt, noch zehn Jahre, dann sei Schluss. Steht das noch?


Aber ja. Ich habe jetzt noch sieben Jahre.

Ist es für einen Rocker nicht ein seltsames Gefühl, so präzise auf die Rente zuzusteuern?


Ich freue mich, darauf hinzuarbeiten, das hat dem neuen Album auch eine gewisse Dringlichkeit gegeben, die Songs mussten raus. Aber irgendwann muss auch mal gut sein. Ich habe viele Sachen, zu denen ich nicht in dem Maß komme, wie ich es gern möchte. Noch hängen an meiner Musik auch Arbeitsplätze, die liegen mir am Herzen. Aber irgendwann werde ich egoistisch sein und sagen: Okay, jetzt werde ich noch mehr reisen, noch mehr fotografieren.

Interview: Alf Burchardt
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