In den Achtzigern trug selbst Lady Di eine Tasche von MCM, später rutschte das Münchner Luxuslabel ins modische Abseits. Jetzt kümmert sich Adidas-Designchef Michael Michalsky um das Marken-Revival.

Der beste Mann für Retromarken: Michael Michalsky machte aus der fränkischen Turnschuhmarke Adidas ein Lifestylelabel
Sie war cognacbraun, mit Lorbeeren bedruckt und in den späten Siebzigern nicht wegzudenken aus der bajuwarischen Schickeria: die "Shopping Bag" von MCM. Die Münchner Kofferfirma, im vollen Wortlaut: Moderne Creation München (gern verspottet auch als "Muschi Club München"), sah sich als deutsche Antwort auf Louis Vuitton, als Filmsternchen-Chic. Ihr Boss, der Schwabinger Exschauspieler ("Nicht fummeln, Liebling") und Partylöwe Michael Cromer, verkörperte den MCM-Lifestyle wie kein Zweiter - seine Yacht "Very MC" lag im Atlantik, der Edel-Trabi mit MCM-Sitzen und Goldfelgen stand vor der Haustür. Zwei Jahrzehnte staunten alle und kauften Cromers Taschen, von Lady Diana über Catherine Deneuve bis Michael Jackson.
1998 war die Party dann vorüber. Nach Steuerbetrug und der Asienkrise musste "Schicki-Michi" seine Firma verkaufen, es wurde still um die Marke. Jetzt kehrt sie zurück: modischer, cooler, für eine jüngere Zielgruppe. Designt wurde die neue Linie von Michael Michalsky, 36, Designchef bei Adidas.
Als Erstes habe ich den Cognacton abgeschafft, den fand ich ätzend. Das war ja ein direkter Ripp-off von Louis Vuitton. Im Archiv habe ich entdeckt, dass MCM am Anfang viel coolere Farbtöne hatte. Was war denn an MCM cool? Das weiße Monogramm mit Navyblau zum Beispiel oder Schwarz mit Dunkelgrau, wie auf der neuen Arzttasche. Multicolor macht Louis Vuitton jetzt erst, das hatte MCM schon in den Siebzigern. Mode entsteht doch, wenn man guten und schlechten Geschmack mischt. Wie bei der Arzttasche mit dem blau-weißen Streifen? Vor mehr als hundert Jahren reiste man mit solchen Banderolen in den Farben des Familienwappens. Dieses Feeling wollte ich haben, aber als Gag, aus dem Kontext genommen. Da passte der Münchner Löwe super rein.

Glanzstück der neuen MCM-Linie: Doctor's Bag, 1350 Euro
Natürlich nicht. Der ist ja entstanden, als Cromers Frau für ihren Friseursalon ein Logo brauchte. Diesen Kranz, der dann auf die Taschen wanderte, fand Cromer glamourös. Anfangs aber war der Löwe als Symbol geplant.
Viele Marken, die heute hip sind, galten zwischendurch als uncool. Bevor Tom Ford Gucci gemacht hat, war das eine fiese Duty-free-Marke. Aber sie hatte einen Kern. Heute wollen Leute authentische Produkte mit einer Geschichte. Das ist ja gerade der Reiz, so etwas umzupolen.
Natürlich, das hat Glitz, Glamour. Vor allem aber wollte ich das machen, weil ich ein totales Kind der Achtziger bin. Diese Monogrammsachen haben mich geprägt. Und eine abgehalfterte Luxusmarke aus Deutschland aufzufrischen fand ich reizvoll. Bei uns hat Design ja keine Kultur, anders als in Frankreich, England.
Genau, aus der Pampa.
Die Leute waren da jedenfalls nicht so übersättigt. Sie mussten sich Parallelwelten schaffen, wie Kinder Spielwelten, das ist immer gut, um Kreativität zu entwickeln. Wenn ich ins Kino wollte, mit meinem Hollandfahrrad, liefen da zwei spastische Filme. Wer in New York oder Paris aufgewachsen ist, brauchte doch nur die Straße runterzugehen.

Einst Liebling der Schickeria: Kofferkönig Michael Cromer, der in MCM-Glanzzeiten 245 Mio. Euro Jahresumsatz machte© Schneider-Press/Erwin Schneider
Ich war viel aus und sah mich schon als Pulloverfalter in einer Riesenbekleidungskette enden. Vor der Abschlussprüfung habe ich in einer Kirche gebetet: "Lass mich das schaffen, dann mach ich etwas Wohltätiges." Soll man ja nicht machen, Deals mit Gott.
Drei Monate im Sterbehospiz Lighthouse zu arbeiten. Das war schockierend, meine erste Erfahrung mit Tod und Aids. Da habe ich begriffen: Fashion, cool sein, tolle Leute kennen wird total unwichtig, wenn man keine emotionale Basis hat.
Das sind Kollegen, die ich mag. Freunde habe ich nur eine Hand voll.
Na ja, das sind ja keine Dummies, die lassen sich nicht sagen: Zieh das mal an. Deswegen schätze ich die. Ich finde Künstler toll. Am liebsten wäre ich Musiker geworden.
Irgendwann will ich mein eigenes Label haben. Ich weiß schon, wie, aber noch nicht, mit wem. Das ist ja wie in einer Ehe, das muss passen.
Interview: Viola Keeve
Gefunden in ...
Stern
Ausgabe 7/2006