Ein toter Seemann wird aus dem Meer gefischt. Und auf einmal schippert die Kommissarin allein unter Männern auf einem Mörderschiff ohne Ausweg. Der Kapitän nimmt ihr auch noch die Dienstwaffe ab. Beim Bremer "Tatort" spielte man "Schiffe versenken" im rechtsfreien Raum. Von Kathrin Buchner

Durchnässt und einsam - Kriminalkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) sucht nach dem Mörder auf der "MS Karina"© Radio Bremen
Eine Seefahrt, die ist lustig - von wegen. Es ist nass, eng und kalt, riecht nach Öl und Männerschweiß, riesige Maschinen dampfen. Die Crewmitglieder kommen aus aller Herren Länder, sie starren dumpf vor sich hin, sprechen nicht miteinander, der Kapitän säuft und wenn er Befehle gibt, schreit er. Außer, dass es GPS, Satellitentelefone und Einzelkabinen mit Duschen gibt, wird das Leben auf einem modernen Containerschiff als nicht so weit entfernt von dem Alltag eines römischen Galeerensklaven vor tausend Jahren gezeigt. Wer nicht spurt, wird am nächsten Hafen ausgesetzt.
In diese archaische Männerwelt taucht also Kriminalkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) im Bremer "Tatort" "Schiffe versenken" ein. Deutsche Fischer haben einen ermordeten Seemann aus dem Meer gefischt. Die Kommissarin zögert nicht lange und lässt sich per Schleppkahn auf die "MS Karina" bringen, auf deren Besatzungsliste sich der Tote befindet. Doch Pech für die Kommissarin - alsbald schippert Kapitän Bleibtreu (Michael Gwisdek) aus der Zwölf-Meilen-Zone raus in den rechtsfreien Raum auf offener See und nimmt der forschen Kommissarin die Dienstwaffe ab. Ein Albtraum - Lürsen ist gefangen, allein unter Männern, ausweglos auf hoher See mit dem potentiellen Mörder an Board, nur per Handy mit Kollege Stedefreund (Oliver Mommsen) verbunden, der an Land für die Umkehr des Schiffes kämpft.
Mörderjagd, inszeniert auf hoher See - eine echte Herausforderung für jeden Regisseur, der mit öffentlich-rechtlichem Fernsehetat arbeitet. Schließlich sind die Zuschauer in Sachen Spezialeffekte von Hollywood verwöhnt, wo man mit gigantischen Budgets ordentlich Wumms und Krawall machen kann, und Spezialeffekte per Computer animiert werden. Verfolgungsjagden zwischen Containern, schwindelerregende Stunts an der Reling oder Showdown im Maschinenraum - auf all das verzichtet Regisseur Florian Baxmeyer, der sich als echtes "Tatort"-Talent entpuppt, seine Hamburger Folge mit Mehmet Kurtulus wurde ein kinoreifer Thriller. Stattdessen kreiert Baxmeyer eine klaustrophobische Atmosphäre, spielt mit Überraschungseffekten, lässt Kommissarin Lürsen wie ein wehrloses Tier an ihren eigenen Handschellen in der Kabine fesseln und seziert das menschenfeindliche Arbeitsumfeld, in dem die Seeleute weniger Rechte haben als mexikanische Tagelöhner in US-amerikanischen Schlachthäusern.
Es ist ein spannender Krimi geworden, dieses Kammerspiel auf dem Frachtschiff. Die Geschichte der Drehbuchautoren Wilfried Huismann und Philip LaZebnik (US-Autor, der auch schon Folgen von "Star Trek" geschrieben hat) ist gut recherchiert und zeigt, mit welch harten Bandagen im internationalen Frachtverkehr gearbeitet wird, wie aus purer Profitgier das Leben der Besatzung riskiert wird. Man lernt ein bisschen was über den gesetzfreien Raum Meer, in dem der Kapitän König ist und das Schiff sein Reich, über das er nach eigenem Ermessen verfügen darf. Lediglich der Ruf seines Geldgebers kann ihn in seinem Tun einschränken. Von wegen Seefahrerromantik - der Schlüssellochblick zeigt die Tristesse des Matrosenjobs im bedrückenden Ausmaß.