Wulff blickt ganz anders durch

16. Juli 2012, 14:25 Uhr

Woody Allen hat sie berühmt gemacht, inzwischen ist sie auch bei Politikern beliebt: die Nerd-Brille. Jetzt trägt auch Christian Wulff das wuchtig-klobige Gestell auf der Nase. Mit neuer Brille zu neuem Profil.

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Christian Wulff, Brille, Bettina Wulff

Ach da laufen die Pferde: Christian und Bettina Wulff auf der Rennbahn in Langenhagen©

Bei seiner letzten Amtshandlung sah er noch ganz staatsmännisch aus: dunkelblauer Anzug, weißes Hemd, blau-gestreifte Krawatte und seine typische, nicht besonders modisch wirkende, randlose Brille. So verabschiedete sich Christian Wulff nach der Amtsübergabe an den neuen Bundespräsidenten Joachim Gauck am 19. März aus Schloss Bellevue. Vier Monate später hat er auch dem Elder-Statesman-Look Lebe wohl gesagt. Der neue Christian Wulff kleidet sich lässig - und zeigt Masse auf der Nase.

Am Sonntag besuchte der ehemalige Bundespräsident mit seiner Frau Bettina und Sohn Linus die Galopprennbahn in Langenhagen bei Hannover. Beim "Audi Ascot Renntag" erschien Frau Wulff gewohnt elegant. In einem mit Blümchen bedruckten Sommerkleid, mit beigen High Heels und farblich passenden Ohrringen zeigte die ehemalige First Lady einmal mehr ihr Faible für Mode. Aber auch ihr Ehemann durfte den uniformen Anzug ablegen, präsentierte sich stattdessen deutlich schlanker in einem taillierten Sakko, mit offenem, karierten Hemd und vor allem einer neuen Brille.

Mit neuer Brille zu neuem Profil?

Christian Wulff guckt nicht mehr randlos in die politische Welt, sondern trägt jetzt eine Kastenbrille mit dickem, schwarzem Gestell. Wuchtig und kantig wirkt sein leicht gebräuntes Gesicht dadurch. Fast so als wolle er mit der Masse, die jetzt auf seine Nase drückt, dem Eindruck entgegentreten, sein Gegenüber habe es mit dem ehemaligen und jetzt mehr oder weniger arbeitslosen Bundespräsidenten a.D. nur noch mit einem politischen Leichtgewicht zu tun.

Mit neuer Brille zu neuem Profil. Vorgemacht haben das im Berliner Politbetrieb bereits Außenminister Guido Westerwelle, FDP-Rebell Frank Schäffler, CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt oder CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn. Alle vier tragen inzwischen ein Gestell mit schwarzem Rand, das wahlweise als "rebellisch-wuchtig" ("Frankfurter Rundschau") oder "woodyesk-klobig" („Frankfurter Allgemeine Zeitung“) beschrieben wird. Die "FAZ" geht sogar so weit zu behaupten, Politiker mit dickem Rand auf der Nase würden "die Ellenbogen im Gesicht ausfahren" und zumindest äußerlich den Eindruck von "Profil, Standfestigkeit und Charakterstärke" vermitteln.

Nerd-Brille ist längst modisches Accessoire

Ob tiefere Bedeutung oder nicht: Die bei Woody Allen, Bill Gates oder Nana Mouskouri noch verächtlich als Nerd-Brille beschimpfte Sehhilfe mit dickem Rand ist längst modisch en vogue. Scarlett Johannsen trägt eine, aber auch Brad Pitt und David Beckham blinzeln gerändert in die Kameras. Die neue Rahmenordnung auf dem roten Teppich führt den eigentlichen Sinn einer Brille ad absurdum. Längst wird das Gestell nicht mehr aus medizinischer Indikation, sondern als modisches Accessoire durch die Gegend getragen. Sozusagen Brille statt Handtasche.

Doch wie das mit Mode-Gimmicks so ist, können sie gewaltig nach hinten losgehen. Diese Erfahrung musste vor zwei Jahren Marc Bator machen. Als er die 20-Uhr-Tagesschau mit Hornbrille verlas, war der Aufschrei der Zuschauer so groß, dass er sie alsbald wieder ablegen musste. Zumindest diese Sorge muss Christian Wulff nicht haben. Erstens, weil er in der Öffentlichkeit kaum noch zu sehen ist und zweitens, weil ihm das neue Gestell ganz gut zu Gesicht steht. Und wer weiß, vielleicht formt das Designerstück ja sogar einen neuen Charakterkopf.

mai
 
 
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