Eine Serie für die Generation Facebook

6. September 2013, 10:16 Uhr

Die Scripted-Reality-Serie "Berlin - Tag & Nacht" ist für RTL2 ein Quotenbringer. Der Trash passt jungen Menschen genau in den eigenen Medienkram: Spiel und Leben gehen ineinander über. Von Bernd Gäbler

Bernd Gäbler, "Berlin - Tag & Nacht"

Die WG von "Berlin - Tag & Nacht"©

S-b-s-a" - das ist eine der Lieblingsabkürzungen in den Drehbüchern für "Berlin - Tag & Nacht" und das Spin-Off-Format "Köln 50667": "Sex bahnt sich an". Und das müssen die Laiendartseller dann spielen: Sie tun es so wie immer - ungelenk. Wenn sie wütend sein sollen, rollen sie mit den Augen und fuchteln mit den Armen wild herum. Wenn sie traurig sind, ziehen sie eine Schnute und raufen sich die Haare. Bei Streit wird geschrien, zur Versöhnung liegt man sich in den Armen.

Der Plot und die verhandelten Konflikte sind meistens einfach und übersichtlich. Das Drehbuch ist simpel. Die Dialoge sind nicht vorgeschrieben, sondern werden frei so gesprochen, wie den Laiendarstellern der Schnabel gewachsen ist. Es gibt die pseudo-dokumentarische Wackelkamera, ausführliches voice-over der handelnden Personen und Kommentare, die diese in die Kamera sprechen. Hier erläutern sie dem Publikum noch einmal ihre Gefühlslage. Auch dies geschieht in einfacher Sprache oder kurzen Ausrufen. "Ich bin doch auch nur ein Mann", sagt Fabrizio, wenn er gerade mit der Angebeteten seines WG-Mitbewohners Ole in der Kiste war.

Sind wir nicht alle Laiendarsteller unseres Lebens?

Die Spielszenen dauern in der Regel etwa drei Minuten. Es sind Schnipsel. Gedreht wird fast durchgängig mit nur einer Kameraeinstellung ohne Schnitte. Mal hängt auch das Mikro ins Bild. Der Ablauf ist erstaunlich schematisch. Fast immer endet so ein Handlungsschnipsel mit dem O-Ton eines beteiligten Protagonisten, der erklärt, was das Schauspiel beim besten Willen nicht hergab. "Ich lieb' den Fabrizio aber immer noch", sagt dann JJ in die Kamera. Das Schlüsselwort dieser Art "aufgeschriebener Realität" heißt "authentisch". Alles soll wirken, als sei der Zuschauer live dabei. Die Macher spekulieren auf die Vermutung des Publikums: Das ist so schlecht gespielt, das kann nur echt sein.

Rolle und Darsteller sind eins - und so behandeln die Serienproduzenten und der Sender RTL2 auch das Produkt. Die Figuren kommen in den Nachrichten vor, in der Social-Media-Begleitung sollen die Zuschauer nicht etwa hinter die Kulissen schauen, sondern sich mitten hineinbegeben in die Auseinandersetzung mit den vorgeführten Charakteren. Auf dem "second screen" wird beraten, welchen Pizzabelag Fabrizio wählen soll und wie Liebesbeziehungen wachgehalten werden können. Auch der TV-Bildschirm soll nicht länger die Trennung sein zwischen einem hergestellten medialen Produkt und den Konsumenten, sondern Rolle und Darsteller, Image und Ich, Spiel und Leben sollen ineinander übergehen. Das entspricht dem Tippen und Touchen auf I-phone und Tablet, wie es Auszubildende und Schüler, Studierende und junge Angestellte rund um die Uhr praktizieren.

Welche Konflikte werden wie bearbeitet?

Kaum hat einer der Akteure von "BTN" (so lautet die Insider-Abkürzung) in die Kamera gesprochen, kommt auch schon der kräftig mit Musik unterlegte Trenner. Dies kann in einer Folge bis zu 17 Mal geschehen. In diesen trailerartigen Sequenzen werden Stadtszenen von Berlin wie in einem Video der Touristik-Information gezeigt. Das Flair einer pulsierenden Großstadt soll transportiert werden. Manchmal endet der Trenner auf einem Haus, das ist wie im elisabethanischen Theater dann die Ortsangabe für die folgende Szene.

"Berlin - Tag & Nacht" bietet nicht - wie es der Zuschauer aus Spielfilm oder Serie gewohnt ist - wenige Hauptdarsteller und mehrere "supporting acts", sondern ein weitläufiges Figurenpanorama. Die Akteure sind in zwei zentrale Wohngemeinschaften und Altersgruppen aufgeteilt. In der Haupt-WG, in der man die Bewohnen oft in Schlabberlook, Unterhemden oder Bademantel am Frühstückstisch sitzen sieht, wohnen Joe Möller, Fabrizio Di Mario und JayJay, die im Frühjahr zunächst die Freundin von Frabrizio war, bald aber ins komfortable Loft von Piet Berger, dem tyrannischen Besitzer des "Matrix", eingezogen ist.

Alle sind großflächig tätowiert. Die Männer um die vierzig tragen fingerdicke Silberketten um ihre Stiernacken. Hinzu kommt noch die bisexuelle Alina, der verträumte Schlagersänger Ole, Marcel, ein Tätowierer, und Sofi Bach, die gerne Soul singen würde, aber in die Volksmusik gedrängt wurde. Arbeitslose Kosmetikerin, Fitness-Trainer, Erotik-Model, Bar-Chefin, Geschäftsführer eines Hostels, Go-Go-Tänzerin, DJ oder Türsteher - das ist die Palette der vorgeführten Berufe. Immer gibt es etwas zu feiern.

Entnommen aus:

Entnommen aus: Soeben ist von unserem Autor das Buch "Bohlst Du noch oder klumst du schon? Der Siegeszug des Banalen und wie man ihn durchschauen kann" (17,99 Euro) erschienen. Darin geht es im sechsten Kapitel auch um "Berlin - Tag & Nacht"

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