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3. November 2009, 11:06 Uhr
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Der eiskalte Modeengel

Sie ist die einflussreichste Frau der Modewelt. Seit sie im Film "Der Teufel trägt Prada" verewigt wurde, ist sie über die Branche hinaus berühmt: Anna Wintour, Chefredakteurin der "Vogue", wird 60 Jahre alt. Wer auf Altersmilde gehofft hatte, erlebt eine Enttäuschung. Von Jens Maier

Vogue, Anna Wintour

Betonfrisur und Sonnenbrille: die Markenzeichen der Anna Wintour© Luca Bruno/AP

Sie lächelt eisern. Keine Miene verzieht die mächtigste Modefrau der Welt, als eine Torte sie mitten ins Gesicht trifft. Das war 2005 bei einer Chanel-Modenschau in Paris. Pelzgegner der Tierschutzorganisation "Peta" hatten es auf die Journalistin abgesehen, die mit einem Zobel bekleidet im Publikum saß. Nur eine halbe Stunde nimmt sie fein gesäubert wieder in der ersten Reihe Platz. Einen Tag danach, bei der Schau von Dolce&Gabbana, schmeißen Aktivisten eine Mehlbombe auf sie, am Ende der Woche wird ihr Mantel mit Kunstblut besudelt - doch sie tut das, was ihre Gegner am meisten an ihr fürchten: Sie lässt sich nicht anmerken, was sie wirklich denkt. Das hat ihr den Spitznamen "Die Eiskönigin" eingebracht.

Am Dienstag wird Anna Wintour, die seit 1988 als Chefredakteurin der amerikanischen Modezeitschrift "Vogue" vorsteht, 60 Jahre alt. Noch immer bestimmt sie die Trends, ihr Urteil entscheidet über Karrieren von Fashiondesignern. Wen sie entdeckt, der wird es in der Welt der Mode weit bringen. Sie hat großen Anteil am Erfolg von Designern wie John Galliano oder Michael Kors, unter ihrem Regiment entwickelte sich die "Vogue" zur Bibel der Modewelt, bis zu 800 Seiten dick. Wintour ist so mächtig, dass kein Designer es wagt, seine Modenschau zu starten, ehe sie nicht ihren Platz im Publikum eingenommen hat. Die "New York Times" fasst ihren Einfluss so zusammen: "Anna hält ihren Finger nicht in den Wind, sie ist der Wind."

"Der Teufel trägt Prada" ist Wintours Denkmal

Über die Branche hinaus wurde Wintour berühmt durch den Kinohit "Der Teufel trägt Prada" von 2006, mit Meryl Streep in der Hauptrolle. In der Buchvorlage verarbeitet Ex-Assistentin Lauren Weisberger ihr Martyrium unter einer angeblich tyrannischen Chefin, die ihre Mitarbeiter zu jeder Tages- und Nachtzeit anruft und terrorisiert. Viele der beschriebenen Szenen schienen maßlos übertrieben. Denn wie alle, die es wagen, sich negativ über Wintour zu äußern, gehörte auch Weisberger zum Stamm der ehemaligen oder entlassenen Mitarbeiter. Das Bild über die "Vogue"-Chefin wird überspitzt dargestellt, glaubten viele. Doch als ein Jahr später der Dokumentarfilm "The September Issue" entstand, wurde klar: Wintour ist wirklich die "Nuclear Wintour", als die sie oft beschrieben wird.

In der Dokumentation hatte sich die Chefredakteurin 2007 bei der Entstehung der September-Ausgabe, wegen des Kollektionswechsels von Sommer auf Winter die wichtigsten "Vogue"-Ausgabe im Jahr, über die Schulter sehen lassen. Darin rennen Mitarbeiterinnen tatsächlich wie aufgescheuchte Hühner über den Flur, sobald die Despotin das Gebäude betritt. Und wenn sie an ihrem Schreibtisch Platz nimmt, muss dort ein frisch aufgebrühter Kaffee stehen - genau wie im Spielfilm "Der Teufel trägt Prada". Wie alle Schmähungen ertrug sie übrigens auch den Film mit eiserner Disziplin: Bei der Premiere saß sie im Publikum - komplett in Prada gekleidet.

Ein Teil dieser eisernen Disziplin mag auch in ihrer Jugend begründet sein. Sie wuchs als Tochter des "Evening Standard"-Chefredakteurs Charles Wintour mit vier Geschwistern in London auf. Ihr ältester Bruder, Gerald Jackson Wintour, starb als Kind. Während ihre Geschwister eine akademische Karriere anstrebten, fühlte sich die kleine Anna oft zurückgesetzt. "Angesichts der Erfolge meiner Geschwister fühlte ich mich wie eine Versagerin. Sie waren superschlau, also arbeitete ich daran, dekorativ auszusehen", verriet Wintour 1986 in einem Interview. Mode wurde fortan zu ihrer Passion.

Ihre Karriere als Mode-Journalistin begann sie 1970 bei der Zeitschriften "Harper’s Bazaar". Von da an ging es steil bergauf. Obwohl ihr bis heute vorgeworfen wird, sie könne keine zwei Worte fehlerfrei formulieren, machte sie ihre mangelnden journalistischen Kenntnisse durch ihr Gespür für Mode wett. Wo das nicht reichte, intrigierte sie gegen unliebsame Vorgesetzte. Ihr erstes Engagement bei der US-"Vogue" trat sie 1983 an. Die damalige Chefin Grace Mirabella soll gefragt haben: "Welchen Job hätten sie denn gern?", und Wintour antwortete: "Ihren." Genau fünf Jahre später war es soweit.

Als Chefredakteurin der "Vogue" leitete sie eine neue Ära ein. Sie mixte Designer- mit Billigmode - das Model auf ihrem ersten Cover hatte eine 50-Dollar-Jeans und einen 10.000-Dollar-Pullover von Christian Lacroix an - und löste damit eine kleine Revolution und einen Aufschrei in der Branche aus. Inzwischen gehört die Kombination aus Low und High Fashion zum Modealltag, genauso wie Prominente statt Models auf den Titelseiten der großen Modezeitschriften. Auch so eine Erfindung der Anna Wintour. Doch unangefochten auf ihrem Thron sitzt die 60-Jährige nicht mehr.

Als im vergangenen Jahr auch im Condé-Nast-Verlag, wo die "Vogue" erscheint, die Wirtschafts- und Finanzkrise die Anzeigen einbrechen ließ, wackelte Wintours Stuhl. Sie hatte nach wie vor an teuren und aufwändigen Modeproduktionen festgehalten, obwohl Verlagschef Newhouse zur Sparsamkeit mahnte. Als dann auch noch der Kioskabsatz um zwölf Prozent einbrach, hieß es, Wintour werde binnen Jahresfrist durch die Chefin der französischen "Vogue", Carine Roitfeld, ersetzt. Zwölf Monate später lässt sie sich noch immer fast täglich in das große Verlagsgebäude in Manhattan chauffieren, um die größte Modezeitschrift der Welt zu leiten.

Wahrscheinlich auch am Dienstag, ihrem 60. Geburtstag. Denn dass sie wegen eines schnöden Jahrestages später oder gar nicht in der Redaktion erscheinen würde - bei Anna Wintour ist das ausgeschlossen.

Von Jens Maier
KOMMENTARE (3 von 3)
 
Swissmiss (04.11.2009, 11:57 Uhr)
@ vita: Meine volle Zustimmung
Wie bitteschön soll man ein Unternehmen oder eine Redaktion sonst leiten als mit Entschlossenheit und Durchsetzungskraft? Ich wette, eine Vielzahl von Unternehmensleitern arbeitet ähnlich und lässt sich gerne auch mal den Kaffee bringen. Aber nein, das sind ja Männer. Die müssen halt kalt, hart und rational agieren. Soll die Frau Wintour etwa die ganze Zeit Kaffekränzchen abhalten und mit ihren Mitarbeiterinnen rumgackern? Ich würde dem Autoren dringend mal empfehlen, einen beliebigen männlichen Redaktor oder Unternehmensleiter einen Tag lang bei der Arbeit zu begleiten: Ja, auch die Fällen knallhart ihre Entscheidungen, können gegenüber ihren Mitarbaitern sehr fordernd sein, sind nicht den ganzen Tag mit ihren Mitarbeitern über persönliche Befindlichkeiten am plaudern und lassen sich den Kaffee an den Schreibtisch bringen. Oder glauben Sie, ein Jo Ackermann etwa macht seinen Kaffee selbst? Ach nein, ich vergass, Herd und Kaffeemaschine gehören ja ins angeborene Aufgabengebiet der Frau.
Ich empfehle dem Autoren auch mal, öffentliche Auftritte von männlichen Unternehmensleitern zu beobachten: Nein, auch da wird oft keine Miene verzogen. Aber eine Frau ist ja ein emotionales Wesen, da soll sie ja auch in der Position einer Chefin stets ihr Gesicht in Bewegung halten, am besten noch ab und an mit ein paar Tränchen, oder wie?
Jever-Huelse (03.11.2009, 18:08 Uhr)
Stern Praktikanten
Zitat:
"Nur eine halbe Stunde (was? später? danach?) nimmt sie fein gesäubert wieder in der ersten Reihe Platz."

Nur einer von zig Fehlern.
Ist es vielleicht möglich, daß sich in der Redaktion jemand findet, der noch einmal korrektur liest?
Werden wir jemals wieder einen Artikel ohne etliche Rechtsschreibfehler lesen dürfen?
Kann sich Stern.de nur noch Praktikanten leisten?
Fragen über Fragen!
vita (03.11.2009, 13:59 Uhr)
Gibt es ähnlich formulierte Artikel ....
eigentlich auch über männliche Chefredakteure anderer Zeitschriften? Oder darf man eine erfolgreiche Frau, deren Team aktiv ist, wenn sie im Haus ist und die Entscheidungen ohne sichtbare Emotionen fällt, als "eiskalt" bezeichnen, nur weil sie eine Frau ist? Und sind Männer, die Kaffee bekommen, wenn sie im Büro sind bzw. Entscheidungen klar fällen auch so dargestellt worden? - Wohl kaum.

Wer je mit Frau Wintour zu tun hatte oder sich "The september issue" anschauen mag, wird sehen, dass wenig "eiskaltes" zu sehen ist.

Oder hätte man sie gern in Tränen aufgelöst auf Tallys Schoß, wenn sie Artikelvorschläge verwirft, Entwürfe von Designern kritisiert oder von PETA-Kaspern attakiert wird? Falls ja, wäre sie nie so lange auf einem solchen Posten geblieben.
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