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18. Februar 2009, 14:14 Uhr

Ausverkauf auf der Fifth Avenue

Die Wirtschaftskrise trifft Manhattan mit voller Wucht. Auf der Fith Avenue schauen die Verkäufer von Gucci und Co. meist gelangweilt aus dem Fenster, selbst in den angesagtesten Restaurants herrscht gähnende Leere. Nur Giorgio Amani hat noch gut lachen - und eröffnet einen Shop. Von Ulrike von Bülow, New York

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Auch in schweren Zeiten geschäftstüchtig: Giorgio Armani (l.) eröffnet in Gesellschaft von Caroline Kenedy und Michael Bloomberg einen neuen Shop© Evan Agostini/AP Photo

Am Dienstag Abend veranstaltete Giorgio Armani in Midtown Manhattan eine Party mit einem derzeit sehr exotischen Anlass: eine Shop-Eröffnung! Gäste wie Victoria Beckham, Josh Harnett, Alicia Keys oder 50 Cent kamen, um den neuen Laden des Designers auf der Fifth Avenue, Ecke 56. Straße zu feiern. Hinter einer Glasfront und verteilt auf vier Etagen gibt es von der Jeans bis zum Sofa alles, was Giorgio Armani unter seinem Namen vertreibt. Bleibt nur die Frage, wer das alles kaufen soll.

"Eröffnung" - das war hier zuletzt ein Fremdwort. Auf der Fifth Avenue, New Yorks berühmter Einkaufsmeile, ist erschreckend wenig los in diesem Winter. Bei Gucci, Pucci & Co. schauen die Verkäufer meist aus dem Fenster, weil es ihnen an Kundschaft mangelt. Bei "Abercrombie & Fitch", wo die Leute früher bis nach draußen Schlange standen, um einen dieser Kapuzenpullis mit Aufdruck zu kaufen, steht kaum noch jemand an. Dafür geistert eine finstere Zahl durch den Laden: Bei "Abercrombie & Fitch" ging der Umsatz im vierten Quartal 2008 im Vergleich zum Vorjahr um 68 Prozent zurück. Und überall hängen jetzt Schilder in den Läden. "Ausverkauf" steht darauf, "Alles um 70 Prozent reduziert!" Nur bei "Brooks Brothers" nicht: Die Filiale auf der Fifth Avenue wurde kürzlich zugemacht.

War hier nicht gestern noch ein Sportgeschäft?

Überhaupt, es wird ziemlich viel geschlossen in Manhattan. Derzeit vergeht kaum ein Tag, an dem man nicht irgendwo vorbei kommt und denkt: Wo ist denn der kleine Bäcker geblieben? Oder: War hier nicht gestern noch ein Sportgeschäft? Die Wirtschaftskrise ist in New York an allen Ecken zu spüren. Und in jeder Branche: am Broadway, in der Gastronomie - ganz besonders aber in der Modeindustrie. Es passt, dass die Fashion Week, die gerade in New York stattfindet, nur eine schmale Ausgabe ihrer selbst ist: Marc Jacobs lud, anstatt wie üblich 2000, nur 700 Gäste zu seiner Show ein. Seine Aftershow-Party sagte er sogar ganz ab - ebenso wie Alexander Wang und Calvin Klein. Donna Karan sparte sich die Miete für eine originelle Location und zeigte ihre Kollektionen im Atelier ihres verstorbenen Mannes - ebenso wie Vera Wang, die ihre Brautmode in ihrem Laden in der Mercer Street vorführte: "Eine kleinere Modenschau scheint mir passender für Zeiten wie diese", sagte die Designerin.

Die New Yorker interessiert in Zeiten wie diesen nicht besonders, welcher Designer seine Kollektionen wo zeigt und welcher Prominente bei wem am Laufsteg sitzt. Die Menschen sorgen sich. Um ihre Jobs, so sie noch welche haben. Und um ihre Zukunft: Wer weiß denn schon, wie es weiter geht? Waren die Zeiten jemals so schlecht? Allein im Januar verloren 600.000 US-Amerikaner ihren Arbeitsplatz. Es ist zwar in diesen Tagen viel die Rede von Barack Obamas "economic stimulus bill", dem 787-Milliarden-Dollar-Konjunkturprogramm des Präsidenten, das die Wirtschaft stimulieren soll. Aber es wirkt nicht so, als würde das die New Yorker besonders motivieren, Geld auszugeben: Sie sparen. Taxi am Broadway? Kein Problem! Natürlich gehen die Leute noch vor die Tür. Aber die Stimmung hier ist jetzt eine andere als es noch vor einem halben Jahr - bevor die Wirtschaftskrise an der Wall Street begann. New Yorker Taxifahrer, normalerweise eher einsilbig, texten ihre Kunden neuerdings zu: "Ma'am, was immer sie wollen: Ihr Wunsch ist mir Befehl!" Man findet plötzlich zwischen 22 und 23 Uhr am Times Square freie Taxis. Früher ein Ding der Unmöglichkeit, denn um diese Zeit machten sich die Theaterbesucher auf den Heimweg machten.

Und selbst "Theaterbesucher" klingt in diesen Tagen wie ein Fremdwort: Die "New York Times" schrieb schon von "einer der dunkelsten Phasen" in der Geschichte des Broadways. Trotz Hauptdarsteller Daniel Radcliffe (bekannt aus "Harry Potter") war "Equus" gerade mal zu 69 Prozent ausgelastet. Musicals wie "Hairspray" oder "Grease" mussten ihr Langzeit-Engagement früher als geplant beenden, und bei "Shrek", im Kino noch ein Hit, blieb am Broadway jeder zweite Sitz frei.

In den Restaurants sieht es mit freien Plätzen nicht anders aus: Vor der Krise war es äußerst schwierig, in einem auch nur halbwegs angesagten Restaurant in Manhattan einen Tisch zu reservieren. Rief man um 17 Uhr in dem exzellenten Asia-Restaurant "Spice Market" an, um nach einem Tisch für 20 Uhr zu fragen, lautete die Antwort: "Wir hätten einen Tisch für Sie um 17.15 Uhr oder um 23 Uhr." Nicht anders war es im "Il Buco", einem zauberhaften Italiener mit alten Holztischen und niedriger Decke, gemütlich wie ein Landhaus in der Toskana. Heute kann man in beiden Läden spontan anrufen - und wird gefragt: "Wann wollen Sie kommen, um halb acht, um acht oder um halb neun?" Und dann sitzt man da: Zur Dinner-Primetime. Natürlich nicht ganz allein, aber in einem sehr überschaubaren Kreis.

Ein schlechter Januar für Gastronomen

Wer hier sonst viermal in der Woche essen ging, leistet sich heute höchstens einmal in der Woche diesen Luxus. "Nie habe ich einen solchen Januar erlebt", sagt ein New Yorker Top-Gastronom. "Der Januar ist niemals besonders gut, aber so schlecht wie in diesem Jahr war er noch nie." In der Krise locken die Restaurants jetzt mit "Specials": Fünf-Gänge-Menus, die statt 175 Dollar jetzt 125 Dollar kosten. Und niemand würde sich wundern, wenn in nächster Zeit die Preise noch ein bisschen weiter herunter geschraubt werden. "Wir müssen die Kunden jetzt umarmen", sagt Stephan Hanson, "2009 wird ein sehr, sehr schwieriges Jahr." Mr. Hanson, der mehrere Restaurants in Manhattan besitzt, weiß, wovon er spricht: Erst vor kurzem musste er zwei seiner beliebten Läden schließen.

Von Ulrike von Bülow, New York
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
teurochecker (18.02.2009, 21:13 Uhr)
In Deutschland genauso!
Warum so ein Artikel aus New York über die Krise? In Deutschland sieht es doch ganz genau so aus! Mich wundert es sehr, dass die Medien nicht darüber berichten. Als Kurierdienstleister habe ich seit Dezember extreme Auftragseinbußen. Die steigern sich jetzt im Februar auf minus 50%. Wenn ich mit Geschäftspartnern aus anderen Branchen darüber rede, höre ich, das es denen ganz genau so geht. Aber in den Nachrichten hört man NICHTS davon. Und die Politik hat lange von 3% Rückgang in der Wirtschaftgeredet. Lafontaines Prognose wird bei weitem im Negativen überboten, und den haben die Regierenden ausgelacht. Jetzt schmeissen sie den Bankern die Milliarden in den Rachen. Vorher war kein Geld für die Prekarier übrig. Es ist einfach nur DRECK, wie die Elite sich präsentiert.
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