Genau hier liegt die Brisanz des Prozesses. Denn jahrzehntelang wurden die vielen tausenden Helfer und Handlanger auf der untersten Befehlsebene der Nazis nicht belangt, noch heute leben einige von ihnen unbehelligt in Deutschland. Und damit nicht genug: Sogar ihre Vorgesetzten kamen oftmals ungeschoren davon. So wurden etwa der Leiter der Trawniki-Wachmänner und seine Mannen, also praktisch Demjanjuks Ausbilder und deren Chef, in den 70er Jahren freigesprochen. "Wie kann der Befehlsgeber unschuldig sein, der Untergebene aber schuldig?", fragte Busch.
Insbesondere die Trawnikis mussten bislang kaum eine strafrechtliche Verfolgung befürchten. Zum einen, weil sich Deutschland nicht für die Ausländer verantwortlich fühlte. Zum anderen ist auch unter Experten umstritten, inwiefern die auch "Hiwis" genannten Männer wirklich freiwillig an der Ermordung der Juden teilnahmen. So sagte die Berliner Historikerin Angelika Benz zu stern.de, dass es zwar immer wieder Trawnikis gelungen sei, zu fliehen oder sich den Befehlen zu verweigern. "Aber es wurden eben auch aufsässige Trawnikis zur Strafe erschossen", sagte Benz. So argumentierte im Prozess auch Demjanjuks Anwalt Busch. "Die Trawniki waren Opfer, nicht Täter." Sowohl die Anklage als auch der Eröffnungsbeschluss des Gerichts blende diese "historische Wahrheit" aus, begründete Busch seinen Befangenheitsantrag.
Sein Mandant hatte den ersten Prozesstag zunächst in einem Rollstuhl verfolgt. Eingehüllt in eine türkisfarbene Decke hörte Demjanjuk mit geschlossenen Augen seiner Dolmetscherin zu, sein Mund meist halbgeöffnet. Nach der Mittagspause war Demjanjuk dann auf dem Krankenbett in den Gerichtssaal geschoben worden. Nach Angaben eines Arztes klage Demjanjuk über Kopfschmerzen und habe zudem Schmerzen beim längeren Sitzen. Die medizinischen Gutachter bescheinigten dem Angeklagten zwar, unter einigen Krankheiten zu leiden, darunter Herzschwäche, Gicht und eine Rückenmarkskrankheit. Anzeichen für eine Demenz oder andere psychische Probleme gebe es jedoch nicht. Deshalb sei Demjanjuk für rund drei Stunden pro Tag verhandlungsfähig.
Der Prozess, an dessen ersten Tag noch nicht einmal die Anklage verlesen wurde, wird also ziemlich schleppend vorangehen. Schon jetzt sind rund 30 Verhandlungstage eingeplant. Und die Beweisführung wird schwierig, denn keiner der noch lebenden Zeugen kann sich konkret an Handlungen Demjanjuks bei der Ermordung von Juden erinnern. Doch die Anklage folgert, dass in Sobibor stets das gesamte Personal an der Vernichtung beteiligt war, wenn die Gefangenentransporte eintrafen. Denn das Lager diente allein der Vernichtung von Juden. Dies bestätigt auch Thomas Blatt, der ebenfalls als Zeuge aussagen will. Zwar könne er sich nicht an Demjanjuk selber erinnern. Doch für ihn sei klar: "Wenn er in Sobibor war, dann ist er ein Mörder."