Zehn Millionen Zuschauer sahen am Sonntagabend den neuen Fall des Münsteraner "Tatort"-Duos. Was macht Jan Josef Liefers und Axel Prahl beliebter als "Wetten, dass ..?" und alle Krimis? Von Carsten Heidböhmer

Diese beiden Ermittler muss man einfach mögen: Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) und Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl, r.) vom Münsteraner "Tatort"© WDR/Martin Menke
Eigentlich hatte er sich auf einen schönen Fußballabend gefreut. Doch dann taucht in einem Kanal ein abgetrennter Fuß auf, und Hauptkommissar Frank Thiel wird zum Fundort zitiert. Entsprechend geladen erscheint er dort: "Was soll ich jetzt hier machen, bitte schön? Den Fuß befragen?" - "Was Sie sonst so bei Leichen machen, die befragen Sie ja auch nicht", erwidert seine Assistentin Nadeshda. Woraufhin Thiel kontert: "Das ist aber keine Leiche, das ist ein Fuß!"
Mit Wortwechseln wie diesen ist der Münsteraner "Tatort" zum erfolgreichsten Krimiformat im deutschen Fernsehen aufgestiegen. Die Fälle schauen sich mehr Menschen an als "Wetten, dass ..?" mit Thomas Gottschalk. Auch die gestrige Folge "Zwischen den Ohren" sahen wieder mehr als zehn Millionen Zuschauer. Fast alle Umfragen weisen die Ermittler Thiel und Boerne als Deutschlands beliebtestes "Tatort"-Duo aus. In ihren nunmehr 20 Fällen haben sich die Münsteraner Ermittler ins Herz der deutschen Fernsehzuschauer gespielt. Wie haben die beiden das nur geschafft?
Der wichtigste Baustein des Erfolges besteht in der Chemie zwischen Thiel und Boerne. Die beiden sind ein Paar wie Dick und Doof, Pat und Patachon oder Thünnes und Schäl. Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) ist St.-Pauli-Fan, trinkt am liebsten Bier, läuft in ungewaschenen Kapuzenpullis rum und ist ansonsten ein kumpeliger Typ. Ganz anders Karl-Friedrich Boerne (Jan-Josef Liefers): Der Gerichtsmediziner liebt klassische Musik, ist ein Weinkenner, trägt nur feinsten Zwirn und ist ein vollendeter Snob. Schon blöd, wenn zwei so verschiedene Menschen eng zusammenarbeiten. Noch blöder, wenn sie Tür an Tür wohnen und sich auch sonst ihre Lebenswege ständig kreuzen.
Der Münsteraner "Tatort" zieht einen großen Teil seiner Popularität aus den Wortduellen zwischen Thiel und Boerne. Ihr Dialogwitz ist einmalig, voller scharfer Pointen und schlagfertiger Erwiderungen. Die beiden zanken sich wie ein altes Ehepaar - eine Leiche bräuchte es eigentlich gar nicht, es wäre schon unterhaltsam genug, den beiden bei ihren täglichen Frotzeleien zuzuschauen. Entsprechend treten die Fälle oft in den Hintergrund und liefern nur die Folie für ein 90-minütiges Gagfeuerwerk.
Um die beiden Ermittler hat sich ein ganzes Sammelsurium schräger Vögel etabliert. Da ist zum einen die zwergwüchsige Pathologieassistentin Silke Haller (ChrisTine Urspruch), genannt Alberich, die von ihrem Chef regelmäßig gedemütigt wird: "Wenn der Kuchen spricht, schweigt der Krümel", ist da schon ein Spruch der harmloseren Sorte. "Machen Sie sich mal keine Hoffnung, denn bei der Verleihung des Wissenschaftspreises werden nur die hochrangigsten Persönlichkeiten der Stadt anwesend sein. Und die Betonung, liebe Alberich, liegt dabei auf hoch", gab Boerne seiner Assistentin in der gestrigen Folge mit.
In jeder Folge dabei ist auch Thiels Vater Herbert (Claus D. Clausnitzer). "Vaddern" ist ein verpeilter alter Zausel, ein Alt-68er, der sein Geld mit Taxifahren verdient. Was eigentlich kein Problem ist, wäre er nur nicht ständig bekifft. Und dann ist da noch die kettenrauchende Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann), der schon aufgrund ihres hochgewachsenen Äußeren und der tiefen Stimme immer etwas Komisches innewohnt.
Mit diesem überschaubaren Tableau an Charakteren gelingt es, immer wieder neue komische Situationen zu schaffen. Mal erwischt Thiel seinen Vater im Bett der Staatsanwältin Klemm, ein andermal hat Boerne eine Verabredung zum Blind-Date - und trifft dort auf seine Assistentin Alberich.
Es ist das Prinzip der Komplexitätsreduzierung, das hier so trefflich funktioniert: Die Geschehnisse der großen, weiten Welt werden auf wenige Menschen heruntergebrochen. So kommt es, dass Vater Thiel auf irgendeine Weise in fast jeden Fall verwickelt ist. Er war es, der in der aktuellen Folge beim Angeln den abgetrennten Fuß fand. Auch Boernes Privatleben spielt immer wieder in die Fälle rein. Mal geht es um einen Mord in seiner Studentenverbindung, ein anderes Mal ist die Tote - wie zuletzt - eine Jugendfreundin.
Alle Figuren werden mit liebevollen Marotten ausgestattet, die sich durch die einzelnen Fälle ziehen. In jeder Folge wird mindestens einmal Boernes Vorliebe für klassische Musik und Oper thematisiert. Thiels St.-Pauli-Leidenschaft sorgt immer wieder für neue Konflikte. Im jüngsten Fall zieht sich sein immer neu gestarteter Anlauf, das Pokalspiel seines Vereins gegen Bayern München zu sehen, als Running-Gag durch den Fall. Und in jeder Folge sieht man Vater Thiel beim Kiffen. Die Zuschauer lieben diese Macken, machen sie doch die Figuren angenehm durchschaubar und die Fälle vorhersehbar. Im Münster-"Tatort" muss keiner eine böse Überraschung erleben.
Vielleicht liegt genau darin das Erfolgsgeheimnis von Thiel, Boerne und Co.: Keiner wird am Sonntagabend mit den komplexen Problemen dieser Welt überfordert (wie gerne mal im Ludwigshafen-"Tatort" mit Lena Odenthal), andererseits muss sich hier niemand unter seinem Niveau amüsieren.
Das klingt nicht besonders ambitioniert, aber ein Fernsehen, das genau das heute noch schafft, hat schon viel erreicht.