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3. Mai 2009, 18:58 Uhr

Der Profi

Er kann alles: Spießer, Gangster, "Tatort"-Kommissar, Landarzt, Triebtäter. Axel Milberg ist einer der besten und vielseitigsten Schauspieler, die wir haben. Von Wolfgang Röhl

Axel Milberg, Kommissar, Tatort

Axel Milberg, fotografiert am Set der TV-Serie "Doktor Martin", in der er einen exzentrischen Landarzt spielt© Volker Hinz

Außen. Tag. Kaff an der Nordseeküste. Ein Anzugträger um die 50, Bauch auf dem Vormarsch, Haare auf dem Rückzug, die Linke am Kopf, den Kopf schräg nach unten zum Pflaster geneigt. Eine Minute oder zwei steht er da, regungslos. Gerät urplötzlich in Rage: "Du Mistvieh, verschwinde! Lass mich in Ruhe! Geh aus meinem Leben! Du stinkendes Ungeheuer! Du haariges Biest! Dreckige Töle! Aus! Loslassen!"

Aber da ist gar kein Hund, nur ein gegen Windgeräusche mit Kunstfell geschütztes Mikrofon, in das der Wüterich brüllt. Was entsteht, ist eine Tonaufnahme. Der Mann im Anzug, den angeklebte Augenbrauen erstaunlich verändert haben, heißt Axel Milberg, und manche der Zuschauer, die am Eingang der abgesperrten Gasse stehen, wissen, was hier läuft. In Neuharlingersiel drehen sie eine neue Staffel der Fernsehserie "Doktor Martin". Milberg spielt einen exzentrischen Landarzt, der kein Blut sehen kann. Als Running Gag verfolgt ein französischer Terrier den Doc mit unbeirrbarer Zuneigung. Der Köter hat soeben, wie es das Drehbuch will, das Stethoskop des Arztes mit einem Knochen verwechselt.

Mit Liebe zum Detail

Das ZDF strahlte die ersten sechs Folgen, die von der englischen Arztserie "Doc Martin" kongenial ins plattdeutsche Milieu transplantiert wurden, 2007 aus. Trotz ungünstigster Platzierung während des sommerlichen Frauenfußball-WM-Fiebers erreichte sie im Schnitt 3,5 Millionen Zuschauer. Milberg, 52, verheiratet, vier Kinder in einer Patchworkfamilie, liebt die Serie, wie nur ein Schauspieler sein Projekt lieben kann. Einer, der 17 Jahre an den Münchner Kammerspielen war und der sich mit Haut und Haar auf Stoffe einzulassen vermag. Acht neue Folgen dreht er in einem Rutsch, unterbrochen von einer vierwöchigen Ferienpause, kümmert sich dabei sogar um Details der Ausstattung, diskutiert noch am Set mit der Regisseurin Claudia Garde und den Schauspielern, ob man diese oder jene Übersetzung aus dem Englischen nicht anders formulieren müsste. "Dieses Pferd reite ich", sagt er mit einer Stimme, die oft klingt, als hätte er was in der Nase. Der Sender hat sich auf die kostspielige Produktion nur deshalb eingelassen, weil der populäre "Tatort"-Star Milberg für die Hauptrolle zugesagt hatte.

Ein schneidendes "Aaachtung ... wir drehen!", und Milberg ist auf einen Schlag wieder der bockige, verdruckste, misanthropische und dennoch sympathische Halbirre in Weiß, der gerade auf der Polizeiwache die Heilpraktikerin anbrüllt. "Der legt einfach den Schalter um, und - bums - ist er in der Rolle", bewundert ihn der altgediente Produktionsleiter Peter Brodhuhn. "Bewegt sich wie Doktor Martin, guckt so, redet so. Hab ich so extrem noch bei keinem Schauspieler erlebt."

Schauspieler sind Irrlichter

Milberg ist Schauspieler, kein Darsteller. Letzterer stellt in unterschiedlichen Verkleidungen sich selbst dar, wie Hans Albers oder der Albers nicht ganz unähnliche Jan Fedder, als dessen Widerpart Milberg in der Siegfried-Lenz-Verfilmung "Das Feuerschiff" auftrat. Schauspieler sind etwas anderes, nämlich Irrlichter. Milberg hat die Theaterklassiker rauf und runter gespielt, von "Don Carlos" bis "Nathan der Weise", bevor er sich auf Film und Fernsehen kaprizierte. Dort mimte er Clowns und Intriganten, Korrumpierte und Korrumpierer. In den großen Schuhen von Gerd Fröbe ist er als Kindermörder im Remake von "Es geschah am helllichten Tag" tadellos durch den Wald spaziert. Die Rolle ging an die Grenzen dessen, was Schauspieler zu tun bereit sind. Schwitzend vor kranker Geilheit Kinderbilder zu betrachten und sich dann stöhnend den Hosenstall zu öffnen, das ist riskant fürs Image. Viele Zuschauer sind chronisch unfähig, Fiktion und Realität auseinanderzuhalten. "Ich könnte hier in Neuharlingersiel Rezepte mit Doktor Martin unterschreiben", sagt er ernsthaft. Sein Mund kräuselt sich dabei zu einer ironischen Figur, dem Markenzeichen des Axel Milberg. Dem Kommissar Borowski im Kieler "Tatort" verlieh er ein nordisches Kolorit, auf das Fremdenverkehrsämter gern verzichten. Wie er da auf unfassbar tonlose Weise "Ich höre" ins Telefon nölt, ein von der Welt sui generis angepisster, durch nebelverhangene Hafenlandschaften stromernder, stets stinkig und besserwisserisch aufgelegter "Brummelbulle" ("stern tv magazin") - das hat Flair. "Wir haben den Borowski-Charakter jetzt aber etwas aufgehellt", sagt er.

Sein Durchbruch kam mit der Rolle als Spießervater in der Komödie "Nach fünf im Urwald". Inzwischen ist er dick im Geschäft. Zwei "Tatort"-Folgen und acht "Doktor Martin"-Episoden hat er 2008 abgeliefert, im "Tapferen Schneiderlein" der Gebrüder Grimm einen wunderbaren König gegeben. Dazu an vier Krimihörspielen von Mankell mitgearbeitet und eine Ulrike-Meinhof-Biografie auf CD gesprochen. Mit Mankell ist er durch Deutschland getourt, hat aus dessen verunglücktem Schinken "Der Chinese" gelesen und den Schweden nebenbei intensiv beobachtet. "Trägt scheußliche Knitterhemden. Setzt sich meist abseits und will nicht gestört werden." Mankell hat trotzdem zwei neue Kieler "Tatorte" geschrieben.

Irrsinniger Stress am Theater

Warum hat er das Theater hinter sich gelassen, jene dünnen Bretter, ohne die viele Mimen nicht glauben existieren zu können? "Es gibt verrückte Hierarchien an den Bühnen", sagt er, "und irrsinnige Spannungen. Man probt ein Stück sechs, acht Monate lang, totaler Stress." Der rigide Knigge der traditionell schwer linkslastigen Mimenszene nervte auch. "Man darf am Theater keinesfalls im Cabrio vorfahren."

Wieso nicht? "Dann gilt man als konsumfixiert. Man sollte auch nicht seine Frau zu Festivitäten mitbringen. Außer, sie ist am halben Körper tätowiert und gepierct." Milberg ist mit der Münchnerin Judith verheiratet, die vielleicht zu schön und zu elegant ist für so manchen Theaterzausel.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 18/2009

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