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23. April 2010, 18:39 Uhr

Wenn die Liebe zur Qual wird

Otto Normalverbraucher mit Doppelleben, die kalabrische Mafia und ukrainische Auftragskiller: deftige Zutaten für die Stuttgarter "Tatort"-Folge "Blutgeld". Dabei ging es doch eigentlich nur um ganz große Gefühle und wohin diese führen können. Von Kathrin Buchner

Der Mann mit dem Doppelleben dreht durch: Stephan Kampwirt spielt den Marc Simon© Stephanie Schweigert/SWR

Viel liest man in diesen Tagen von berühmten Männern, die fremdgehen, die Frauen wie am Fließband vernaschen. Und sobald das bekannt wird, deklarieren sich diese Männer als sexsüchtig, weisen sich selbst reumütig zur Therapie in die Klinik ein, um dann geläutert zu ihren Gattinnen zurückzukehren. Vielweiberei kommt schließlich nur in arabischen Sultanaten vor, Polygamie ist ein Relikt aus vorchristlichen Zeiten und existiert offiziell nicht in unserer modernen Industriegesellschaft.

Wie sein PS-starker Sportwagen gehört die mindestens 20 Jahre jüngere heimliche Geliebte zwar als Statussymbol zum Erfolgsmanager. Mit der macht Mann von Welt Dinge im Bett, an die er bei seiner Ehefrau und Mutter seiner Kinder nicht mal denken würde. Sobald es aber zum Betriebsunfall Schwangerschaft kommt, wird die Gespielin mit Geld abgespeist und durch die nächste Büro-Lolita ersetzt.

Doch was passiert eigentlich, wenn der treusorgende Biedermann mit Bilderbuchfamilie und ohne Turbosextrieb sich tatsächlich in eine andere Frau verliebt? Wenn er eine zweite Familie aufbaut, ein Doppelleben führt, und die Betroffenen letztlich sogar einweiht? Immer wieder liest man von solchen Fällen, es sind eher unscheinbare Männer als Machos, die solch einen Spagat vollführen. Im Stuttgarter "Tatort" heißt dieser Otto Normalverbraucher Max Simon (überzeugend gespielt von Stephan Kampwirth), ist Bankangestellter, hat eine Tochter mit seiner Ehefrau und einen Sohn mit seiner "Zweitfrau".

Wenn Liebe zur Qual wird

Der Krimi beginnt dort, wo die Existenz von Simon bereits in Scherben liegt. Als er eines Abends von der Arbeit nach Hause kommt, findet er Ehefrau und Tochter erschossen im Wohnzimmer. Verstört flieht er, taucht am nächsten Morgen wieder am Arbeitsplatz auf, bewegt sich ferngesteuert wie ein Roboter, gegenüber den Kommissaren Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) zeigt er sich wenig aussagefreudig und wird so zum Hauptverdächtigen.

"Stellen Sie sich vor, es gibt eine andere Frau, die sie genauso lieben, sie zerstören alles und können es nicht ändern", sagt Simon über seine Situation. "Blutgeld" ist aber weniger psychologische Studie des Seiltanzes eines Mannes, für den Liebe zur Qual wird, sondern zeigt die Folgen dieses Doppellebens. Wird im ersten Teil noch mit Verhören der Schwiegereltern, der Geliebten, von Freunden, Kollegen und anhand von Fotos die Idylle der Vergangenheit eher unbeholfen rekonstruiert, nimmt der Krimi im zweiten Teil deutlich an Fahrt auf: Um seine Schuldgefühle zu kompensieren, hat Simon reichlich Schulden aufgehäuft und bei einem dubiosen Verleiher einen Wucherkredit aufgenommen. Der Dualismus seines Lebens zieht sich fort, zum Doppelleben steigt er auch noch in eine Parallelwelt der organisierten Kriminalität ein, nutzt seinen Job, um Gelder zu veruntreuen.

Kalabrische Mafia, ukrainische Auftragskiller - nach und nach offenbart sich das tragische Dilemma, in das sich der einst so rechtschaffene und zuverlässige Mark Simon hineinkatapultiert hat. Regisseur Martin Eigler hat einen bodenständigen und spannenden Krimi inszeniert, mit überraschendem Clou am Ende des Showdowns mit Geiselnahme, versäumt aber vor lauter Action die Nahaufnahme des Protagonisten in seiner noch "heilen Welt". Ein bisschen weniger "Der Pate", ein bisschen mehr "Eine verhängnisvolle Affäre" hätte dem Krimi den letzten Pfiff gegeben.

Von Kathrin Buchner
 
 
KOMMENTARE (10 von 14)
 
schlusi09 (26.04.2010, 15:23 Uhr)
Sehr gut aber.....
Ein sehr spannender,guter Tatort,Ritchy Müller und Felix Klare haben sich sehr gut als Team etabliert.Das einzige was mich aber bei fast jedem Tatort nervt,sind die "jammereien",der Kommisarsfrauen,wenn Sie denn vorhanden sind.Liebe Tatort macher,das ist weltfremd,da es sicher viele belastende Berufe mit unregelmässigen Arbeitszeiten gibt.Zieht sich leider immer wieder mal wie ein roter Faden durch.
endbenutzer (26.04.2010, 14:26 Uhr)
@JarodRussel:
...ich meinte eigentlich "Shaky Camera"...
MK80 (26.04.2010, 14:01 Uhr)
das einzige
was mich gestört hat, war, dass sich das MEK von dem Zimmermädchen die Tür hat aufschließen lassen ;-)
endbenutzer (26.04.2010, 13:51 Uhr)
@JarodRussel:
"...Eine Steadicam wurde hier nicht eingesetzt. Eine Steadicam liefert stabile Bilder, ermöglicht glatte Kamerafahrten an Orten, an denen man keine Schienen auslegen kann..."

Stimmt! Ich habe mich tatsächlich in den Begrifflichkeiten vergriffen. War anders gemeint..
JarodRussell (26.04.2010, 12:49 Uhr)
Steadicam
Eine Steadicam wurde hier nicht eingesetzt. Eine Steadicam liefert stabile Bilder, ermöglicht glatte Kamerafahrten an Orten, an denen man keine Schienen auslegen kann. Das hat rein gar nichts mit dem neumodischen Stilmittel von verwackelten Bildern und schnellen Zooms zu tun. Was man auch dazu sagen muss ist, dass meistens, wenn ein Tatort versucht, die Stilmittel aus amerikanischen Produktionen zu kopieren (in diesem Fall waren es Serien wie 24 oder Battlestar Galactica), dann geschieht dies meistens sehr schlampig und amateurhaft.
Gernspieler (26.04.2010, 11:16 Uhr)
90 min Spannung!
Herrliche Sonntagabend-Unterhaltung! Mann, was gibt es da Qualitätsunterschiede in den einzelnen "Tatorten"!
endbenutzer (26.04.2010, 11:05 Uhr)
@pfeffersack:
"...Übrigens: eine Steadycam ist ein Kamera-Halterungssystem. Kein Stilmittel...."

Weiß ich, deshalb habe ich das Wort auch in Anführungszeichen gesetzt. Wird allerdings ein Film mit dieser Technik gedreht (in Verbindung mit schnellen Zooms) kann man eigentlich schon von einem Stilmittel sprechen. Man stelle ich z.B. "Battlestar Galactica" mit Lindenstraßen-Kameraführung vor....
pfeffersack (26.04.2010, 10:25 Uhr)
eine positive Tatortkritik bei stern.de ? Hui !
Nachdem ich zeitweise das Gefühl hatte, das bei stern.de Tatorthasser beschäftigt sind, hat die Autorin doch tatsächlich einmal positive Dinge geschrieben. Das plötzliche Heranzoomen hat mich übrigens auch genervt. Ansonsten war dieser Tatort Klasse und hat dieses Mal gleich 2 aktuelle und unangenehme Themen benannt: Familien-Doppelleben und die inzwischen bis nach Deutschland reichenden Arme der Camorra. Das der Protagonis in beides gerät - warum nicht ?
Übrigens: eine Steadycam ist ein Kamera-Halterungssystem. Kein Stilmittel.
endbenutzer (26.04.2010, 09:59 Uhr)
Endlich mal wieder....
...ein Tatort ohne Sozialgesülze und privaten Affären der Kommissare. Spannend gemacht und sehr gut in Szene gesetzt. Und was die Kameraführung betrifft: Das Stilmittel "Steadycam" wurde in diesem Tatort punktgenau eingesetzt. So filmt man eben heute. Dynamisch und realitätsbezogen. Klasse!
hosiannarunner (26.04.2010, 09:56 Uhr)
Insgesamt gelungen
Gut, es gab auch hier wieder ein paar Szenen, die unrealistisch waren. Wenn die "Zweitfrau" mit ihrem Sohn zu ihrer Freundin flieht, die ein einsames Haus bewohnt, dann hätte ihr vielleicht auffallen müssen, dass sie verfolgt wird. Insbesondere, wenn die Verfolger das Licht am Auto anlassen, während sie alles beobachten.
Und dass ein Bankangestellter glaubhaft einen Erschossenen spielen kann und so hinfällt wie ein tödlich Getroffener, halte ich auch für unwahrscheinlich.
Aber insgesamt war es sicher ein spannender und unterhaltsamer Tatort, der trotz intensiver Gefühle glücklicherweise auf lange und nervige Charakterstudien verzichtete.
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