Schauspielstar, Kumpel, Kotzbrocken: Mel Gibson hat viele Gesichter. Mit antisemitischen Ausfällen zeigte er nun, dass er seine Dämonen nicht unter Kontrolle halten kann. Droht das Ende seiner Karriere? Von Christine Kruttschnitt

Gar kein harmloser Bursche: Schauspieler Mel Gibson© Lucy Nicholson/AFP
Die Zuckertitte allein hätte ihm nicht geschadet. Im Gegenteil. Viele Leute sind wild entschlos sen, das Wort selbst mal anzubringen, wenngleich bei anderer Gelegenheit. Es gehörte wirklich nicht zu den klügsten Ideen von Mel Gibson, morgens um drei mit 1,2 Promille im Blut eine Polizistin anzufauchen, auf deren Revier er gerade wegen Trunkenheit am Steuer geschleift worden war: "Was gibt's denn da zu glotzen, Zuckertitte!?"
Auch den einen oder anderen "motherfucker" hätte sich der Hollywood-Star bei seiner Festnahme verkneifen können, obschon auch derbe Schimpferei nicht wirklich Karrieren knickt. Was Mel Gibson jedoch in jenen Morgenstunden des 28. Juli schlagartig aus den Höhen seines Ruhms und aus der Wattewelt von Bewunderern stürzte, war seine Hasstirade gegen "die Juden". Die seien nämlich "schuld an allen Kriegen in der Welt".
Entsetzen in der Filmbranche, Lust-Ekel in den amerikanischen Medien. Dass Gibsons Ausfälle im Polizeibericht zunächst verschwiegen wurden, brachte obendrein die Gesetzeshüter vom Revier in Malibu ins Gerede. Bekam da ein ortsansässiger Superstar mit 24-Millionen-Dollar-Villa am Pazifik eine Sonderbehandlung? Die Macher der Internet-Klatschseite "TMZ.com", die durch einen anonymen Tipp-Geber als Erste von Gibsons Irr-Fahrt erfahren hatten, veröffentlichten mit Genuss einen Werbespot, den der Schauspieler vor vier Jahren für die Sheriffs von Los Angeles gedreht hatte. Darin hält er, in echter Uniform, einen Raser an; flankiert hatte er seinen Auftritt mit einer Spende über 10 000 Dollar. Gibson ist außerdem bestens bekannt mit dem Polizeichef von Los Angeles County, das auch zuständig ist fürs Prominenten- und Surfer-Paradies Malibu. Und für all jene, denen diese Beziehungen zu subtil sind, stellte der "Mad Max"-Darsteller in jener verhängnisvollen Nacht ganz klar fest: "Mir gehört Malibu!"
Nun, ganz klar war er natürlich nicht. Bereits Mitte der 80er Jahre wurde der heute 50-Jährige das erste Mal angetrunken am Steuer erwischt. 1991 gestand er reuig in einem Fernsehinterview, so ziemlich jede Droge und jede Form von Alkohol ausprobiert zu haben, und kündigte seine Mitgliedschaft bei den Anonymen Alkoholikern an. Der Alkohol, ließ er in einer öffentlichen Entschuldigung am vergangenen Wochenende verlauten, habe ihn nun "verabscheuungswürdige" Dinge sagen lassen, an die er gar nicht glaube. Die Kollegen in Hollywood runzelten die Stirn - einige drohten, nie wieder mit Gibson zu arbeiten -, bis der hastig ein zweites Schreiben hinterherschickte: Ein Antisemit sei er im Übrigen auch nicht.
Und so ist die Skandalgeschichte, die Hollywood derzeit in Atem hält und amerikaweit so empörte wie bizarre Kommentare auslöst, weit mehr als eine Lapalie. Mehr als eine Fußnote in einer Schauspielerbiografie wie etwa bei Hugh Grant, der, zwinker, zwinker, bis an sein Lebensende nicht sicher ist vor Anspielungen auf Blowjobs. Mel Gibsons Totalausfall kam hart und plötzlich, aber er steht nicht für den Irrsinn einer trunkenen Nacht, sondern für einen lebenslangen Kampf.
In Gibson, der die Illustrierte "People" 1985 zu ihrer alljährlichen Auslobung des "Sexiest Man Alive" inspirierte, toben zwei oder vielleicht auch drei oder vier Seelen, die einfach zu viel sind für ein Leben in Ruhe, geschweige denn eines in der Öffentlichkeit.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 33/2006