Die Diskussion um dürre Models und das richtige Gewicht wird hitzig geführt. Klar ist: Hungerhaken sind gefährliche Vorbilder. Aber was sagen eigentlich die "normalen" Frauen dazu? Von Sophie Albers, Body-Mass-Index 21

Die Wahrheit liegt dazwischen: Kate Moss und Beth Ditto© Stefan Rosseau/DPA-Adam Warzawa/DPA
Die Wissenschaft hat schon einen Namen dafür: Der "Kate Moss Effekt" sei Schuld daran, dass Mädchen und Frauen depressiv werden, nachdem sie gerade mal drei Minuten lang Hochglanz-Models in Hochglanz-Magazinen betrachtet haben. Zu dem Ergebnis kam eine Studie der Universität Missouri-Columbia im Jahr 2002. Das permanente Vergleichen des eigenen Körpers mit anderen macht schlechte Laune. Ist aber typisch weiblich. Schließlich muss man die Konkurrenz im Blick behalten.
Fakt ist, dass eine Frau im Durchschnitt 400 bis 600 Werbeanzeigen pro Tag sieht. Mit gerade mal 17 Jahren hat sie bereits rund 250.000 Kommerzbotschaften schlucken müssen. Mehr als 50 Prozent der Werbung, die sich an Mädchen und Frauen richtet, betont, wie wichtig es ist gut auszusehen. Dünnsein gilt in den Anzeigen als Standard weiblicher Schönheit. Allerdings wiegen Models im Durchschnitt 23 Prozent weniger als normale Frauen. Etwa ein Prozent der Frauen im Alter zwischen 18 und 34 hat aber überhaupt die Chance, jemals so dünn zu werden wie ein Topmodel. Trotzdem gelten die ausgemergelten Körper als Ideal. Womit wir wieder beim "Kate Moss Effekt" sind. Aber lässt sich die ganz normale Frau tatsächlich von ein paar Hungerhaken den Appetit verderben? Ja und nein.
Eine große Hürde auf dem Weg vom Mädchen zur Frau ist das Selbstbild. Vor allem junge Mädchen sind vom eigenen, sich verändernden Körper verunsichert und eher anfällig für die von ihrem Umfeld kolportierten Ansprüche der Karl Lagerfelds und Heidi Klums. So ist das auch bei Sandra. Sandra ist zwölf Jahre alt und wiegt bei einer Größe von 1,54 Metern 41 Kilogramm. Sie isst gerne und treibt auch gerne Sport. Sandra hat eine normale, wohlproportionierte Figur. Trotzdem sitzt sie nach der Schule am Tisch und fragt ihre Mutter, ob das Essen sie nicht dick mache und ob sie nicht lieber keine Schokolade mehr kaufen sollten. Sie würde nämlich gerne so aussehen wie die Mädchen, die in "Germany's Next Topmodel" weiterkommen. "Dünn ist schön", sagt das Kind, und die Mutter ist erstmal sprachlos. Laut Studien im In- und Ausland ist die Hälfte der Mädchen mit 13 unzufrieden mit ihrer Figur. Je älter sie werden, desto unzufriedener. In den USA sind es bei den 17-Jährigen 78 Prozent.
"In den Massenmedien wird die Unterscheidung zwischen einem realistischen und einem fiktionalen Ideal nicht mehr klar getroffen", hat Laurie Mintz, Leiterin der "Kate Moss Effekt"-Studie festgestellt. Sie warnt davor, dass die Bilder, denen die Menschen unentwegt ausgesetzt sind, als real wahrgenommen würden und so kulturelle Standards setzen.
"Ich habe all die Jahre meines Lebens, in denen ich richtig schlank war, damit verbracht, mich zu fett zu finden. Das ist doch eine wahnsinnige Verschwendung", sagt Merle, deren Name, wie der aller Beispielfrauen geändert ist, weil frau tatsächlich nicht gerne über ihr Gewicht spricht. Merle ist 41 Jahre alt, 1,76 Meter groß und wiegt 74 Kilogramm. Laut dem daraus errechneten Body-Mass-Index (BMI) von 24 hat die Mutter von zwei kleinen Kindern Idealgewicht. Sie sieht das anders. "Natürlich wäre ich gerne dünner. Ich hätte gerne einen superflachen Bauch und einen durchtrainierten Hintern", sagt sie. "Aber ich tue dafür nicht genug, weil mir mein Alltag nicht die Zeit dazu lässt - und weil mir anderes wichtiger ist."