In seiner letzten "Wetten, dass..?"- Sendung spielte Thomas Gottschalk wie üblich den Clown. Tränen tabu. Ein bisschen rührselig war's trotzdem. Und er lieferte eine Überraschung. Von Sylvie-Sophie Schindler
Plötzlich steckt man mittendrin in der Gefühlsduselei. Doch, Moment mal, so war das nicht geplant. Rührselig werden, bloß weil Thomas Gottschalk zum letzten Mal bei "Wetten, dass ..?" ins Rennen geht - ist doch lächerlich. Man hat schließlich auch ganz gut ohne ihn gelebt. Und wenn einem ausnahmsweise an einem Samstagabend der ewigblonde Showmaster ins TV-Bild lief, weil das eben beim Zappen durchaus passieren kann, so war das in der Regel mindestens so aufregend wie die Outfits von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Man hatte dann und wann das Gefühl, und zuletzt immer öfter, sich an ihm, dem Dauergutgelaunten, satt gesehen zu haben.
Im Grunde aber ist das nur die halbe Wahrheit. Denn es gibt auch den Thommy, jovial, wie wir Deutschen ihn nennen, der einem richtig ans Herz wachsen kann und gewachsen ist. Klingt kitschig, zugegeben. Klingt auf jeden Fall auch nach besseren Zeiten. Damals beispielsweise, in den achtziger Jahren, und daran werden sich alle erinnern, die im Süden dieser Republik, in Bayern, aufgewachsen sind. Gottschalk moderierte im Hörfunk die "B3-Radioshow". Im ersten Teil der Sendung klemmte er sich hinters Mikrofon, von 14 bis 16 Uhr, dann übergab er an Günther Jauch. Und diese Minuten der Übergabe waren jedes Mal ein Highlight. Humor, wie man ihn heute lange suchen muss. Man hätte es sich, und das ist nicht übertrieben, nicht vorstellen können ohne die beiden.
Und dann saßen die Zwei, der Gottschalk und der Jauch, in eben dieser Abschiedssendung auf der legendären "Wetten, dass..?"-Couch. Und wie sie so miteinander redeten, lässig, locker, vertraut, kommen, schwupps, die Erinnerungen an alte Radio-Tage wieder hoch. Der Gottschalk, mag man sich beizeiten auch noch so ärgern über ihn, ist halt nicht irgendwer. Für viele Menschen in dieser Republik ist er unter anderem auch ein Teil der eigenen Jugend. Für andere ist er der Mann, mit dem sie es sich in ihren Wohnzimmern ganz heimelig machen konnten. Der Garant für Geborgenheit. Wenn gerade gar nichts mehr richtig läuft im Leben, eines ist sicher: Der Mann mit dem Blondhaar ist gut drauf.
Mit seinem Weggang wird auch klar, was man sonst nicht so gerne denkt: Alles geht mal zu Ende. Im Grunde bedauert man nicht das Scheiden eines Moderators, sondern letztendlich seine eigene Vergänglichkeit - inklusive Grauhaar, Falten und Co. Psychologisches Blabla? Mitnichten. Forscher kennen dieses Phänomen. Beispielsweise die kollektive Trauer nach dem Tod von Lady Di. Laut Experten wurden Millionen Tränen nur deshalb vergossen, weil ins Bewusstsein rückte, dass irgendwann das eigene Haltbarkeitsdatum überschritten ist. Und nicht, weil einem eine Prinzessin fehlt, die man selbst nie kennen gelernt hat.
Zurück zu "Wetten, dass..?", die 151. Sendung, diesmal aus Friedrichshafen. Gottschalk selbst hatte keine Lust auf irgendwelche Sentimentalitäten. "Frauen stellen Riechkerzen auf. Ich aber bin lustig", so Gottschalk. Schließlich gäbe es nicht mehr viele von seinem Schlag: "Ich bin der letzte Clown, der rumläuft. Berlusconi ist weg, Gaddafi ist weg." Doch ist wirklich alles nur ein großer Spaß? Wie ist es beispielsweise einzuordnen, dass Gottschalk, dessen Nachfolge immer noch nicht geklärt ist, seinen Spezl Günther plötzlich fragte: "Willst du zusagen als Moderator von "Wetten, dass..?" Jauch darauf: "Wenn ich es mir überlegen dürfte." Man einigte sich auf eine 24-stündige Bedenkzeit. "Morgen abend um 20.15 Uhr bei mir, der große Jahresrückblick auf RTL. Du kommst zu mir und wir besprechen das in aller Ruhe", meinte Jauch. Unverschämte Eigenwerbung? Eine Inszenierung der Quote wegen? Riecht extrem verdächtig danach. Oder ist an der Sache sogar etwas dran?
Ein erneuter Blick in die Vergangenheit zeigt, dass Gottschalk schon immer den Weg in Jauchs Karriere beeinflusste, was dieser am Samstagabend auch selbst verriet: "Thomas hat mich in die Unterhaltung reingequatscht." Und er hat immer Qualitäten an "Günthi" gesehen, wo sie zunächst sonst keiner sah. Etwa in den 70er Jahren in Thommys Radiosendung "Pop nach 8 bis Mitternacht". Da sandte er Günther Jauch an Fasching zu diversen Münchner Discos. Doch der scheiterte an jedem Türsteher - live im Radio. So lernten die Hörer einen Mann mit einem besonders komischen Talent kennen.