
Sonja (alle Namen zum Schutz geändert) wohnte noch bei ihren Eltern. Als sie schwanger wurde, musste sie gehen. Im "Kinderhaus Sonnenblume" hat sie nun Unterschlupf gefunden - mindestens bis zur Geburt© Anne Schönharting
Eine Frau kam und sprach kein Wort. Sie hatte einen Zettel bei sich: "Kann ich hier anonym entbinden? Wenn ja, bleibe ich, wenn nicht, dann gehe ich wieder." Schwester Monika erfuhr, dass die junge Frau bedroht wurde. Sie entband im Krankenhaus "Waldfriede" in Berlin, mit dem das "Kinderhaus Sonnenblume" kooperiert, blieb ein paar Tage und ging. Ohne das Kind. Manche gebären zu Hause oder irgendwo im Wald. Manche kommen ein paar Tage vor der Geburt, erfinden Ausreden für daheim, Reisen, einen Klinikaufenthalt, eine Kur, und gehen nach der Geburt zurück. Anonym. Die meisten sagen: Die Familie soll es nicht wissen, die Schule, der Mann, das Dorf. Doch viele lassen sich überzeugen, das Kind legal zur Adoption freizugeben, mit Beratung, Notar, Hinterlegung der Personalien für das Kind, wenn es groß ist, und oft noch einem Brief, den es bekommt, wenn es alt genug ist. Denn sie ahnen nach der ersten Panik, wie quälend es sein kann für einen Menschen, nicht zu wissen, wer es geboren hat und warum seine Mutter es weggegeben hat.
Die meisten kommen in der Dunkelheit. Viele verschwinden ins Ungewisse. Wie Anna aus Weißrussland, die in Schönow versuchte, mit Stricknadeln ihr Baby abzutreiben. Sie kam aus einem Zeugenschutzprogramm, hasste sich und die Welt und das Kind. Ihr Vater hatte sie an Zuhälter verkauft. Sie hatte eine Odyssee durch sechs Länder hinter sich. In Schönow kam sie zur Ruhe und freute sich irgendwann sogar. Hier entschied sie sich, ihr Baby zu behalten. Nach der Entbindung ging sie mit dem Kind zurück zu ihrem Vater nach Weißrussland. Oder die Frau aus Sierra Leone, die auf der Straße lebte. Sie hatte kein Geld, keine Versicherung, keine Papiere, der Kindsvater, ein Deutscher, der ihr die Ehe versprochen hatte, war verschwunden. Nach einigen Wochen in Schönow tauchte sie unter, meldete sich noch regelmäßig, aber dann auf einmal nicht mehr. "Wahrscheinlich wurde sie abgeschoben", sagt Schwester Monika.
Das "Kinderhaus Sonnenblume" hat viele Gegner. Denn was sie hier anbieten, ist illegal: Anonyme Geburten sind verboten. Und um Nutzen und Folgen tobt ein erbitterter Streit. Organisationen wie Terre des Hommes glauben, dass die Möglichkeit der anonymen Geburt eine Kindstötung nicht verhindere, sondern vielmehr Frauen die Möglichkeit gebe, aus Bequemlichkeit das Kind loszuwerden - das Angebot schaffe eine neue Nachfrage. Denn Frauen, die ihre Neugeborenen töten, seien stets Frauen in Panik, die die Möglichkeiten eines Hauses wie dem in Schönow schon deswegen nicht nutzen könnten, weil sie in ihrer Ausnahmesituation gar nicht dort hinfinden würden. Außerdem werde das Recht der Väter und das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft verletzt. Befürworter sagen, um diese Rechte in Anspruch zu nehmen, müsse das Kind erst mal die Chance auf ein Leben bekommen. Und der Lebensschutz gehe vor. Keine Seite kann ihre Thesen beweisen. Man weiß nun mal nicht, ob Kinder, die anonym geboren werden konnten, im anderen Fall im Müll oder in einer Adoptionsstelle des Jugendamts gelandet wären. Niemand kann das sagen.
Trotzdem sitzt Schwester Monika nach all den Jahren immer noch nicht im Knast. Und persönliche Angriffe - wie von der Professorin Christine Swientek - bleiben die Ausnahme. Die wirft den Befürwortern vor, aus Geltungsbedürfnis, Unbedarftheit oder Unwissenheit massenhaft Findelkinder zu produzieren und Eltern einen bequemen und straffreien Weg zu eröffnen, lästigen Nachwuchs loszuwerden. Schwester Monika antwortet sachlich: "Ja, es gibt idealere Wege ins Leben. Ich sage nicht, dass es toll ist. Aber es gibt nicht nur Schwarz und Weiß. Wir sind Helfer in der Grauzone." Sollten diese Angriffe sie verletzt haben, dann zeigt sie es nicht. Politische oder juristische Grundsatzdebatten interessieren sie nur mäßig, auch wenn sie Frau Merkel mal einen Brief geschrieben hat, auf dem Computer an ihrem kleinen Schreibtisch in Schönow, abends, als endlich alles ruhig war und gerade mal kein Telefon klingelte. Doch die Auseinandersetzung um Pro und Kontra will sie so gar nicht führen: "Wir sind kein Ersatz des bestehenden Hilfesystems, wir sind eine Ergänzung. Natürlich ist es schöner, wenn ein Kind weiß, wer seine Eltern sind. Noch schöner ist es, wenn es bei ihnen aufwachsen kann. Aber das Leben ist nicht immer so."
Bei den Behörden hat sich ein gewisser Pragmatismus breitgemacht: Verzweiflung richtet sich nicht nach Öffnungszeiten. Nicht selten klingeln die Telefone im "Kinderhaus Sonnenblume" nachts oder im Morgengrauen, kurz vor Weihnachten oder in den Sommerferien. Und nicht selten ist am anderen Ende eine Behörde, ein Krankenhaus, eine öffentliche Beratungsstelle: "Wir haben hier eine Frau, die ist illegal, nicht versichert, die hat kein Geld, die redet nicht, und außerdem haben wir geschlossen und keinen Platz. Kann die zu euch?"
Das "Kinderhaus Sonnenblume" hat auch ein paar Freunde. Ärzte, die kostenlos Mütter und Kinder versorgen. Die Spender, die seit Jahren das Haus unterstützen und so erst ermöglichen, dass Menschen auch ohne Vorzeigen von Ausweis und Krankenkarte, ohne Anträge und Formulare geholfen werden kann. Und nicht zuletzt das Krankenhaus "Waldfriede", das die meisten der anonymen Geburten aus dem "Kinderhaus Sonnenblume" durchführt. Rund 400 Mütter und Kinder haben Schwester Monika und ihr Team seit 1999 betreut. Die meisten Frauen, die in Schönow waren, haben ihr Kind unerkannt, aber nicht anonym zur Adoption freigegeben oder sogar das Kind behalten. Nur wenige Kinder sind gänzlich anonym geblieben. Aber fast alle Frauen sagen, dass dieser letzte Notausgang der Anonymität als theoretische Möglichkeit wichtig war, um überhaupt herzukommen.
Es gibt traurige Geschichten aus dem Haus in Schönow wie die von der Frau mit dem Brief, die ihr Baby in Berlin in einer öffentlichen Toilette gebar und umbrachte und erst später an Schwester Monika schrieb. Es gibt gute Geschichten wie die von Mara, die ihren kleinen Sohn in die Adoption gab. Sie lernte die neuen Eltern kennen, auch wenn sie nicht wissen darf, wo sie wohnen, und sieht den Jungen einmal im Jahr. Die Zeit dazwischen versucht sie, mit Bildern zu überbrücken, ihren Sohn nicht allzu sehr zu vermissen und nicht zu bereuen, was sie getan hat.
Und manchmal geht es auch schief, wie bei dem Mädchen, das anrief, als die Wehen schon eingesetzt hatten. Schwester Monika ließ sie abholen und raste mit ihr ins Krankenhaus. In Schönow fasste sie Mut, und eine Freundin kam dazu, die sagte: "Du schaffst das, wir alle helfen dir." Sie behielt das Kind. Heute sitzt sie im Gefängnis. Sie wurde von diversen Ämtern betreut, aber irgendwann drehte sie durch, als sie sich wieder allein fühlte, verlassen und hilflos, und die Ämter und Freunde waren weit weg, und dann erschlug sie ihr Kind. Manchmal schreibt sie Briefe aus dem Knast an Schwester Monika. Vor einigen Wochen, wieder so ein klarer Herbsttag. Ein Auto bremst an dem gelben Haus am Ende des Sandwegs. Schwester Monika ist hinten im Garten, nur der Hausmeister ist vorn. Eine Frau lässt die Scheibe herunter und winkt ihn heran. Sie gibt ihm ein Kind, das in ein Handtuch gewickelt ist, und sagt, sie habe es am Vormittag geboren. Er fragt noch, wenigstens einen Namen, ein Kuscheltier, eine Erinnerung. Aber sie weint nur, sagt nichts und fährt davon.
Das kleine Mädchen befindet sich jetzt in der Obhut des Jugendamts. Schwester Monika bittet die Mutter, sich zu melden. Vielleicht finden sie gemeinsam einen Weg, der nicht ideal ist, aber besser als dieser. Aber vielleicht ist das Leben auch nicht so.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 49/2008