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Der Mann, die Waffe - und die Freiheit, die so einfach scheiße ist

Ali Rebah war einer von denen, die vor sechs Jahren die Revolution in Tunesien auslösten. Er kämpfte für Freiheit, für Gerechtigkeit. Heute fürchtet er um ihren Erfolg. Seine Waffe gegen das Scheitern: ein Radiosender.

Kasserine liegt am Fuße des Djebel Chambi in Tunesien. In seinen Schluchten verstecken sich Terroristen

Tunesien und die gefährlichen Ausblicke: Kasserine liegt am Fuße des Djebel Chambi. In seinen Schluchten verstecken sich Terroristen, immer wieder kommt es zu Kämpfen mit Soldaten.

An einem sonnigen Wintertag geht der Revolutionär durch eine Seitenstraße der tunesischen Stadt Kasserine und schimpft. Rebah ist 36, eher klein, das Haar trägt er kurz geschoren, Brille. Die Revolution sei doch Mist gewesen, sagt er. "Schau dich um." Er bleibt stehen. Zerdrückte Plastikflaschen und faules Obst liegen vor ihm, Säcke voller Abfall, Scherben, Schutt. Ein ausgemergelter Hund stromert um den Haufen.

Rebah schüttelt den Kopf. "Das ist die Freiheit, die uns die Revolution gebracht hat", sagt er. Jeder mache, was er wolle. Wenn das die Freiheit sei, die alle erhofft hatten, dann sei sie scheiße.

Während Rebah das sagt, lächelt er, nur wirkt es in diesem Moment eher verzweifelt. Es ist die Verzweiflung eines Mannes, der viel riskiert und viel bewegt hat. Rebah ist einer, der die Dinge nicht einfach so hinnimmt. So wie sein Freund vor sechs Jahren die Schikanen von Polizisten nicht mehr hinnahm und seinen Körper in Brand steckte. Ali Rebah hat daraufhin eine Revolution mitausgelöst. Sechs Jahre sind vergangen, seit Hunderttausende Tunesier auf die Straße gingen. Als ein Land aufbrach in eine neue Zeit.

Ali Rebah in seiner Heimatstadt Kasserine

Mit dem Radiosender wurde Ali Rebah (Mitte) in seiner Heimatstadt Kasserine berühmt. Oft sprechen ihn heute Menschen an, die einen Job suchen

Für Ali Rebah steht der gewöhnliche Abfall für mehr. Für ihn häuft sich dort, auf dem Fußgängerweg, die Unfähigkeit seiner Landsleute auf, die Revolution wirklich zum Erfolg zu führen, das Land aufzubauen.

In Tunesien begann der Arabische Frühling

Dabei ist Ali Rebahs Geschichte die eines relativen Erfolgs, einer von ganz wenigen in der Region. Tunesien ist das erste Land der arabischen Welt, das vor sechs Jahren seinen Diktator fortgejagt hat. In den Nachrichten über Tunesien geht es heute zwar viel um Terror, Flüchtlinge und Instabilität. Aber während in den Nachbarländern Bürgerkriege toben oder das Militär die Macht wieder an sich gerissen hat, wird in Tunesien das Parlament jetzt vom Volk gewählt, es gibt eine liberale Verfassung und Meinungsfreiheit. Ali Rebah kann seine Revolution fortführen: mit "Radio K FM", einem freien Medium. Seinem Sender. Frequenz: 107,6 Mhz. Sendungsgebiet: die Provinz Kasserine, im Westen , karges Hochland, eine der ärmsten Regionen des Landes. Zuhörer: Zehntausende, jeden Tag, und es werden immer mehr.

Ali Rebahs Geschichte handelt deshalb auch von der Frage, wie schnell sich über Erfolg und Scheitern einer Revolution urteilen lässt.

Ein Tag von Rebah ist vollgepackt mit Terminen wie der eines Managers. In seinem Peugeot rast er zu denen, die ihm helfen könnten, mehr Hörer zu gewinnen. Auf jeder Station zwei Zigaretten, ein Kaffee, Wangen küssen, weiter geht’s. Rebah fährt hektisch, telefoniert dabei, organisiert einen neuen Sendemast und ein Seminar für Journalismus. Seinen kleinen Sohn sieht er manchmal tagelang nicht. Alltag eines Revolutions-Unternehmers.

Begonnen hat alles in den ersten Tagen des Jahres 2011. Am 7. Januar, einem Freitag, der Muezzin hatte gerade zum Abendgebet gerufen, stand Rebah mit Freunden vor seinem Haus. Feierabendgespräche bei einer Zigarette. Da hörten sie, wie eine Nachbarin schrie. Sie liefen zu ihrem Haus, sahen sie auf ihrer Veranda knien, vor ihr standen Polizisten, sie redeten auf sie ein. "Euer Freund Hosni hat sich angezündet", rief sie der Gruppe zu. "Und die will es verschleiern."

Die ärmste Stadt des Landes

Ali Rebah und Hosni Kaliya hatten seit ihrer Kindheit in der gleichen Nachbarschaft gelebt. In , dieser Provinzstadt mit 100.000 Einwohnern, vier Autostunden von Tunis entfernt, doch gefühlt viel weiter. Konservatives Hinterland, die ärmste Stadt des Landes. Die Freunde erlebten, wie das letzte Kino vor über zehn Jahren schloss. Wie es irgendwann nur noch einen einzigen Ort gab, um Bier zu kaufen, im Hinterzimmer eines Hotels.

Dieser Tristesse entfloh Rebah mit dem Musikstudium in Tunis. Er spielte Violine im Symphonieorchester, später lebte er in Amerika, zusammen mit seiner damaligen Freundin. Ali entdeckte die Welt, las den Koran und die Bibel, war fasziniert vom Philosophen Montesquieu. Er probierte bayerisches Weißbier, er mochte es, ebenso wie schottischen Whisky und geräucherten Schinken. Dann kehrte er zurück nach Kasserine, arbeitete als Musiklehrer und gründete eine Familie. Auch Hosni Kaliya zog es weg. In den Sommermonaten arbeitete er an der tunesischen Küste, als Türsteher vor Clubs. Wenn Rebah ihn in Kasserine traf, trug Kaliya teure Schuhe und Ringe an den Fingern, ein Lebemann. So einer fiel auf in Kasserine. An diesem Januartag 2011, Kaliya war für einige Tage zu Besuch bei seiner Mutter, stoppten ihn Polizisten am Busbahnhof . Ausweiskontrolle. Sie beleidigten ihn, schlugen auf ihn ein, und das nicht zum ersten Mal.

Menschen stehen an dem Busbahnhof, wo sich Hosny Kaliya 2011 angezündet hat

Der Busbahnhof: Hier hat sich 2011 Hosni Kaliya angezündet. Kurz danach brach die tunesische Revolution aus und mit ihr der Arabische Frühling

Die Polizei unterdrückte die Bürger damals systematisch, Kaliya hatte sich erst kurz zuvor auf der Wache beschwert vergeblich. Jetzt wurde er wütend und schlug zurück. Sofort stürzten sich mehrere Polizisten auf ihn, prügelten auf ihn ein, bespuckten ihn, als er am Boden lag. Da tickte Kaliya aus. Blind vor Wut schleppte er sich zu einer der illegalen Tankstellen, die überall in der Stadt zu finden sind. Bretterverschläge, an denen junge Männer aus Fässern billiges Benzin verkaufen. Er kaufte eine Flasche Benzin, schüttete es über sich, zündete sich an. Vor den Augen der Polizisten, der Passanten.

Anfangs hörten Rebah 50 Leute zu

Als Rebah Stunden später davon hörte, beschloss er, dass so viele Menschen wie möglich von seinem Freund erfahren sollten. Seit einiger Zeit betrieb er einen kleinen Musikkanal im Internet. Er spielte arabische Popsongs, Charts, manchmal moderierte er die Songs. An guten Abenden hörten 50 Leute zu. Damals hätte er sich nie getraut, Nachrichten über eine Demonstration zu veröffentlichen. In Tunesien herrschte Zensur, 2010 rangierte das Land im Pressefreiheitsindex auf Platz 164 von 178. Ein Polizeistaat, überall hatte Präsident Ben Ali seine Spitzel. Rebah erzählt, er habe oft das Gefühl gehabt, dass in Cafés Männer am Nachbartisch seine Gespräche belauschten. Einer seiner Cousins, Mitglied einer Oppositionspartei, verschwand manchmal für Wochen, ohne ein Lebenszeichen. Später erfuhr Rebah, dass die Geheimpolizei ihn inhaftiert und gefoltert hatte.

Doch in dieser Nacht hatte Ali Rebah keine Angst. Ganz ruhig sei er geworden, sagt er. Er spielte keine Musik in seinem Stream. Er berichtete, wie sich Hosni Kaliya verbrannt hatte, aus Protest gegen die Polizei. Er postete die Meldung auf Facebook, schickte sie an Freunde. Sie wurde tausendfach geklickt, Radio Monte Carlo teilte sie, der Fernsehsender France 24, Al Jazeera.

Tunesier demonstrieren während des Arabischen Frühlings 2011 in Tunis

Tunesier während des Arabischen Frühlings 2011 in Tunis (Archivbild): Das tunesische Quartett für den nationalen Dialog erhält den Friedensnobelpreis 2015.

Noch in derselben Nacht brannten Autos, flogen Steine. Polizisten schossen mit scharfer Munition auf Demonstranten. Von diesem Tag an sendete Rebah kaum noch Musik. Er wollte jetzt die Leute informieren, ihnen sagen, was in ihrem Land geschah. Am Tag nachdem Hosni Kaliya sich angezündet hatte, ging auch Ali Rebah auf die Straße. Erst warf er Steine, dann begann er zu filmen, Beweismaterial für die sozialen Medien. Er filmte Menschen, die zusammensackten, getroffen von Patronen. Er filmte Blutlachen und Autos, die in Flammen standen.

Abends baute er zusammen mit Freunden in einer alten Garage ein Studio. Sie teilten den kleinen Raum mit Holzwänden, klebten Eierkartons an die Wand, kauften sich Headsets und begannen zu senden. Jeden Abend trafen sie sich und gingen on air, von 20 bis 23 Uhr. Wenn die Wut auf den Straßen kurz abebbte und die Menschen sich sammelten. Wenn Kasserine durchatmete.

Bauruinen prägen das Bild von Kasserine, der ärmsten Stadt Tunesiens

Versuch eines Baubooms: Kasserine gilt als ärmste Stadt Tunesiens, etwa jeder dritte Uniabsolvent ist arbeitslos. Förderprogramme schlagen kaum an

Sie erzählten, was sie auf der Straße erlebt hatten. In welchen Vierteln es gerade gefährlich war. Wo die Polizei besonders brutal gegen Demonstranten vorging. Eine Woche dauerten die Proteste, mehr als 20 Menschen starben. Dann nahmen die Aufständischen die Stadt ein, die Polizei zog sich zurück. Wenige Stunden später kam die Nachricht: Präsident Ben Ali sei nach Saudi-Arabien geflohen.

Vom Revolutionär zum Revolutions-Unternehmer

Das war womöglich der Moment, in dem Ali Rebah vom Revolutionär zum Revolutions-Unternehmer wurde. Er wusste, wenn er jetzt aufhören würde, wäre alles umsonst. Er sendete weiter. Kaufte Internetsticks und schenkte sie Cafés. Schaltet unseren Sender ein, sagte er, und wir zahlen das Internet. Die Zuhörerzahl stieg. Einem Supermarkt schlug er ein Gewinnspiel vor: Wer mehr als 30 Dinar ausgibt und uns seinen Kassenbon schickt, gewinnt. Wir nennen die Gewinner, ihr spielt unseren Sender. Wieder mehr Hörer.

Ein Blick in das Radiostudio zeigt zwei Mitarbeiter des Senders

Radio K FM zählt zu den populärsten Sendern der Region. Sein Slogan: "Das Radio, das euch zuhört"

Rebah bat um Hilfe, bei der Deutschen Welle, bei CNN. Sie schickten Geld und Experten. Im Herbst 2011 beschlossen Rebah und seine Freunde, nicht mehr nur ein Lokalsender zu sein. Sie wollten der erste freie Radiosender des Landes werden. Was ihnen fehlte: Aufmerksamkeit. Sie schickten ein Fax nach Tunis, eine Anfrage an das Staatliche Presseamt. Rebah wollte ein Interview führen, mit dem Staatspräsidenten, dem Parlamentspräsidenten und dem Ministerpräsidenten. Zusammen. Das ist, als würde ein kleiner Sender in der Uckermark Angela Merkel, Norbert Lammert und Frank-Walter Steinmeier gleichzeitig einladen.

Drei Monate später fuhr eine Limousinenkolonne durch Kasserine. Ali Rebah schüttelte jedem der Politiker die Hand. Das nationale Fernsehen übertrug das Interview. Rebah weiß bis heute nicht, warum sie gerade seinen Sender auswählten. Vielleicht, sagt er, sahen sie in ihm ein Symbol für den Neuanfang.

Heute schalten 40 Prozent aller Hörer der Region Kasserine Radio K FM ein; er ist einer der populärsten Sender des Landes. Doch Rebah ist alles andere als zufrieden.

Tunesien ist im arabischen Raum ein Hoffnungsschimmer für die Freiheit und ein wichtiger Partner für Deutschland, um Flüchtlinge frühzeitig abzuhalten. Aber die Heimat von Breitscheidplatz-Attentäter Anis Amri ist zugleich instabil, stets am Rande von Bürgerkrieg und wirtschaftlichem Kollaps.

Eine Revolution durchläuft oft mehrere Phasen. Erst fliegen die Steine, die Wut greift um sich und bringt den Machthaber zu Fall. Auf die Euphorie folgt aber oft rasch Ernüchterung. Nicht nur, weil neue Machtkämpfe aufbrechen, sondern auch, weil Wandel Zeit braucht. Und Menschen, die nicht nur ein altes Regime stürzen, sondern ein Land auch neu aufbauen. Man könnte sagen: Menschen wie Ali Rebah.

Erwartungen an Revolution haben sich nicht erfüllt

Viele hatten erwartet, dass die Demokratie automatisch Wohlstand bringt. Doch in der Diktatur gab es zumindest noch reichlich Verwaltungsjobs und staatlich subventioniertes Brot und Benzin. Heute ist die Arbeitslosigkeit höher als vor der Revolution; offiziell 30 Prozent der Uniabsolventen haben keinen Job, tatsächlich wohl noch viel mehr. Die Leute demonstrieren heute nicht mehr nur vor Regierungsgebäuden, sondern vor Fabriktoren. Für Arbeit.

Nur zwölf Prozent der Jungen vertrauen den Parteien. Seit März 2015 brauchen Tunesier unter 35 Jahren eine Genehmigung des Vaters und der Regierung, um das Land zu verlassen. Eine Verzweiflungstat gegen Abwanderung und Terrorismus. In Tunesien rekrutiert der IS besonders viele Kämpfer, manche Experten gehen von über 7000 in den vergangenen Jahren aus, so viele wie aus keinem anderen Land. Aus Enttäuschung und Frust verpflichten sie sich für eine mörderische Zukunft. Im Juni 2015 erschoss ein Attentäter 38 Touristen am Strand, seitdem bleiben auch die Urlauber weg, und mit ihnen wichtige Einnahmen.

Jeden Abend trifft sich Ali Rebah mit Freunden zum Kartenspielen

Auch ein Revolutionär muss durchatmen: Jeden Abend trifft sich Ali Rebah mit Freunden zum Kartenspielen

Ali Rebah sagt, die Leute seien zu ungeduldig. In Frankreich habe es nach der Revolution 1789 doch 80 Jahre gedauert, bis die Demokratie funktionierte. 80! Was sind da schon sechs Jahre? "Wir sind erst am Anfang der Revolution. Es wird wahrscheinlich Generationen dauern, bis wir beurteilen können, wie erfolgreich der Aufstand war", sagt Rebah. Er klingt, als wolle er auch sich selbst Mut zusprechen.

Als Unternehmer will Rebah mehr Hörer gewinnen, als Demokratielehrer will er sie erziehen: Einmal die Woche lädt er Politiker zu Diskussionsrunden ein. In Schulen erklärt er Jugendlichen, was das bedeutet: Demokratie. Jede Woche sammelt er im Radio Spenden, um armen Familien Schulranzen zu schenken. Und dann gibt es noch diese Sendung, in der Hörer Falschparker melden. Oft würden danach die Fahrer anrufen und sich beschweren, sagt Ali. Aber anders würden sie niemals lernen.


Rebah kämpft für mehr als Freiheit und Gerechtigkeit

Was Ali Rebah antrieb, als er erstmals seine Stimme erhob, ist leicht zu verstehen er kämpfte für die Freiheit und für Gerechtigkeit. Heute fällt es manchmal schwer, ihm zu folgen, weil er für so vieles kämpft: für Aufklärung, für Medienvielfalt, für Jobs, gegen Müll auf der Straße, gegen Falschparker. Manchmal scheint es, als habe sich Ali Rebah in seiner Rolle als Revolutionär verirrt.

Was treibt ihn heute an? Vielleicht das Gefühl, dass es eben so vieles gleichzeitig braucht, um seinem Land eine Zukunft zu geben. Seine Rolle in der Revolution hat Rebah Ansehen verschafft. Die Leute hören ihm zu, Bürger, Politiker, Beamte. Das will er nutzen.

Ein Mitarbeiter des Gefängnisses Kasserines wartet vor dem Eingangstor auf Ali Rebah.

Ein Mitarbeiter des Gefängnisses Kasserines wartet vor dem Eingangstor auf Ali Rebah. Der möchte erreichen, dass auch die Inhaftierten seinen Sender hören

Rebah stoppt seinen Peugeot jetzt vor dem Gefängnis. Ein Mann mit Maschinengewehr empfängt ihn am Eingangstor. Er habe einen Termin mit dem Direktor, sagt Rebah. Wenig später sitzt er einem Mann gegenüber, einer bulligen Gestalt, Mitte 30, auf den Schultern blitzen goldene Abzeichen. Er hat die Füße auf den Schreibtisch gelegt. Wie ein Schuljunge vor dem Rektor sitzt Rebah da. Ein bisschen Small Talk, dann sagt er, er habe eine Idee. Er wolle den Sender ins Gefängnis bringen.

"Eure Insassen sollen mitbekommen, was in der Stadt passiert", sagt er. Der Direktor wippt auf dem Schreibtischstuhl vor und zurück, zündet sich eine Zigarette an, selbstherrlich grinsend. "Was haben wir davon?", fragt der Direktor. "Der Sender ist der beste der Stadt." "Andere spielen auch gute Musik." "Wir könnten zu einer Spendenaktion aufrufen, Billardtische und Kicker für die Gefangenen organisieren." Der Direktor schlägt ein. Früher hätte einer wie er einen wie Rebah vielleicht eingesperrt und gefoltert.

Vielen Tunesiern fehlt der Antrieb

Man müsse an die Zukunft denken, sagt Rebah später. Die Häftlinge werden irgendwann einmal entlassen. Rebah will bei seiner Revolution niemanden zurücklassen. Und doch scheint er an seiner Rolle als Erzieher zu zweifeln. Viele Tunesier erwarteten, dass ihnen jemand den Weg zeigt, klagt Rebah. Dabei müsse man doch einfach selbst mal vorlaufen und etwas probieren. Wie sonst solle man vorankommen?

Der Sender zumindest vergrößert sich, er soll bald umziehen. Das neue Studio wird in einem Hochhaus eingerichtet, im Erdgeschoss eine Mall mit Supermarkt, Handyshops, Imbiss Ansätze von Wohlstand in einer armen Stadt. In der sechsten Etage hat Rebah fünf Zimmer gemietet, ausreichend Platz für die 28 Mitarbeiter. Der Blick reicht über die Dächer der Stadt, über die rotbraune Erde des Hochlands. Am Horizont flirrt im harten Licht der Berg Chambi, in dessen Schluchten sich Terroristen verstecken.

Wenn Ali Rebah manchmal hier oben auf dem Balkon steht und über die Stadt blickt, fragt er sich, ob es das wert war. All die Toten, all die Verletzten. Sein Freund Kaliya hat seine Verbrennungen dank zahlreicher Operationen überlebt. Doch er ist verkrüppelt und verbittert. In Interviews erklärte er die Revolution für gescheitert. Rebah sagt, dass man einen langen Atem braucht. Für ihn hat die Revolution gerade erst begonnen.

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