Das Problem der Ostdeutschen mit Gauck

21. Februar 2012, 20:04 Uhr

Er kommt aus Rostock, war in der DDR Oppositioneller und dennoch stößt Joachim Gauck in Ostdeutschland auf Gegenwind. Ein alter Weggefährte des Bundespräsidenten in spe sagt, warum. Von Niels Kruse und Jan Rößmann

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Gauck in Rostocker Marienkirche 1989: "Er hat es exzellent verstanden, sich ins Rampenlicht zu setzen"©

Ganz Deutschland sagt Ja zu Joachim Gauck. Ganz Deutschland? Nein, ein paar Unbeugsame hören nicht auf, gegen den Konsenskandidaten Widerstand zu leisten. 15 Prozent sind es, laut stern-Umfrage.Vor allem die Linke lehnt den früheren Bürgerrechtler als Staatsoberhaupt ab, Kritik kommt auch von Teilen der Grünen sowie der Piratenpartei. Offenbar trifft Gaucks Gedankengut vor allem im Westen auf Gegenliebe, aus dem Osten gibt es Gegenwind.

Beispiel Rostock, Heimat des künftigen Bundespräsidenten: Die dortige "Ostsee-Zeitung" befragte ihre Leser, ob der berühmte Sohn der Stadt Ehrenbürger werden solle. Das ernüchternde Ergebnis: Von 1879 Befragten sprachen sich 58 Prozent gegen die Würdigung aus. Man könne den Eindruck gewinnen, dass Gauck zu den führenden Köpfen der Oppositionsbewegung in der DDR gehört habe, zitiert das Blatt den Rostocker Dietmar Schmidt. "Doch in Rostock entstand die Bewegung erst, nachdem sie in Berlin, Dresden, Leipzig schon in vollem Gange war. Herr Gauck hat es exzellent verstanden, sich ins Rampenlicht zu setzen." Es ist nicht die einzige kritische Stimme: In einer Onlineumfrage der Zeitung verneinen 73 Prozent der Nutzer die Frage, ob Joachim Gauck der richtige Bundespräsident sei.

Lieber Töpfer als Gauck

Auch Hartmut Dietrich ist Bürger der Hansestadt und wie Gauck Pastor. Die beiden kennen sich seit 50 Jahren. Zum ersten Mal sind sich die beiden 1961 während ihres Theologiestudiums begegnet, ihre Wege kreuzten sich mehrfach, so betreuten sie etwa die gleiche Gemeinde in Lüssow bei Rostock: "Menschlich haben wir ein gutes Verhältnis", sagt Dietrich stern.de. Trotzdem hätte er Ex-Umweltminister Klaus Töpfer lieber in Schloss Bellevue gesehen als Joachim Gauck. Oder gerade deshalb.

Nach Dietrichs Geschmack limitiert sich Gauck zu sehr auf ein Thema. Der Pastor im Ruhestand erinnert sich etwa an eine Rede Gaucks 2004 anlässlich der 775-Jahres Feier ihrer Lüssower Gemeinde. Eine halbe Stunde sollte er reden, es wurde eine ganze daraus. Das, was Gauck damals über sein Lieblingsthema Freiheit und Demokratie zu sagen hatte, sei ausgezeichnet gewesen, so Dietrich. Nur leider trotz der langen Rede nicht ausreichend. "Was sagst du zu den 30.000 Kindern, die an täglich Hunger sterben", hatte er ihn nachher gefragt. "Das ist ein völlig anderes Thema", habe Gauck entgegnet. Für Dietrich nicht. Diese Katastrophe sei verursacht durch eine ungerechte Wirtschafts- und Finanzpolitik, führte er als Argument an, was sei mit der Verantwortung der reichen Deutschen für die Armen der Erde? Solche Botschaften hatte Gauck nicht auf dem Zettel.

"Pass auf, dass du nicht bei 1989 stehen bleibst"

Woher kommt diese Verengung Gaucks? "Joachim hat das Trauma nie überwunden, dass sein Vater in der DDR jahrelang verschwunden und inhaftiert war", sagt Dietrich. Die Bevormundung durch einen Staat, der für sich Macht und Gerechtigkeit in Anspruch nahm, ohne dafür legitimiert zu sein, habe bei Gauck diesen überbordenden Drang nach Freiheit hervorgebracht. Für einige Wegbegleiter fällt Gauck damit aus der Zeit. "Pass auf, dass du nicht bei 1989 stehen bleibst", habe laut Dietrich eine gemeinsame Mitarbeiterin einst zu Gauck gesagt.

Auf jeden Fall sei Gauck aber einer für den ganz großen Auftritt. "Je größer die Zuhörerzahl, desto stärker ist er motiviert", sagt der alte Wegbegleiter. Allerdings erwartet Dietrich von einem Bundespräsidenten auch, dass er zur Bedingtheit seiner Einsichten und Worte steht. "Ich hoffe, dass Joachim offen bleibt für das lernbereite Gespräch." Ähnlich äußert sich ein früherer Bürgerrechtler, der Gauck gut kennt und seine Wahl auch begrüßt: "Es kann sein, dass er als erster Mann in Staat noch mehr Schwierigkeiten haben wird, andere Standpunkte zu akzeptieren. Er mag sich eben sehr."

"Gauck ist nicht unser Kandidat"

Die Linke, politisches Sprachrohr des Ostens, hatte den Ostdeutschen Gauck schon bei der letzten Wahl als Bundespräsident abgelehnt. Daran hat sich auch jetzt, zwei Jahre später nichts geändert. Die Co-Vorsitzende der Partei, Gesine Lötzsch, wiederholte nun auch wieder, warum: "Joachim Gauck ist ein Kandidat, der für Hartz IV steht; der es richtig findet, dass Menschen in unserem Land von ihrer Hände Arbeit nicht leben können. So einer ist nicht unser Kandidat." Obwohl die Partei gerade einmal zehn Prozent der Stimmen in der Bundesversammlung hat, will sie dennoch einen eigenen Kandidaten ins Rennen schicken. Vielleicht sogar zusammen mit der Piratenpartei.

Heißester Anwärter ist derzeit der Kabarettist Georg Schramm, bekannt aus der ZDF-Satiresendung "Neues aus der Anstalt". Auf der Internet-Seite der Piratenpartei läuft bereits seit einigen Tagen eine Initiative für den 62-Jährigen. Der Kabarettist verfüge "über die nötige Macht der Sprache, um ein Amt, das vom Wort lebt, auszufüllen", heißt es zur Begründung.

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