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4. September 2008, 12:03 Uhr

Warum Rapper Schwule erniedrigen

Der Berliner Rapper Bushido legt dieser Tage seine Autobiografie vor - ein Mann, der das, was ihm missfällt, "schwul" nennt. Und er steht damit ganz und gar nicht alleine da. Leidtragende sind junge Homosexuelle, für die ein Outing inzwischen wieder gefährlich werden kann. Die Geschichte einer Hassfloskel. Von Sophie Albers und Johannes Gernert

Homophober Rapper mit Homo-Pin-up-Qualitäten: 50 Cent© Jim Cooper/AP

"Schwule Sau" ist die häufigste Beschimpfung auf deutschen Schulhöfen. Das hat die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaften 2007 festgestellt. Damit bekommt "schwul" eine neue Bedeutung. Es ist nicht mehr nur die Bezeichnung für eine sexuelle Orientierung, sondern ein gängiges Schimpfwort. Diesen Bedeutungswandel hat ein Aufsichts-Gremium des britischen Medienriesen BBC bereits vor zwei Jahren offiziell anerkannt und für die Mitarbeiter zur Nutzung freigegeben. "Schwul", so die Sprachrichter, bedeute mittlerweile soviel wie "Mist". Und dieser "Mist" hat sehr viel mit Rap-Musik zu tun. Denn da kommt die Popularität von "schwul" als Schmähung her.

Seitdem es Rap gibt, wird diskutiert, wo die Kunst aufhört und die Beleidigung beginnt, wenn die harten Kerle sich batteln - wie der wortreiche Kampf um die dickste Hose genannt wird. Homosexuelle Zuschreibungen in allen Variationen gehören zu den Songtexten wie das Maschinengewehrgeknatter zum Soundmix. In der Hitliste der Beschimpfungen kommt "schwul" gleich nach der Beleidigung der Mutter. Allerdings bedeutet es im Gangsta-Rap definitiv mehr als "Mist". Denn der Schwulenhass ist eine Genre-Geste und zwar eine sehr erfolgreiche, die sich quer durch die Charts zieht: Eminem "hasst Schwuchteln", auch The Game und Busta Rhymes hetzen. Ice Cube pöbelte, dass "echte Niggas nicht schwul" sind. Und auch wenn 50 Cent mit eingeöltem, nackten Oberkörper ein prima Schwulen-Pin-Up abgibt, will er mit "Tunten" nichts zu tun haben. "Alle MCs sind schwul" Das hört sich im deutschen Geschäft mit den harten Reimen nicht anders an - und das nicht erst seit Berlins Straßenrap in der Szene das Sagen hat: Das reicht von Kool Savas' 2001 indiziertem Rundumschlag "Alle MCs sind schwul" bis zu G-Hots Mordaufruf in dem Song "Keine Toleranz", in dem er seinen Gewaltfantasien gegen Homosexuelle freien Lauf lässt. Neben Protesten aus Politik und Musikbranche hat ihm das immerhin eine Anzeige eingebracht, in deren Folge sich das sicherlich nicht homophile Label Aggro 2007 von dem Rapper trennte.

Selbst die Szenestars Bushido und Sido stimmen in den Hassrap ein, auch wenn sich beide in Interviews verständnisvoll präsentieren und auf die Umdeutung des Wortes verweisen. "Berlin wird wieder hart/ denn wir verkloppen jede Schwuchtel" oder "Es ist ganz normal/ Männer lutschen keine Schwänze" rappt Bushido. Dessen Konkurrent Sido findet ebenfalls alles und jeden "schwul". Beide sind damit so erfolgreich und mainstreamtauglich, dass Bushido nun mit gerade mal 29 Jahren seine Biografie vorlegt, während Sido als Juror in der Castingshow "Popstars" kleine Mädchen ganz ohne Musik zum Weinen bringen darf. Und ach ja, laut Bushido ist Sido natürlich auch "schwul" - und das meint er im ganz klassischen Wortsinn. Womit wir bei den Gründen für den genreüblichen Homosexuellen-Hass wären und der gängigen Vermutung, dass aggressive Homophobie ein Indiz für die eigene unterdrückte Homosexualität ist. 1996 erschien die Studie einer Forschergruppe an der US-Universität von Georgia, laut der acht von zehn der getesteten aggressiv-homophoben Männer durchaus homosexuelle Gefühle haben.

Dazu passt die in diesem Jahr erschienene Offenbarungsbiografie des ehemaligen MTV-Mitarbeiters Terrance Dean, der in "Hiding in HipHop" nicht nur schreibt, dass "schwul" auch in Vorstandsetagen ein beliebtes Schimpfwort sei, sondern dass es in den USA eine perfekt organisierte homosexuelle Subkultur unter Rap- und HipHop-Stars gebe. Will sagen: Während der Woche spucken sie Hass von den Bühnen und zeigen der Weiblichkeit, wer den Größten hat, und am Wochenende geht's zur Sexparty unter Männern. Namen nennt Dean keine, doch Gerüchte, dass einige Rapper das Gegenteil von dem tun, was sie sagen, gibt es schon lange. Das will Szene-Kenner und Rap-Label-Gründer Marcus Staiger auch für das deutsche Verbalkampfgebiet nicht ausschließen, wie er im Interview mit stern.de ausführt. [Siehe Kasten] Doch sieht er auch deutliche Unterschiede zu den Rappern in den USA.

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