. .
News am 21.11.2009
RSS Mobil Wetter stern.de Blogs Hefte
7. September 2009, 11:00 Uhr
Schriftgröße: A A A

Callboy, Karrierefrau und Kidnapping

Karrierefrauen und Schlappschwänze: In der Frankfurter "Tatort"-Folge "Architektur eines Todes" wird die Assistentin einer Stararchitektin in den Abgrund gestoßen. Eine Gesellschaftsanalyse um Rache, Eifersucht und rasende Liebe in düstersten Herbsttönen. Von Kathrin Buchner

"Tatort"-Kritik, Sawatzi, Dellwo,

In auswegloser Situation: Anett Berger (Julia Dietze), Assistentin einer Frankfurter Stararchitektin, wurde entführt© Bettina Müller/HR

Um es gleich vorweg zu nehmen: Es ist eine Gesellschafts-Apokalypse, die in diesem Frankfurter "Tatort" ausgebreitet wird. Ein Szenario, bei dem man sofort ein Artenschutzprogramm für echte Kerle bei der "Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte" einfordern müsste. Koksender Callboy, rachsüchtiger Psychopathenkollege, gefrusteter Vollzeitvater - gezeigt wird ein Gruselkabinett der Männer-Degeneration, das entsteht, wenn Frauen das Ruder übernehmen.

Den Frauen geht es in diesem Krimi allerdings auch nicht besser - trotz Erfolg und Karriere. In "Architektur des Todes" wird die attraktive, junge Architektin (Julia Dietze) erst entführt, dann ermordet. Sie ist Assistentin von Sofia Martens, Stararchitektin, Ehefrau und Mutter zweier Kinder. Von Glanz und Glamour ist wenig zu sehen, von Anfang an wird Martens als Opfer ihres eigenen Erfolgs gezeigt, getrieben, verzweifelt, genial, machtgeil. Ein bisschen stereotyp, aber doch sehr überzeugend von Nina Petri dargestellt als eine Frau, die zu großen Taten und großer Liebe fähig ist, Charisma besitzt, aber sich in ihrem selbst gesponnenen Netzwerk verfängt.

Glücklose Lesben-Liebschaft

Systematisch wird die Traumkarriere dekonstruiert. Denn die Frau, die Gebäude mit Sonne auflädt und so leuchtende Planeten für die Stadtlandschaft baut, ist in eine glücklose Lesben-Liebschaft mit ihrer Assistentin verstrickt und lässt mit ihrer Dominanz die Männer an ihrer Seite verwelken wie ungegossene Primeln. Da ist ihr Gatte Holger (Stephan Bissmeier), der die Kinder hütet und Spaghetti Carbonara kocht, während die Erfolgsgattin bei ihrem Frauenstammtisch Drei-Sterne-Menüs verspeist. Da ist der verbitterte Jung-Architekt Peter Kaufmann (Bastian Trost), ein Schluffi mit dunkler Hornbrille und Drei-Tage-Bart, der sich an der Schulter seiner Schwester ausheult und statt mit fachlicher Brillanz seine Chefin mit anonymen Anrufen unter Druck setzt. Sogar der Callboy ist ein heulendes Elend, der seinen Kummer über die verschwundene Freundin aber wenigstens nur mit Koks zudröhnt, während die anderen beiden in ihrer Verzweiflung zu viel drastischeren Mitteln greifen, aber schwach in Charakter und Darstellung bleiben.

Genauso düster wie der Geschlechterkampf dargestellt wird, ist die Inszenierung von "Architektur des Todes" gehalten. Bleiche Farben in kaltem Neonlicht vor den glatten Fassaden Frankfurter Hochhäuser, kühle moderne Architektur, schick und aufgeräumt, ohne jegliche Wärme und Geborgenheit. Das ist durchaus stimmig, doch nervt Regisseur Titus Selge mit merkwürdiger Kameraführung, die gerne mal auf Hüfthöhe gehalten ist. Das Drehbuch von Judith Angerbauer zerfasert, zu viele Verdächtige, zu viele Nebenschauplätze, Konkurrenz am Arbeitsplatz, Stalker in Frauennetzwerken, umgedrehte Rollenbilder - keine Geschichte wird zu Ende erzählt.

Eine komplette Enttäuschung ist das Ermittlerteam: Andrea Sawatzki als Kommissarin Charlotte Sänger darf ein bisschen mit dem Callboy turteln, am Frauenstammtisch Zickenduelle austragen und sich frühlingsfarbenen Lippenstift kaufen, einer der wenigen Farbtupfer in diesem grauen Brei. Jörg Schüttauf als Kommissar Fritz Dellwo zeigt als einziger Mann zumindest ein bisschen Haltung, wenn auch im Hintergrund, ansonsten sinnieren beide ausgiebig über den Regen. Der Titel "Architektur eines Todes" ist durchaus symptomatisch für das Ermittlerteam, das einst so virtuos war, aber seinen baldigen Abtritt aus dem Frankfurter "Tatort" bereits angekündigt hat und offensichtlich schon in die innere Emigration gegangen ist. Ein Schutzprogramm für die beiden ist überflüssig.

Von Kathrin Buchner
KOMMENTARE (5 von 5)
 
SoftPlaner (07.09.2009, 23:32 Uhr)
Langweilige weltfremde Spinner
alle miteinander: Opfer, Mörder und der missgelaunte Ermittler.
Einziger Lichtblick die schöne Charlotte Sänger, die man leider auch weder als Kollegin noch als Freundin haben möchte.
yobbi (07.09.2009, 16:51 Uhr)
Ein Tatort der schlechterenen Sorte , die Schauspieler (Nina Petry) konnten nichts retten. Und was sollte dieser abstruse Titel?
sir.california (07.09.2009, 14:25 Uhr)
eine gute freundin von mir
charlotte wetzel hätte dieses drehbuch erheblich besser geshrieben. u. a. hat sie dramaturgische kompetenz und humor, zwei faktoren, die "architekur des todes" (welch ein selten bekloppter titel!) u. a. vollständig abgingen.
RaiMueFie (07.09.2009, 13:01 Uhr)
Tatort/Polizeruf-Brei
Egal ob Schicki-Micki-Tatort im Frankfurter Architektenmilieu oder Provinzmief aus Meck-Pomm - welcher Dialektbrei aus München, dem Saarland oder Sachsen-Anhalt kommt- jedesmals piefig und provinziell. Ich freu mich immer auf das Ende vom Tatort - den 15 Minuten später ermittelt im ZDF der "Adler" und sein Team aus Kopenhagen - individuelle Charaktere als Ermittler, die auf globaler Ebene mit modernsten Kommunikationsmitteln arbeiten.
laluna3 (07.09.2009, 11:45 Uhr)
Tatort
Selten habe ich einen daemlicheren Tatort gesehen.
Langweilig, Chaotisch und viele Ungereimtheiten
Braucht keiner
MEHR ZUM ARTIKEL
"Tatort"-Kritik Wenn der Suff das Skalpell führt

Suffexzesse, Kunstfehler im OP und eine getötete Professorengattin: Die Kölner "Tatort"-Folge "Mit ruhiger Hand" über Götter in Weiß, die gerne mal blau sind, ist eine spannende Story, in der Alkoholismus im Ärztemilieu diagnostiziert wird. mehr...

Ulrich Tukur Star-Kommissar für den "Tatort"

"Tatort"-Verpflichtung mit Star-Potenzial: Ulrich Tukur wird neuer "Tatort"-Kommissar in Hessen. Ein Scoop für die Krimiserie, die gerade erst den Rückzug des Ermittlerduos Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf bekannt geben musste. mehr...

Andrea Sawatzki & Jörg Schüttauf Frankfurter "Tatort"-Duo hört auf

Seit 2002 spielen sie die Kommissare beim Frankfurter "Tatort", jetzt ist es vorbei mit dem Team Sänger und Dellwo: Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf beenden ihre Zusammenarbeit mit dem Hessischen Rundfunk. Das verkündete die Schauspielerin in einem Interview. mehr...

 
Partnerangebot Partnersuche
Partnersuche Neugierig, wer zu Ihnen passt?

Eine harmonische Partnerschaft ist kein Zufall. Jetzt den passenden Partner finden. mehr

 
 
 
 
Aktuelle Extras
 
Adobe Flash Player

 
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Günther Jauch
sternTV - Information und Unterhaltung mit Günther Jauch

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...