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5. April 2010, 08:52 Uhr

Borowski trifft auf einen Serienmörder am Fjord

Auf Wallanders Fährten: Der Kieler "Tatort"-Kommissar Klaus Borowski macht einen Dienstausflug zu den Fjorden und Birkenwäldern Finnlands. Zwischen Tangotänzern, Teenqueens und Trinkern stößt er auf einen Serienmörder. Ein schaurig-spannender Krimi in Kinoqualität. Von Kathrin Buchner

"Tatort"-Kommissar Borowski (Axel Milberg) darf bei seinem Dienstausflug nach Finnland auch Tangotanzen© Pasi Räsämäki/NDR

Sie robben wie Pfadfinder bei einem Räuber-und-Gendarm-Spiel bäuchlings über den Waldboden. Um sie herum sind Baumstämme, knorrige Ästen, das Zwitschern der Vögel. "Tatort"-Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) und sein finnischer Kollege Mikko Väisanen (Janne Hyytiäinen) suchen in den unendlichen Weiten der Birkenwälder Nordkareliens nach einem deutschen Ex-Junkie, der ihnen nach der Vernehmung auf dem Weg in die Untersuchungshaft entwischt ist. Der Jugendliche, gespielt von Florian Bartholomäi, war in einem Rehabilitationscamp mitten im Wald therapiert worden und dort in den Verdacht geraten, ein junges Mädchen vergewaltigt und ermordet zu haben.

Regisseur Hannu Salonen lässt in "Tango für Borowski" den Kieler Kommissar von der Förde an ins Land der tausend Seen reisen, lässt ihn Computer und Kunstlicht gegen Seen und Sonnenstrahlen eintauschen. Borowski hält sich wacker als Schmalspur-Wallander. Er schwitzt und schnauft bei der Mörderjagd. Er leidet an Schlaflosigkeit, tanzt und verirrt sich im Wald, in dem Land, dessen Sprache sich anhört, als ob alle Buchstaben, die beim Scrabble übrig bleiben, zu Worten zusammengesetzt werden.

Das Grauen hinter Bullerbü-Holzhäuschen-Fassaden

Mücken, Sauna, kauzige Kerle, Mittsommernächte, Tango-Melancholie - bis aufs Skispringen bedient sich der gebürtige Finne Salonen, der seit 17 Jahren in Deutschland lebt, aller gängigen Klischees seiner Heimat und mischt daraus einen atmosphärisch dichten Krimi. Man könnte im hohen Norden archaischere Geschichten erzählen, dort gäbe es noch echte Wildnis, sagt Salonen. Und bedient sich reichlich bei der Mythologie der heidnischen Vorfahren. Lässt einen psychisch gestörten Serienmörder Opferbirken schnitzen, mit dem Totenreich kommunizieren und die Köpfe seiner Menschenopfer vergraben.

Salonens schräge Typen sehen aus, als ob sie Aki-Kaurismäki-Filmen à la "Leningrad Cowboys" entsprungen wären: Die Teenqueen mit toupierter Frisur und Lolita-Outfit, der Rocker mit reichlich Tätowierungen, Lederjacke und langen Zottelhaaren, der triebgestörte Einzelgänger, der im Küchen-Puff fürs Spannen bezahlt - alle sind sie wortkarg und geben sich emotionslos Alkohol und Arbeit hin.

Der "Tatort" verarbeitet damit nur das, was wir aus Skandinavien und den nordischen Ländern sowieso schon kennen: Hinter den Fassaden der niedlichen roten Bullerbü-Holzhäuschen verbirgt sich das Grauen. Die Abgründe der Nordlichter entspringen keineswegs deutschen Vorurteilen, sie werden uns ständig in Krimis von Mankell, Larsson und Co. vorgeführt. In einer Landschaft ohne Horizont, wo Platz genug für jedes Lebewesen ist, ist offensichtlich nicht die unwägbare Natur des Menschens ärgster Feind, sondern der Mensch selbst. Von wegen Sozialromantik mit Komplett-Absicherung, Kinderfreundlichkeit und Gleichberechtigung - will man der skandinavischen Literatur Glauben schenken, gibt es nirgendwo in der Welt gibt es mehr Morde als in Nordeuropa.

Da wundert es einen auch kaum, dass im "Tatort" auf einmal ein Massenmörder auftaucht, den man so einem deutschen Drehbuch kaum abnehmen würde. Der Ausflug zu den Elchen auf Kosten unserer Rundfunkgebühren hat sich gelohnt: Salonen hat Lust am Erzählen, verbindet Action und traumhafte Landschaftsbilder zu einem gruselig-spannenden Krimi auf Kinoniveau zusammen. Es ist die richtige Kulisse, um das "neurotische Großstädterspiel aus Nähe und Distanz", wie Milberg es nennt, mit ein paar poetischen Zeilen enden zu lassen. Unspektakulär, aber doch sentimental verschwindet Psychologin Frieda Jung (Maren Eggert) in der Melancholie der Mittsommernächte. Eggert zieht künftig das Theater dem "Tatort" vor.

Von Kathrin Buchner
 
 
KOMMENTARE (10 von 23)
 
vegefranz (06.04.2010, 15:54 Uhr)
ich fand den Tatort politisch völlig korrekt

keine Gutmenschen-Lobby wird einen Anlass zur Beschwerde finden

Alles andere? völlig unwichtig!

vombromsberg (06.04.2010, 11:53 Uhr)
der ....
...polizeiruf 110 war dagegen spitzenklasse!
beeswax (06.04.2010, 00:28 Uhr)
wohl zu lange bier holen gewesen, hm? ;-)
@duftengel

zu 1) die haben doch nach ihm gesucht, sogr mit hubschrauber. aber nicht gefunden.
zu 2) ich denke durch sein hardern vor dem verzehr wurde schon klar, dass er sich der gefahr der pilze bewusst war.
zu 3) dazu wurde erklärt, dass es notwehr war.
zu 4) was man zu den köpfen nun noch mehr hätte sagen müssen, weiss ich allerdings nicht.

es war schon wirr, aber man kam schon mit - wenn man hingesehen hat.

ich fand lediglich seltsam, dass borowski zwar manchmal wegen der nordischen helligkeit nachts nicht schlafen konnte, es aber am tango-palast dunkel war. naja, dafür waren die mücken-geräusche super :-)
Duftengel (05.04.2010, 15:13 Uhr)
Dramaturgie war schlecht
Es stimmten dramaturgisch und auch logisch so viele Dinge nicht.
1. Borowski verläuft sich im Wald. Die anderen warten bzw. suchen nicht nach ihm?
2. Ist er nach ein paar Stunden so ausgehungert, dass er unachtsam Pilze isst? Sie hätten auch tödlich giftig sein können.
3. Borowski stellt fast am Ende fest, dass der Ex-Chef nur pärchenweise tötet, warum hat er dann Ralf getötet?
4. Erst ist Ralf der Verdächtige, dann Vallu, dann der Ex-Chef, ach nee, der wars nicht, es war doch Vallu... die Spannung für diese Erkenntnisse war leider nicht da. Auch das Entdecken der vielen Köpfe beim Ex-Chef wurde fast links liegen gelassen. Warum?
Ich als Kielerin bin von diesem Tatort leider total enttäuscht, er war nicht spannend sondern eher langweilig, aber vor allen Dingen an einigen Stellen richtig dumm, und so das finde ich schade. Die Figur Borwoski muss aufpassen, dass sie nicht abrutscht.
Ruhrbuerger (05.04.2010, 15:05 Uhr)
@ Treehorn: Ich wehre mich einfach nur gegen die Verbreitung von Falschwissen. Was damit angerichtet wird kann man hier mal wieder am berühmten Beispiel 'Skandinavien' sehen (natürlich ist Finnland NICHT Skandinavien)
1964n.Chr. (05.04.2010, 14:58 Uhr)
gut aber nicht neu
Ich kann mir nicht helfen,aber irgendwie hat mich der Tatort an den Film "Insomnia-Schlaflos" mit Al Pacino erinnert.Vielleicht lief er beim Drehbuch schreiben gerade im TV.Trotzdem gut!
toleranz26 (05.04.2010, 14:48 Uhr)
@seigfried
Deinen Geographielehrer mußt nicht gleich verklagen. Auch Lehrer sind nicht allwissend. Frag lieber Norweger, Schweden oder Finnen, die sagen dir genau, was zu Skandinavien gehört.
wkmops (05.04.2010, 14:34 Uhr)
Atmosphäre ersetzt nicht Plot und Logik
Als alter Finnland-Freund wollte ich mir diesen Tatort nicht entgehen lassen. Die Landschaftsaufnahmen und das Ansprechen der meisten Finnland-Klischees waren ja auch ganz nett. Was uns aber vom Plot, von der mit Unfähigkeit kaum noch zu benennder Handlungsweise der polizeilichen Protagonisten und der "Wahrscheinlichkeitsanmutung" mancher Handlungsstränge her zugemutet wurde ,übersteigt selbst die bei den meisten Tatortkrimis klaglos heraufgesetzte Toleranzschwelle bei weitem. Fazit: Mist stinkt auch dann noch, wenn er auf dem Rosenbeet liegt....
Treehorn (05.04.2010, 14:04 Uhr)
@Ruhrbuerger
Korinthe!

Ob die Autorin nun Fjord oder Finnische Seenplatte schreibt ist für die Kritik des Tatorts wirklich nicht von Belang. Aber Hauptsache mal wieder aufregen. Wenn's nach einigen hier ginge müsste man sich für so eine Lapalie wahrscheinlich direkt seine Papiere holen und sich öffentlich in den Bleistift stürzen.

Journalistisches Halbwissen hin oder her. Aber manchmal sollte man auch die Größe haben, über Kleinigkeiten hinweg zu sehen/lesen.
.link (05.04.2010, 14:01 Uhr)
warum sollte er ihn nicht in ruhe lassen?
war doch eindeutig nicht sein "beuteschema" ;)

mir hat er gefallen. ich hatte nur das gefühl. man hätte gegen ende noch 5 minuten mehr gebrauchen können.
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