Die Gema-Rebellen

30. Juli 2013, 10:04 Uhr

Konkurrenz für die Gema: Weil zu viele Songs im Internet gesperrt sind, gründen Musikaktivisten ihre eigene Verwertungsgesellschaft. Nutzer und kleine Künstler könnten profitieren. Von Daniel Bakir

Gema, C3S, Creative Commons, Musik, Verwertungsgesellschaft

Gema-Alternative: Wolfgang Senges und seine Mitstreiter von C3S wollen mehr Musik frei zugänglich machen©

Für viele junge Musikfans ist die Gema einfach nur die Organisation, die schuld ist, dass so viele Youtube-Videos gesperrt sind. Die gerichtlich umstrittene Sperrtafel "Dieses Video ist in Deutschland nicht verfügbar…" hat der Verwertungsgesellschaft in der Netzgemeinde nicht gerade Sympathien eingebracht. Youtube und Gema befinden sich in einem erbitterten Rechtsstreit darüber, wieviel Geld für die Musikvideos an die Künstler fließen muss. Unabhängig davon, ob man die Forderungen der Gema an die milliardenschwere Youtube-Mutter Google für berechtigt hält, zeigt der Fall: Die altehrwürdige Gema und die digitale Welt stehen auf Kriegsfuß. Darüber ärgern sich nicht nur Nutzer, sondern auch viele Künstler, die sich von der Gema nicht gut vertreten fühlen. Denn das Sperren von Inhalten verbaut gerade kleineren Künstlern die Möglichkeit, im Internet bekannt zu werden.

Eine Gruppe von Musikaktivisten um den Düsseldorfer Künstler und Musikorganisator Meik Michalke hat daraus die Konsequenz gezogen: Sie macht eine eigene Gema auf. Unter dem Namen "Cultural Commons Collecting Society", kurz C3S, wollen die Rebellen die bisherige Monopolstellung der Gema brechen. "Wir wollen uns als ernsthafte Alternative zur Gema etablieren", sagt Wolfgang Senges, einer der Initiatoren, zu stern.de. Dafür brauchen die C3S-Macher zunächst einmal das nötige Kleingeld. Über die Crowdfunding-Plattform Startnext sammeln Senges und seine Mitstreiter derzeit Kapital. Die Mindestschwelle von 50.000 Euro ist schon fast erreicht, das Ziel sind 200.000 Euro. Dass die C3S sich im September offiziell als Verein gründen wird, sei jetzt schon sicher, sagt Senges.

Lizenzen für die digitale Welt

Die selbsternannte "faire Gema-Alternative" verfolgt vor allem zwei Ziele: Mehr Mitbestimmung für die Künstler und flexiblere Lizenzen, um besser auf digitale Entwicklungen wie Youtube, Sharing- und Streamingdienste reagieren zu können. Der Schlüssel dafür sind freie Lizenzen, "Creative Commons" genannt. Die ermöglichen es beispielsweise, einzelne Songs offiziell zum nicht-kommerziellen Teilen und Herunterladen freizugeben. Der Künstler kann so Werbung in eigener Sache betreiben, ohne auf Tantiemen für andere Songs oder kommerzielle Nutzung zu verzichten. "Die Künstler sollen größtmögliche Freiheit bekommen, über ihr Werk zu verfügen", sagt C3S-Macher Senges.

Senges und seine Mitstreiter sind Rebellen wider Willen. Denn eigentlich hätten sie lieber eine Lösung innerhalb der Gema gefunden, als mit großem Aufwand ein eigenes Projekt hochzuziehen. Doch langwierige Gespräche mit der Gema über die Einführung der neuartigen Lizenzen seien gescheitert, berichtet Senges. "Wir haben versucht, die Gema zu überreden, Creative Commons einzuführen, aber die hat das abgelehnt."

Gema: "Fürchten uns nicht"

Die Gema erklärt auf Anfrage von stern.de, sie halte die Idee der Creative Commons, "grundsätzlich für unterstützenswert". Sie stört allerdings, dass Künstler dabei freiwillig auf Tantiemen verzichten, die ihnen eigentlich zustehen. Zudem seien die Lizenzen derzeit nicht mit den Gema-Regularien vereinbar. Man arbeite zwar an einer Lösung. Doch aktuell gilt: Wer in der Gema ist, hat keine Chance, von den Möglichkeiten der neuartigen Lizenzen zu profitieren.

Angst, dass die neue Konkurrenz der Gema das Wasser abgraben könnte, hat die seit 1933 existierende Verwertungsgesellschaft nach eigenen Angaben nicht: "Vor einer Konkurrenz durch die C3S fürchten wir uns nicht allzu sehr, weil wir die C3S nicht als echte Alternative zur Gema sehen", sagt eine Sprecherin. "Wir glauben, dass der Verzicht auf Vergütungen nur für einen kleinen Teil der Musikurheber wirklich attraktiv ist."

Attraktiv machen könnte die Gema-Alternative aber auch ein zweites Versprechen. C3S will jedem Künstler, der Mitglied wird, das volle Stimmrecht in der neuen Organisation geben, unabhängig davon, ob er Großverdiener oder kleiner Künstler ist. In der Gema dagegen haben vor allem die Großen das Sagen, die den meisten Umsatz beisteuern. Kleinere Künstler fühlen sich in der 65.000 Mitglieder starken Organisation in ihren Interessen oft übergangen.

Damit die Gema-Alternative an den Start gehen kann, muss sie aber erst einmal als Verwertungsgesellschaft anerkannt werden. Dafür braucht die C3S, die am 25. September als Verein gegründet werden soll, neben Startkapital auch Mitglieder, um eine gewisse Relevanz zu erreichen. Mitglied kann man schon mit einem Anteil für 50 Euro werden. 3000 Mitglieder sind das Ziel. Wolfang Senges rechnet damit, dass es noch zwei Jahre dauern könnte, bis der Antrag zur Zulassung beim Patent- und Markenamt liegt. Von dem über Startnext eingeworbenen Geld sollen zunächst einmal Entwickler bezahlt werden, um eine technische Infrastruktur aufzubauen.

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