Kein Anschluss unter dieser Mundart

19. August 2013, 20:24 Uhr

Wenn der Schweizer "Tatort" läuft, hören wir alles - außer Schwyzerdütsch. Vielen Zuschauern missfällt die Synchronisation. Doch das eigentliche Ärgernis ist ein anderes. Von Carsten Heidböhmer

Tatort, Luzern, Schweiz, Reto Flückiger

Kommissar Flückiger (Stefan Gubser, l.) spricht hochdeutsch, aber bitte nicht zu sehr. Die kleine Julia (Anouk Petri) muss nachsynchronisiert werden. Willkommen beim Schweizer "Tatort".©

Eigentlich schien beim Schweizer "Tatort" Ruhe eingekehrt zu sein. Nachdem das Team aus Luzern 2011 einen katastrophalen Einstand hingelegt hatte und von der Presse nahezu einhellig verrissen wurde, stabilisierten sich die Fälle um Reto Flückiger (Stefan Gubser). Die Kritiken wurden wohlwollender, einige Fälle kamen sogar richtig gut an.

Viele Fernsehzuschauer nehmen das gar nicht wahr - zu sehr ärgern sie sich über eine Besonderheit dieses "Tatorts": Die Folgen sind synchronisiert. Dabei ist das ein alter Hut - das war bei den Fällen aus der Schweiz schon immer so. Zuletzt im Februar hatte "Bild.de" beklagt: "Diese Synchronisation war echt Käse". Dabei war die Folge "Schmutziger Donnerstag", die im Schweizer Karneval spielt, ganz hervorragend. Doch was hängen blieb, waren die Klagen über die Synchro.

Das gleiche nun bei der Ausstrahlung der aktuellen Folge am Sonntagabend: Zahlreiche Zuschauer regten sich darüber auf, dass einige der Schweizer Schauspieler neu vertont wurden. "Die Synchronisation ist auf jeden Fall trending topic beim #tatort", resümierte "Zeit Online" in einem Artikel über die Twitter-Reaktionen auf den TV-Krimi.

Untertitel haben sich hier nicht durchgesetzt

Doch was wäre die Alternative? Brächte die ARD den "Tatort" komplett unsynchronisiert, bräche ein Sturm der Entrüstung über den Sender aus: Der Zuschauer mag zwar Lokalkolorit - wenn er deshalb aber nicht jeden Satz versteht, stößt die Liebe schnell an seine Grenzen.

Und warum werden unverständliche Dialoge nicht einfach untertitelt? Was in vielen anderen Ländern gang und gäbe ist - weil die Neuvertonung für kleine Länder wie Dänemark, Schweden oder die Niederlande zu teuer ist -, hat sich in Deutschland nicht durchgesetzt. Beim rumänischen Kunstfilm im Nachtprogramm mag das noch durchgehen - aber zur Prime-Time möchte der Deutsche nicht lesen müssen.

Bleibt noch die andere Variante: Die Schauspieler sprechen gleich hochdeutsch. Für arrivierte Schauspieler wie Stefan Gubser oder Delia Mayer ist das kein Problem. Doch der Luzern-"Tatort" wartet mit vielen Schweizer Urgesteinen und auch einigen Kinderrollen auf, die können nicht auf Knopfdruck so sprechen, dass es für deutsche Ohren verständlich ist und gleichzeitig authentisch rüberkommt.

Synchronisation war schon immer die gängige Lösung für Verständigungsprobleme beim Film. Insofern ist das Gejammere darüber wohlfeil. Denn eine Alternative gibt es nicht.

Die wahren Leidtragenden sind die Schweizer

Einen Grund zum Klagen haben eher die Schweizer. Sie sind die wahren Leidtragenden dieser Sprachpanscherei. Denn es ist nicht nur so, dass Schwytzerdütsch in Hochdeutsch transferiert wird. Es gab auch schon den umgekehrten Weg: Die erste Luzern-Folge wurde ebenfalls nachträglich vertont - und auf Schweizerisch getrimmt. Denn der "Tatort" soll eben Lokalkolorit verströmen soll, eine leichte Sprachfärbung ist durchaus erwünscht. "Wir wollten einen 'Tatort' mit Schweizer Anklang", bestätigte damals eine SWR-Pressesprecherin. Es sei doch schön, wenn man herausspüre, dass dieser Fall aus Luzern komme. Der Irrtum dabei: Was für deutsche Ohren wie Schwyzerdütsch klingt, ist in Wahrheit ein künstliches Schweizer Hochdeutsch: das krasse "ch" und Wörtern wie "Tracht", das ans Satzende gehängte "odr" oder die Erwiderung "ebe".

Das ist dann auch das eigentliche Ärgernis beim Luzern-"Tatort": Nicht, dass die Folgen synchronisiert sind - sondern dass die Deutschen hier auf Kosten der Schweizer für dumm verkauft werden sollen.

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