Mit dem Schulbeginn fängt für Millionen Kinder und Jugendliche wieder eine schwer erträgliche Qual an: Sie werden von ihren Mitschülern gemobbt. Von Frank Gerstenberg, Rupp Doinet, Michael Streck

Rollenspiel mit Sechstklässlern: Die Münchner Polizei bietet Kurse zur Vorbeugung gegen Mobbing© Enno Kapitza
Acht Jahre seines Lebens war Lukas W. (Name geändert), 16, Außenseiter - Streber, Blödian, Versager, alles zusammen. Einer, der als Einziger seiner Klasse nicht zu Geburtstagen eingeladen wurde, der keine Freunde hatte, der verprügelt wurde, dem man die Hefte und das Federmäppchen versteckte, wann immer er das Klassenzimmer verließ. Er war das überall, selbst im Sportverein der kleinen bayerischen Gemeinde, in der er mit seinen Eltern lebte. Denn im Sportverein, da waren die selben Kinder, mit denen er tagsüber zur Schule ging.
Lukas ist ein Mobbing-Opfer. Eines von Millionen an deutschen Schulen. Denn die Lehranstalten, die eigentlich Werkbank der Demokratie sein sollten, sind in der Realität oft ein Ort der Furcht und Demütigung. In der aktuellen Titelgeschichte des stern berichten Opfer, Lehrer und Wissenschaftler übereinstimmend über die Zunahme körperlicher wie seelischer Gewalt in Klassenzimmern und auf Pausenhöfen.
"Schule", sagt die Münchner Psychologin Mechthild Schäfer im stern, "ist ein angstbesetztes System. Schüler haben Angst vor Lehrern und Mitschülern, Lehrer haben Angst vor Eltern und Schulleitern. Die fürchten die Schulaufsicht, und die Eltern haben Angst vor Lehrern und schlechten Noten." Schäfer forscht am Institut für pädagogische Psychologie und empirische Pädagogik der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität zum Thema "Bullying", wie die internationale Wissenschaft das Mobben nennt: Es reicht von versteckten oder offenen verbalen Attacken, sozialem Ausschluss bis zu körperlicher Gewalt. Und zwar nicht einmalig, sondern über Wochen, Monate, Jahre. Die jüngste Studie der Universität Lüneburg besagt, dass 55 Prozent aller Schüler über einen längeren Zeitraum Gewalterfahrungen gemacht hat - sei es als Opfer, sei es als Täter.
Lukas' Mobbing-Laufbahn begann bereits in der ersten Klasse. "Babyleicht" sei das alles, "langweilig", "fad" maulte er. Die Lehrer empfahlen einen Test. Ergebnis: Lukas war hochbegabt. Sie schickten ihn in die zweite Klasse - und bereits nach dem ersten Tag wieder zurück, weil er bei einer Arbeit versagt hatte. Für den Rückkehrer begannen in der alten Klasse schwere Zeiten. Die Lehrer merkten es und waren hilflos. "Fiel mir bald auf, dass Lukas in der Klasse 2 b eine Außenseiterrolle einnahm", notierte eine Lehrerin. Und: "... doch die sehr abgeschlossene, auf einen Anführer hin konzentrierte Gruppe wies ihn kontinuierlich ab". Es nützte ihm auch nichts, dass er von seinem Taschengeld für die ganze Klasse "Brezeln und so" kaufte. Auch die Zettel mit den drei Fragen, die er damals verteilte brachten nichts. "Willst Du mein Freund sein? Ja! Nein! Vielleicht!" hatte er darauf vermerkt und bekam nicht mal Antworten.
"In der dritten Klasse", sagt seine Mutter, "da war es am schlimmsten. Da hatte ich Angst, er tut sich was an." Gespräche, die Lehrer und Schulpsychologen mit der Klasse geführt hatten, waren ohne Ergebnis geblieben. Die Lehrerin empfahl einen "Wechsel der sozialen Gruppe". Wieder wurde Lukas getestet, wieder sollte er eine Klasse überspringen - von der dritten sofort in das Gymnasium. "Da war es zuerst auch ganz gut", sagt er. Aber dann rückten die alten Kameraden von der Grundschule nach. Wieder Gespräche, wieder gut gemeinte Versuche der Schulpsychologen, die nichts brachten. Am Ende, das war in der achten Klasse, "hatte ich die Schnauze voll". Er wechselte in eine Modellklasse für hochbegabte Schüler in eine 150 Kilometer entfernte Stadt.
Lukas lebt heute in einem Internat und kommt nur noch am Wochenende nach Hause. Er hat Freunde, er wird zu Geburtstagen eingeladen und wenn er sich setzt, zieht ihm kein Klassenkamerad den Stuhl unterm Hintern weg. Er ist ein ganz normaler Schüler mit - Hochbegabung hin, Hochbegabung her - ganz normalen Noten.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 38/2009
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