Die Trainingsjacken sind längst eingemottet, von ihrer Relevanz haben Tocotronic jedoch nichts verloren. Zum neuen Album "Schall & Wahn" sprach stern.de mit ihnen über Beruf, Berufung und "Deutschland sucht den Superstar".
Dirk von Lowtzow: Der Hauptpunkt ist, dass wir von einem Trio zum Quartett geworden sind. Wer in einer Band spielt, weiß, was das für ein riesiger Unterschied ist.
Jan Müller: Das ging schon Ende der 90er mit dem "K.O.O.K."-Album los, dass wir die Sachen, die man im Studio machte, auch auf die Bühne bringen wollten. Das war zu dritt einfach nicht möglich. Das Gute ist, dass Rick da ganz langsam reingewachsen ist. Über die letzten drei Platten hat sich seine Position dann absolut gefestigt.
Arne Zank: Man hat grundsätzlich nicht so weit gedacht. Das machen wir auch heute nicht. Man denkt grundsätzlich nur bis zur nächsten Platte. Das ist Veranlagung.
Dirk von Lowtzow: Man weiß ja eh nie was passiert. Wir sind eh zwangsproduktiv.
Arne Zank: Wir haben das ja auch nie als Berufswahl wahrgenommen.
Dirk von Lowtzow: So etwas gibt es bei uns eigentlich nie. Irgendwann fängt man an zu schreiben, das passiert relativ unvermittelt. Auch wenn wir als Band nichts tun, sind wir doch immer auf der Lauer nach Einflüssen und Begegnungen mit Themen, mit Ideen und Konzepten. Das manifestiert sich in der ersten Songidee, im ersten Songtitel. Wenn man einmal angefangen hat, dann ergibt eins das andere. Wie bei einem Roman baut sich das aufeinander auf, so entsteht ein roter Faden. Aber es gibt keinen feststehenden Bauplan vorher. Viele thematische Verbindungen fallen einem auch oft erst hinterher auf.
Dirk von Lowtzow: Tatsächlich war das Stück als Hommage an den Filmemacher und Performance-Künstler Jack Smith gedacht, der in den frühen 60ern so ein wenig Andy Warhol vorweggenommen hat. Smith hat sich allen Erwartungen entzogen, hat sehr fragmentarisch gearbeitet, kaum etwas zu Ende gebracht. "Keine Meisterwerke mehr" sollte so etwas wie eine Liebeserklärung an diesen feinen, sehr eigenwilligen Menschen sein.
Dirk von Lowtzow: Ich sagte ja schon, es ist mehr eine Hommage. Da geht es gar nicht so sehr um uns oder unser Credo. Es ist schwierig, Rockmusik irgendwie halbfertig zu machen. Es ist von vornherein paradox, so etwas wie Verweigerung zu thematisieren. Konsequenterweise müsste man dann ein weißes Blatt abgeben.
Jan Müller: Dennoch ist Verweigerung per se natürlich unverzichtbar. Über die Jahre ist uns das immer wichtiger und klarer geworden, dass wir emanzipiert und selbstbestimmt arbeiten. Natürlich gibt es auch mal Promo-Termine, über deren Sinn man sich den Kopf zerbricht. Oft wundert man sich dann, wie viel Spaß so etwas machen kann.
Dirk von Lowtzow: Das war eigentlich nicht so gedacht. Das ist rein zufällig entstanden. Wenn da ein Gag drin geschlummert hat, dann war es mit den Inititalen des Titels, "SDS", die ja immer wieder gesungen werden, die Nennung des "Sozialistischen Studentenbundes". Erst, als ich immer wieder drauf angesprochen wurde, ist mir das klar geworden, dass man es auch als Pamphlet gegen die Castingshow lesen könnte. Das fanden wir dann allerdings auch wirklich witzig, das ist natürlich eine interessante Assoziation.
Dirk von Lowtzow: Wir werden ja selbst nur sehr ungern klassifiziert und entziehen uns möglichst solchen Typisierungen, daher finde ich es nur fair, umgekehrt unser Publikum auch nicht in irgendwelche Schubladen zu packen. Auf unseren Konzerten sieht man auch, dass das nicht funktionieren würde. Da sind auch immer noch sehr junge Leute dabei, was uns natürlich sehr freut. Wir sind ja nicht mehr so sehr jung. Wir sind aus dem Gröbsten raus.
Jan Müller: Es ist ja auch keine Musik für eine bestimmte Szene, im Gegenteil: Sie richtet sich erst einmal an jeden.
Dirk von Lowtzow: Wir sind sehr froh über diese Heterogenität. Das zeigt uns, dass wir einiges richtig gemacht haben.
Jan Müller: Weiße Bärte. Und ich wollte doch endlich meine Mondreise antreten.
Dirk von Lowtzow: Uns reizt der Weltraum. Auf Erden ist unsere Aufgabe dann längst erfüllt.