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22. Februar 2012, 08:30 Uhr

Wenn einem der TV-Appetit vergeht

Das politische Tagesgeschehen ist nicht wirklich Sandra Maischbergers Geschäft. Dass die 45-Jährige aber ihren Talk zur Werberunde für ARD-Kollegen Tim Mälzer machte, verhalf ihr keinewegs zu mehr Profil, sondern bescherte dem Zuschauer lediglich zwei sich gegenseitig beschimpfende Diskutanten. Von Christoph Forsthoff

Maischberger, Sandra Maischberger, Tim Mälzer, Essen, Ernährung

Ignorierte sämtliche akutelle Themen, die die Nation bewegen und diskutierte mit ihren Gästen über Ernährung: Sandra Maischberger© Illustration: stern.de/Philipp Moeller

Das nennt sich dann wohl hausinterne PR - oder sollte es irgendeinen anderen ernsthaften Grund gegeben haben, ausgerechnet jetzt bei Sandra Maischberger einen vermeintlichen "Glaubenskrieg" auszurufen über die Frage "Gibt es kein gesundes Essen?"? So manches mag die Nation in diesen Tagen bewegen: Ist Gauck ein glaubwürdiger Bundespräsident? Warum werden immer noch Rundfunkgebühren für Gottschalks Vorabendgenerve verschleudert? Was kosten die Griechenland-Hilfen den deutschen Steuerzahler? Das Thema Ernährung indes ganz sicherlich nicht. Doch da der medial überpräsente und inzwischen nur noch schwer zu ertragende Tim Mälzer nun mal mit dem Heidelberger Professor Peter Nawroth einen "Ernährungs-Check" initiiert hat, dessen Verlauf und Ergebnis am kommenden Montag zur besten Sendezeit in der ARD zu sehen ist, dürfen es für die entsprechende Quote auch noch 75 geschlagene Werbeminuten mehr sein. Auch wenn sich das Ergebnis dieses Tests, bei dem 45 Männer in drei Gruppen zwei Wochen lang unterschiedlicher Ernährung ausgesetzt waren, in einem Satz zusammenfassen lässt, wie der Fernsehkoch selbst zugibt: "Iss alles, was Du willst, aber nur nicht zu viel davon."

Geschmack prägt

Ähnlich gehaltvoll war das Resultat des Maischberger-Talks: "Wir reden über ein ganz kleines Ding", meinte Nawroth kurz vor Mitternacht mit Blick auf die Bedeutung des Essens. "Das Wichtigste ist der soziale Kontext, in dem wir leben." Bereits eingangs hatte der Mediziner von der Uniklinik Heidelberg ganz nüchtern konstatiert, dass der Mensch sich allein durch zu viel und zu einseitige Ernährung krank essen könne, es hingegen keine Kost gäbe, die krank mache. Spätestens da war die Leitfrage der Sendung bereits beantwortet, doch Maischberger tat natürlich alles, um die folgende Stunde noch irgendwie zu füllen - bis dahin hatten wir vor allem interessiert die unterschiedlichen Kaubewegungen ihrer Gäste verfolgt, die sich eingangs dem offenbar unvermeidlichen Vergleichstest zwischen Bio- und Discounter-Lebensmitteln unterzogen. Und zu dem wenig erstaunlichen Ergebnis kamen, dass unser Geschmack mittlerweile doch sehr von den Produktionstechniken der Lebensmittelindustrie geprägt ist.

Bis die Fetzen fliegen

Ja, und auf diesem Erkenntnisniveau ging es dann munter weiter: Die leicht naiv wirkende und in Ernährungsmoden bestens bewanderte Schauspielerin Michaela May erzählte Horrorgeschichten von Obstbauern, die wegen EU-Normen ihre Apfelbäume fällen mussten, Mälzer fand neben Hinweisen auf seine Sendung noch Zeit für die bahnbrechende Erkenntnis, "es ist gar nicht so schwer, sich ausgewogen zu ernähren" und Werner Wolf, Chef des Spitzenverbandes der Lebensmittelwirtschaft, sang standesgemäß das Loblied auf das weltweit strengste Lebensmittelgesetz, das wir in Deutschland haben. Stimmung in die Runde brachten indes Karl-Heinz Funke und Sonja Moor: Der Ex-Bundeslandwirtschaftsminister und die Biobäuerin fetzten sich wie sonst nur die abgewrackten Diskutanten in den Trash-Talkshows des Privatfernsehens. Letztere schimpfte über Lebensmittel-"Schrott" und "Tierquälanstalten", ersterer polterte, "Sie bilden sich ein, einzigartig zu sein" - wem es gefällt…

Antibiotika im Stall

Da passte es nur zu gut, dass Maischberger gleich noch das Klischee vom ahnungslosen TV-Journalisten bestätigte: 96 Prozent der Masthähnchen in Deutschland bekämen Antibiotika, behauptete die Moderatorin - und wollte nicht so recht einsehen, dass ihr Umkehrschluss schlicht falsch war. Wenn in 3,6 Prozent der hiesigen Mastbetriebe keine Antibiotika eingesetzt werden, heißt das natürlich noch lange nicht, dass in den übrigen sämtliche Tiere medikamentös behandelt werden. Was die Sache zwar nicht besser macht, aber symptomatisch für das Niveau der Diskussion war. Aber so ist das eben, wenn eine Werbesendung derart in die Länge gezogen wird.

Von Christoph Forsthoff
 
 
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