Die Mädels kreischen. Und kreischen. Und sie werfen Slips. Ihre hysterische Euphorie hat die vier Jungs aus Magdeburg zu Stars gemacht. Am Montag hat "Tokio Hotel" in Berlin seine neue Single vorgestellt. Die Band-Mitglieder erzählten von ihren Fans - und Tom, der Gitarrist, verriet, für wen er kreischen würde. Von Florian Güßgen

Tokio Hotel-Sänger Bill Kaulitz (3.v.li.) hält umringt von den Bandkollegen bei der Pressekonferenz das neue Album "Zimmer 483" in die Kamera© Sören Stache/DPA
Plötzlich wird draußen, hinter der schwarzen Wand, geschrien. Es wird gequiekt, als würden Zehntausende Ferkel geschlachtet. Aber es sind keine Ferkel. Es wird auch niemand geschlachtet. Es sind Mädels, vermutlich zwischen zehn und 16, die hierher an den Potsdamer Platz gekommen sind, um ihre Idole zu bekreischen: Bill Kaulitz, 17, dessen Zwillingsbruder Tom, 17, Gustav Schäfer, 18, und Georg Listing, 19, allesamt aus Magdeburg.
Die vier sind "Tokio Hotel". Wenn sie Konzerte geben, kreischen die Mädels nicht nur: Sie werfen Slips auf die Bühne und schreiben auf Schilder, dass sie gerne, um es höflich zu formulieren, mit ihren Idolen schlafen würden. Tom, der Gitarrist, hat dafür Verständnis. Er trägt Rasta-Zöpfe, eine dunkle Wollmütze, darüber eine überdimensionale Baseball-Kappe. Später an diesem sagt er Tom, dass er sich jedes Mal über das Gekreische freue, dass er es genieße. Er jedenfalls könne das Verhalten der Fans verstehen. Abgehoben-arrogant klingt er dabei nicht, eher wie einer, der sich vorstellen kann, andere zu bewundern. "Wenn ich Angelina Jolie treffen würde, würde ich auch anfangen zu quieken", sagt er. "Tokio Hotel' versteht euch", soll das heißen.
Dabei hätten die Magdeburger allen Grund abzuheben. "Tokio Hotel" ist die Erfolgsgeschichte der deutschen Teenie-Kultur der vergangenen zwei Jahre. Im Sommer 2005 gelang der Band mit der Single "Durch den Monsun" der Durchbruch, das erste Album "Schrei" war ein voller Erfolg. Seitdem hagelt es Preise, das Geschäft brummt. Sänger Bill ist mittlerweile so bekannt, dass er zumindest mit seiner Stimme jetzt auch noch ins Filmgeschäft eingestiegen ist: in Luc Bessons Trickfilm "Arthur und die Minimoys" spricht er eine Hauptrolle.
An diesem Montagabend ist die Band in eine Art Geräteraum in den U-Bahn-Katakomben unter dem Potsdamer Platz in Berlin gekommen. Sie wollen ihre neue Single "Übers Ende der Welt" vorstellen. In dem Lied geht es um die graue Tristesse der Welt und die schöne Freiheit, aus all dem Grau auszubrechen. Um die Tristesse ein wenig zu illustrieren, tragen in dem Video zu dem Lied viele Menschen graue, sackartige Bergarbeiter-Uniformen aus scheinbar rauem, kratzigen Stoff. Die neue Single vom Ausbrechen aus dem grauen Alltag handele vom Ausbrechen aus der Enge, sagt Bill. "Das ist die Message des Songs." Es sei ein Song, der Mut machen solle. In den grauen Katakomben müssen die Hostessen, die den Journalisten Kaffee und Kaltgetränke reichen, an diesem Abend dennoch in grauen, sackähnlichen Bergarbeiter-Uniformen auftreten. Gehört alles dazu an diesem Tag, an dem das Video zum ersten Mal gezeigt wird. Die Single selbst erscheint offiziel am Freitag, im Februar kommt das neue Album "Zimmer 483" und dann geht's für "Tokio Hotel" auf Tour.
"Ich würde für Euch sterben"Auf der kleinen Bühne mit den Sofasesseln aus schwarzem Leder lässt sich die Band zunächst fotografieren. "Nach links!", "Guckt nach rechts", "Kannst Du Dich hinlegen?", rufen die Fotografen. Die Jungstars machen alles, worum sie gebeten werden. Cool. Professionell. Freundlich. Dann werden Fragen gestellt.
Wer "Tokio Hotel" nicht kennt und jenseits der 25 ist, wird von dem Auftritt der Band überrascht. Positiv. Klar, das ist eine Teenieband. Klar, sie sehen lustig aus in ihren Verkleidungen. Vor allem Bill ist ein Blickfang, der schmale Sänger mit den Kajal-geschwärzten Augen, den schwarzen Fingernägeln, dem femininen Sade-Gesicht und der Was-macht-eigentlich-Limahl-Frisur. Er sieht aus, als würde er auf einen Kinderfasching gehen. Und klar, eine tiefgreifende Globalisierungskritik ist von "Tokio Hotel" ebenso wenig zu erwarten wie, Gott sei Dank!, eine gesungene Kritik der großen Koalition. Aber gerade, weil die vier scheinbar gar nicht versuchen, mehr zu sein als sie sind, wirken sie authentisch, sympathisch. Sie scheinen echt Spaß zu haben an ihrem Job als Superstars. Das kommt an.