Der Besuch des Papstes in seiner Heimat ist vorüber. Probleme wurden nicht gelöst, manche Erwartungen enttäuscht. Doch selbstbewusst hat Benedikt XVI. der Gesellschaft den Spiegel vorgehalten. Eine Bilanz von Frank Ochmann
Zumindest in einem sind sich der Papst und seine Kritiker einig: Die katholische Kirche in Deutschland ist in einer schweren Krise. Damit endet aber auch schon die Liste der Gemeinsamkeiten, die bei diesem Besuch des römischen Pontifex entdeckt werden konnten. Während viele Außenstehende und auch liberal gesinnte Katholiken, die gern mal an demokratischen Prinzipien schnuppern, sich das Heil von einer Anpassung an die Zeit versprechen, von Frauen und Verheirateten in geweihten Ämtern etwa, von einer Lockerung der Lehre und der Moral, hat der Papst für solche Forderungen nur ein mitleidiges Lächeln übrig. Denn in solchen Positionen, davon scheint er überzeugt, zeigt sich die Krise selbst, nicht aber der Weg zu ihrer Bewältigung.
Bei der Freiburger Vigil am Samstagabend mit zehntausenden katholischen Jugendlicher im Schein der Kerzen stellt der Pontifex klar, woran es seiner Meinung nach mangelt: "Der Schaden der Kirche kommt nicht von ihren Gegnern, sondern von den lauen Christen." Von der Trägheit spricht er, die sich wie ein Nebel über eine Seele legen könne und einen Menschen hinderte, das Gute nicht nur zu wollen, sondern auch zu tun. Und damit ist auch schon gesagt, wie die Malaise hierzulande zu kurieren ist: "Wagt es, glühende Heilige zu sein!", rief der Papst den Jugendlichen zu und schaute dabei in fröhliche, strahlende Gesichter. In manchen Augen sammelten sich vor Rührung die Tränen. Nicht auf die Masse kommt es Benedikt an, sondern darauf, wie sehr die Seinen glühen. Dass es einen solchen verlässlichen Kern auch in Deutschland noch gibt, davon konnte sich der Papst in Freiburg ebenso überzeugen wie zuvor in Etzelsbach, dem Marienwallfahrtsort im thüringischen Eichsfeld. Und wie sehr ihm am lebendigen Glauben und wie wenig an einer Diskussion über Strukturen liegt, erfuhren auch die Mitglieder des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, dem höchsten Laiengremium der hiesigen Katholiken.
Wie kann es sein, könnte man verwundert fragen, dass so viele Erwartungen vor dem Besuch diametral dem entgegenstehen, was der Papst schließlich verkündet hat? Sind sich der deutsche Kirchensohn und die Landsleute wirklich so fremd? Eine interessante Diagnose stellt in diesem Zusammenhang der Freiburger Religionssoziologe Michael Ebertz. Wir seien in Deutschland, dem Kernland der Reformation, wie nirgends sonst "protestantisch infiziert". Die zahlenmäßig fast gleiche Gewichtung von evangelischen und katholischen Christen führe zu einer weltweit einmaligen Konkurrenzsituation zwischen den beiden Konfessionen, glaubt Ebertz. Dazu komme noch eine überaus enge Verflechtung zwischen Staat und Kirche, obwohl das Grundgesetz den Staat zur religiösen Neutralität verpflichtet. Liegt es also an dieser Sondersituation, dass die Deutschen so auf ganz besondere und im weltweiten Vergleich auch ziemlich ausgefallene Wünsche an die römische Kirche haben?
Im Vorfeld des Besuches war der Ökumene, dem Miteinander der verschiedenen christlichen Konfessionen also, von Beobachtern und natürlich auch den Vertretern der evangelischen Kirche besondere Bedeutung zugemessen worden. Doch nicht einen einzigen Schritt ist der Papst den Erben der Reformation entgegengekommen. Vom "gemeinsamen Beten und Singen", vom "gemeinsamen Eintreten für das christliche Ethos", spricht der Papst bei der Begegnung mit den Vertretern des Rates der evangelischen Kirche in Deutschland. Mehr aber nicht. Kein Wort über die Zulassung zur Kommunion von evangelischen Christen, die mit Katholiken verheiratet sind. Kein Wort über ein gemeinsames Abendmahl. Was der Papst den Protestanten hierzulande anbietet, geht genau genommen nicht wesentlich über das hinaus, was er auch Moslems oder Juden hätte offerieren können.
Wo dieser Papst die Einheit der Christen sieht, hat er in Freiburg deutlich gemacht, als er im dortigen Priesterseminar Vertreter der Orthodoxie traf. Das hörte sich dann so an: "Katholiken und Orthodoxe haben die gleiche altkirchliche Struktur bewahrt; in diesem Sinn sind wir alle alte Kirche, die doch immer gegenwärtig und neu ist." Er wage zu hoffen, so Benedikt XVI., dass der Tag "nicht zu ferne ist, an dem wir wieder gemeinsam Eucharistie feiern können." Bei dieser auch von den orthodoxen Kirchen alles in allem durchaus angestrebten Gemeinschaft am Altar aber ist für Protestanten schlicht kein Platz. Keiner jedenfalls, der sich geschichtlich oder dogmatisch zu aller Zufriedenheit rechtfertigen ließe.
Müsste dann nicht wenigstens die immer noch wachsende Säkularisierung und der gewaltige Mitgliederschwund auf katholischer wie protestantischer Seite die beiden Konfessionen zusammenschweißen? Nur bedingt, auch wenn es auf lokaler Ebene solche Verschmelzungen im tagtäglichen Umgang ja tatsächlich gibt. Doch anders als die evangelische Kirche in Deutschland, die zwar auch einen lockeren weltweiten Verbund kennt, im Großen und Ganzen aber doch auf sich gestellt ist, war die katholische Kirche von ihrem ganzen Selbstverständnis her immer schon eine Weltkirche. Und als solche sind es ihre Hierarchen gewohnt, dass der amtliche Glaube nicht immer in allen Ecken der Erde mit gleicher Stärke gelebt wird. Natürlich bedauert der Papst den Niedergang der Kirche, in der er selbst groß geworden ist. Auf der anderen Seite aber findet er Trost im beeindruckenden Wachstum, das er auf anderen Kontinenten verzeichnen kann. Mag die katholische Kirche in Deutschland auch schwach sein, weltweit ist sie stark wie nie.
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