Rückwärts ins Fernsehen

16. Februar 2013, 09:51 Uhr

In der ARD-Show "Klein gegen Groß" präsentiert die elfjährige Malena Napp am Samstag ihr seltenes Talent - sie kann rückwärts sprechen. Hannes Ross beschreibt, wie seine Patchworktochter ins TV kam.

Klein gegen Groß, Kai Pflaume, Malena Napp

Kai Pflaume und die elfjährige Malena Napp

Neulich saß ich in einem Fernsehstudio in Berlin und war den Tränen nahe. Auf der Bühne stand der Moderator Kai Pflaume, er lächelte ins Scheinwerferlicht. Es war die Aufzeichnung der ARD-Unterhaltungsshow "Klein gegen Groß", und ich stand am Ende als einer der Ersten im Publikum auf und begann zu klatschen. Zum Glück stand meine Frau neben mir. Wer weiß, vielleicht wäre ich sonst auch noch auf die Bühne gelaufen.

Dabei hielt ich mich bisher eigentlich für emotional gefestigt. Vor allem, wenn es ums Fernsehen geht. Ich heule bei keiner öffentlich-rechtlichen Königshochzeit und mir wird auch nicht schlecht, wenn die "Promis" im RTL-Dschungelcamp Mehlwürmer essen. An mir biss sich bisher die Emotions-Maschine-Fernsehen die Zähne aus, bis meine Patchworktochter Malena beschloss, selbst ins Fernsehen zu gehen.

Malena ist elf und hat eine seltsame Gabe. Sie kann rückwärts sprechen. Blitzschnell, ohne nachzudenken. Es klingt wie klingonisch, die Sprache der Außerirdischen bei "Star Trek". Es fing an, als sie in der zweiten Klasse war. Da drehte sie aus Spaß die Namen ihrer Freundinen herum. Aus Elena wurde Anele. Und aus Emmy wurde Ymme. Irgendwann wurden die Worte immer länger und komplizierter. Ztasbaneppert zum Beispiel. Wie bitte? "Mensch, ist doch ganz einfach", sagt Malena. Richtig herum heißt das: Treppenabsatz.

Malena brachte mich ins Fernsehen

Wenn Malena ihr Talent demonstrierte, staunten die Leute. So kam sie auf die Idee, sich bei "Klein gegen Groß" zu bewerben. Einer Show, in der Kinder mit besonderen Fähigkeiten gegen Prominente antreten. Auf ihrem Laptop bastelte Malena ein Bewerbungsvideo. Ich hielt die ganze Sache erst für einen Witz, bis eine Frau Mausfeld von einer Fernsehproduktionsfirma aus Köln anrief. Malena war angenommen. Ich war baff.

Es soll ja Eltern geben, die ihre hilflosen Kinder vor die Fernsehkamera schieben. Bei mir war es andersherum. Malena brachte mich ins Fernsehen. Das begriff ich, als Malena mir stolz erzählte, dass uns Kai Pflaume bald mit einem Kamerateam besucht um einen Einspielfilm für die Show zu drehen.

Als ich am Kai-Pflaume-Tag nervös am Fenster stand, ermahnte mich Malena. "Geh da mal weg. Ist doch voll peinlich, wenn Kai dich sieht." Es klang so, als würden sie sich schon eine Weile kennen. Meine Frau rückte die Stühle um den Wohnzimmertisch zurecht, was sie sonst nie tut, und Malenas Bruder Lukas war seit einer Ewigkeit im Badezimmer verschwunden, um sich die Haare zu stylen.

Ab und zu drang ihr Gekicher aus der Küche

Dann klingelte ein Fernsehredakteur und sagte, dass Kai Pflaume gleich mit einem Kamerateam zur Tür herein käme und wir alle ihn bitte ganz natürlich begrüßen sollten. Malena machte das zu meiner Überraschung ganz lässig, während ich irgendetwas stammelte, schockgefroren durch die lauernde Fernsehkamera. Kai Pflaume lächelte. Wahrscheinlich ist er an verhaltensauffällige Fernseheltern wie mich gewöhnt. Kai Pflaume blieb einen ganzen Tag, aber ich sah ihn und Malena nur selten. Die beiden verschwanden erst in ihrem Zimmer, später in der Küche, wo sie zusammen Plätzchen (Pflaumen-Plätzchen!) backten. Ab und zu drang ihr Gekicher aus der Küche, während ich auf dem Sofa im Nebenzimmer hockte und versuchte, irgendetwas von ihren Gesprächen zu erlauschen. Wie ein eifersüchtiger Vater beim ersten Date seiner Tochter.

Irgendwann musste ich auch noch aus dem Wohnzimmer verschwinden, weil sie dort drehen wollten. "Ist doch in Ordnung, wenn wir mal kurz das Sofa verrücken. Das steht irgendwie falsch", fragte der Kameramann. "Ja, warum nicht", sagte ich. Meine Frau sah mich an. "Und du musst jetzt mal mit dem Hund raus!"

Wie der neue Lehrer vor der großen Klassenfahrt

In einer Drehpause saß Kai Pflaume dann an unserem Mittagstisch und lobte die Frikadellen, die meine Schwiegermutter extra für ihn vorbereitet hatte. Er plauderte mit Malena über Ballett, Bücher und Schule. Es war ein bisschen so, als würde sich der neue Lehrer vor der großen Klassenfahrt noch einmal vorstellen. Pflaume machte das gut.

Abends, als Kai Pflaume schon auf dem Weg zum Flughafen war, glühte Malena immer noch vor Aufregung und Freude. Ich war verdammt stolz auf sie. Als ich elf war, bestand die größte Mutprobe darin, einen Schneeball bei unserem Nachbar Herrn Behrens ans Wohnzimmerfenster zu ballern. Meine elfjährige Patchworktochter Malena wird am Samstagabend vor Millionen Zuschauern im Fernsehen auftreten. Ich habe schon bei der Aufzeichnung der Show fast geheult. Ich befürchte, am Samstagabend werde ich es wirklich tun.

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