7. Oktober 2008, 09:40 Uhr

Die Masche von der Alm

Im Emmental grassiert die Strickwut: Seit die Kinderkleider der Marke Hohgant in den Trendshops der Metropolen angeboten werden, hängen viele Bäuerinnen an der Nadel. Von Mareile Braun

Trecker fahren im Ringeljäckchen: das Idyll der Bergwelt©

Es begann mit einer Erdbeere. Genauer gesagt mit einer gestrickten Babymütze in Erdbeerform. Eine kleine Handarbeit, gefertigt von der Großmutter fürs Enkelkind. Dann bekam auch das Patenkind der Schwiegertochter eine. Dann eine enge Freundin. Dann die beste Freundin der Freundin. Und schließlich bot deren Bekannte, eine in Basel lebende Japanerin, die kleine Erdbeere im Schaufenster ihrer Boutique an, wo viele Leute das Mützchen sahen und bestellen wollten. Das war der Zeitpunkt, da die Großmutter in Nöte geriet und eine Freundin im Emmental fragte, ob sie ihr bei der Strickerei helfen könne. Als sie auch zu zweit nicht mehr hinterherkamen mit der Mützenproduktion, halfen noch die Mutter der Emmentalerin, die Schwester, die Tochter und die Schwägerin nebst Nachbarinnen mit. Schließlich hatten binnen drei Monaten 24 fleißige Hände 184 Erdbeermützchen gestrickt.

An diesem Punkt der Geschichte wird es etwas unübersichtlich, und jede gewöhnliche ältere Dame hätte jetzt vermutlich die Lust verloren. Nicht aber Hannah Strøm, 64, von der hier die Rede ist. Man darf sich Frau Strøm auch nicht als gewöhnliche Schweizer Großmutter vorstellen, die auf der Bank vor ihrer Berghütte Kartoffeln schält. Statt Kittelschürze und Dutt trägt die gebürtige Dänin schwarze Kleidung von Yohji Yamamoto, das Haar ist kurz geschnitten und ebenfalls pechschwarz, genau wie ihre große Brille. Zwölf Jahre lang hatte sie den Bereich "Körper und Kleid" an der Schule für Gestaltung in Basel geleitet, war Redakteurin bei der Zeitschrift "Annabelle".

Erfolgsgeschichte der Erdbeermütze

Ihren Laptop trägt sie seit der Pensionierung ständig bei sich - denn die Hobbystrickerei hat sich zu einem handfesten Unternehmen entwickelt. Mit dem Schaufenster der Basler Designboutique war die Erfolgsgeschichte der Erdbeermütze lange nicht zu Ende. Gemeinsam mit dem Tapir-Anzügli, dem Zebra-Jäckli, den Prinzessli-Tanzschühli und ungefähr einem Dutzend weiterer Modelle trat die Strickkollektion, die mittlerweile den Namen Hohgant bekam, ihren Zug durch Geschäfte in Zürich, Basel, Hamburg, Berlin, München und Kopenhagen an.

Wenn man in Hannah Strøms Wohnzimmer sitzt, den Rücken am Ofen, den Blick auf die Bergwiesen gerichtet, kann man ihn sehen: den Hohgant, einen wilden Gebirgsstock der Alpenrandkette im hinteren Emmental. Hier, im Kanton Bern, ist die Schweiz noch so, wie man sie aus "Heidi" kennt: satte grüne Felder, klare Flüsse und prachtvolle Bauernhöfe mit geschnitzten Verzierungen und kunstvoll gemalten Sinnsprüchen. Jeremias Gotthelf, der im 19. Jahrhundert in der Gegend Pfarrer war und als Schriftsteller ("Die schwarze Spinne") über die Landesgrenze hinaus bekannt wurde, bezeichnete diese Höfe als "die appetitlichsten Bauernhäuser der Schweiz, vielleicht der ganzen Welt".

In so ein Bauernhaus hat Hannah Stroem heute ihre Strickerinnen zum Kaffee geladen. Wie es unter Emmentalern üblich ist, gibt es nicht nur Kaffee und mehrere Kuchen, sondern auch üppige Vesperplatten mit Wurst und Käse nebst großem, frisch gebackenem Hefezopf.

Ein Leben im Emmental

An der langen Holztafel vor Hannah Strøms Haus sitzt an diesem Sommertag unter anderem Nickolai, mit zehn Jahren jüngstes Mitglied der Hohgant-Gemeinschaft, daneben Rosemarie Zürcher, eine der Ältesten im Strickerinnen-Bunde. Die Landwirtin aus Goldbach bei Trueb, "dem hintersten Ende der Welt", wie sie sagt, hat helle, wache Augen, einen rosigen Teint und ein herzerwärmendes Lachen. Sie wirkt wie eine Frau, die ihr Leben nach ihren Vorstellungen geführt hat. Sie hat nie etwas anderes kennengelernt als das Emmental, zur Entbindung ihres zweiten Sohnes fuhr sie auf Skiern zur Hebamme, weil ihr Hof wegen starken Schneefalls nicht zu erreichen war. Die Ernte holt die 73-Jährige noch heute mit ihrem Mann allein ein; dann muss die Handarbeit leider ruhen. "Obwohl das meine größte Freude, meine Erholung ist", erklärt sie. "Wenn ich mal nicht mehr stricke, dann bin ich tot."

Den Aufruf, dass "Lismerinnen", wie die Strickkräfte in der Schweiz heißen, für eine Kinderkollektion gesucht werden, hatte Zürcher wie die meisten anderen von Strøms mittlerweile rund 80 Mitarbeiterinnen vergangenes Jahr in der Regionalzeitung gelesen. Und war verwundert, dass die uralte Kulturtechnik plötzlich wieder gefragt ist. "Ich kenne viele von Hannahs Schnitten noch aus der eigenen Kindheit. Aber zuletzt sind die Sachen nur noch in der Schublade gelandet. Jetzt stelle ich mir vor, wie ein Kind weit weg von hier meine Jäckchen trägt, und das ist etwas sehr Schönes."

Hannah Strøm besucht bislang jede einzelne der Strickerinnen in den kleinen Bergdörfern rund um Eggiwil regelmäßig, erklärt ihren Entwurf sowie Material und Schnittmuster und holt das fertige Teil wieder ab. Der persönliche Kontakt, die Wertschätzung ihres Wissens und Könnens haben dazu geführt, dass viele Frauen in Hannah eine Freundin sehen - nicht nur eine Arbeitgeberin. Dass man sich regelmäßig trifft, untereinander Erfahrungen austauscht, ist den meisten viel wichtiger als der Lohn, der bei einem derartig aufwendigen Projekt ohnehin dürftig ausfällt.

Von Heidi inspiriert

Inspirieren ließ Hannah Strøm sich für ihre Kollektion auch von den Fotografien von Emil Brunner, der in den Jahren 1943/44 eine Sammlung von Kinderporträts aus dem Bündner Oberland schuf. Darin findet man die Heidi-Röckchen und Geißenpeter-Jäckchen, die den Charme der Hohgant-Stücke ausmachen. "Sie sind so gestrickt, dass sie mit dem Kind mitwachsen und doch nicht ihre Form verlieren", sagt Hannah Strøm. Was ein wenig über den Preis hinwegtröstet - ungefähr 130 Euro für ein Jäckchen aus Merinowolle. Die langsame Handarbeit hat ihren Preis. Womit wir an einem entscheidenden Punkt sind: So kann es für unsere Großmutter nicht weitergehen! Fertig ist's, wenn's fertig ist - das wäre eine legitime Einstellung, aber Hannah Strøm wäre nicht Hannah Strøm, wenn sie nicht große Pläne schmiedete. Auch der Erfolg hat seinen Preis. Strøm kann nicht mehr auf Dauer eigenhändig jedes einzelne Paket zur Post fahren, allein das Material an die Strickerinnen ausliefern und bis spät in die Nacht handbeschriftete Etiketten in Jäckchen nähen. Sie will ihr Geschäft vergrößern; dabei sollen ihr zwei Halbtagskräfte helfen, die - so hofft sie - durch eine Anschubfinanzierung von öffentlicher Hand getragen werden. Schließlich, findet Hannah Strøm, fördere sie durch modernes Design das traditionelle Handwerk in einer Region, die außer der Emmentaler "Käsestraße" bislang nicht viel zu bieten hatte.

Wer dennoch etwas länger auf ein Stück aus dem Emmental warten sollte, als er es von den üblichen Bestell-Hotlines gewohnt ist, sollte nachsichtig sein. Und die Vorfreude auf etwas ganz Besonderes auskosten. Denn schon der Schweizer Schriftsteller Jeremias Gotthelf wusste: "Das Glück liegt nicht in den Dingen, sondern in der Art und Weise, wie sie zu unseren Augen, zu unserem Herzen stimmen."

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 40/2008

 
 
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KOMMENTARE (2 von 2)
 
Swissmiss (08.10.2008, 10:06 Uhr)
Nur abgedroschene Klischees
Ich möchte mich meiner vorherigen Kommentatorin voll anschliessen. Der Artikel strotzt nur so von Unwissen und abgedroschenen (und unwahren) Klischees. Da es sich um die "schnuckeligen Alpen" handelt, darf man wohl so richtig den "Heidi-Kitsch" pflegen. Dabei ist nicht die ganze Schweiz Heidiland! Und wenn die Autorin schon mit dem Schweizerdeutsch kokettiert, dann sollte sie es aber richtig tun. "Prinzessli-Tanzschühli" etwa sagt hierzulande kein Mensch. Das heisst eher "Prinzässinne-Tanzschüeli". Und auch ein "Anzügli" gibt es hierzulande nicht. Korrekt wäre "Azügli". Nur überall ein -li dranhängen ist eben kein Schweizerdeutsch. Tja, das Schweizerdeutsch ist halt eben schon eine eigene Sprache und hat nur bedingt etwas mit dem Hochdeutschen zu tun (auch wenn gewisse Gemeinsamkeiten da sind). Ausserdem laufen hierzulande die allermeisten Bäuerinnen (auch die älteren) mit einer Kurzhaarfrisur rum und Kartoffeln werden in der Küche geschält. Die Liste liesse sich noch lange fortsetzen. Dankbarerweise hat enussb bereits die meisten Unkorrektheiten aufgeführt. Das nächste Mal bitte Augen und Ohren öffnen und Vorurteile (so weit möglich) abstreifen, wenn man in ein fremdes Land reist. Dann gäbe es auch gute und korrekte Artikel.
enussb (07.10.2008, 14:15 Uhr)
Die Masche von der Alm
Den Artikel von Mareile Braun fand ich ganz interessant. Aber vom Emmental und von der Schweiz hat sie wenig bis keine Ahnung.
1. In der Schweiz gibt es keine Almen. Bei uns sind das Alp/Alpen.
2. Im Emmental gibt es keine Ortschaft namens Trueb. Sie heisst Trub.
3. "Eine gewöhnliche Schweizer Grossmutter, die auf der Bank vor ihrer Berghütte Kartoffeln schält."
Im Emmental gibt es auf den höchsten
Erhebungen Berghütten, nicht aber auf den Emmentaler Hügeln. Eine heutige Emmentaler Bäuerin trägt garantiert keine Kittelschürze und hat keinen Dutt.
4. Zum "Zvieri", so heisst in der Schweiz Vesper, gibt's auch im Emmental keine Vesperplatte mehr.
5. Wenn ein Emmentaler Bub Nickolai heissen soll, stammt er nicht von dort.
6. Im Emmental, das ausser der "Käsestrasse" bislang nicht viel zu bieten habe, gibt es einige KMUs, die ihre Produkte in die ganze Welt exportieren!
Kurz: Ich würde mich schämen, solche abgedroschenen Klischees, z.B. über das Allgäu, zu bringen!
Ich möchte noch betonen, dass ich nicht im Emmental wohne, nicht einmal im Kanton Bern, zu dem das Emmental gehört.
Edith Nussbaum, CH-4600 Olten
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