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10. September 2009, 15:02 Uhr

Wenn Schüler zu Tätern werden

Mit dem Schulbeginn fängt für Millionen Kinder und Jugendliche wieder eine schwer erträgliche Qual an: Sie werden von ihren Mitschülern gemobbt. Von Frank Gerstenberg, Rupp Doinet, Michael Streck

Mobbing, Schule, Kinder, Jugendliche, Lehrer, Pädagoge

Rollenspiel mit Sechstklässlern: Die Münchner Polizei bietet Kurse zur Vorbeugung gegen Mobbing© Enno Kapitza

Acht Jahre seines Lebens war Lukas W. (Name geändert), 16, Außenseiter - Streber, Blödian, Versager, alles zusammen. Einer, der als Einziger seiner Klasse nicht zu Geburtstagen eingeladen wurde, der keine Freunde hatte, der verprügelt wurde, dem man die Hefte und das Federmäppchen versteckte, wann immer er das Klassenzimmer verließ. Er war das überall, selbst im Sportverein der kleinen bayerischen Gemeinde, in der er mit seinen Eltern lebte. Denn im Sportverein, da waren die selben Kinder, mit denen er tagsüber zur Schule ging.

Schule als Ort der Furcht

Lukas ist ein Mobbing-Opfer. Eines von Millionen an deutschen Schulen. Denn die Lehranstalten, die eigentlich Werkbank der Demokratie sein sollten, sind in der Realität oft ein Ort der Furcht und Demütigung. In der aktuellen Titelgeschichte des stern berichten Opfer, Lehrer und Wissenschaftler übereinstimmend über die Zunahme körperlicher wie seelischer Gewalt in Klassenzimmern und auf Pausenhöfen.

"Schule", sagt die Münchner Psychologin Mechthild Schäfer im stern, "ist ein angstbesetztes System. Schüler haben Angst vor Lehrern und Mitschülern, Lehrer haben Angst vor Eltern und Schulleitern. Die fürchten die Schulaufsicht, und die Eltern haben Angst vor Lehrern und schlechten Noten." Schäfer forscht am Institut für pädagogische Psychologie und empirische Pädagogik der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität zum Thema "Bullying", wie die internationale Wissenschaft das Mobben nennt: Es reicht von versteckten oder offenen verbalen Attacken, sozialem Ausschluss bis zu körperlicher Gewalt. Und zwar nicht einmalig, sondern über Wochen, Monate, Jahre. Die jüngste Studie der Universität Lüneburg besagt, dass 55 Prozent aller Schüler über einen längeren Zeitraum Gewalterfahrungen gemacht hat - sei es als Opfer, sei es als Täter.

Lukas' Mobbing-Laufbahn begann bereits in der ersten Klasse. "Babyleicht" sei das alles, "langweilig", "fad" maulte er. Die Lehrer empfahlen einen Test. Ergebnis: Lukas war hochbegabt. Sie schickten ihn in die zweite Klasse - und bereits nach dem ersten Tag wieder zurück, weil er bei einer Arbeit versagt hatte. Für den Rückkehrer begannen in der alten Klasse schwere Zeiten. Die Lehrer merkten es und waren hilflos. "Fiel mir bald auf, dass Lukas in der Klasse 2 b eine Außenseiterrolle einnahm", notierte eine Lehrerin. Und: "... doch die sehr abgeschlossene, auf einen Anführer hin konzentrierte Gruppe wies ihn kontinuierlich ab". Es nützte ihm auch nichts, dass er von seinem Taschengeld für die ganze Klasse "Brezeln und so" kaufte. Auch die Zettel mit den drei Fragen, die er damals verteilte brachten nichts. "Willst Du mein Freund sein? Ja! Nein! Vielleicht!" hatte er darauf vermerkt und bekam nicht mal Antworten.

Hochbegabte haben's schwer

"In der dritten Klasse", sagt seine Mutter, "da war es am schlimmsten. Da hatte ich Angst, er tut sich was an." Gespräche, die Lehrer und Schulpsychologen mit der Klasse geführt hatten, waren ohne Ergebnis geblieben. Die Lehrerin empfahl einen "Wechsel der sozialen Gruppe". Wieder wurde Lukas getestet, wieder sollte er eine Klasse überspringen - von der dritten sofort in das Gymnasium. "Da war es zuerst auch ganz gut", sagt er. Aber dann rückten die alten Kameraden von der Grundschule nach. Wieder Gespräche, wieder gut gemeinte Versuche der Schulpsychologen, die nichts brachten. Am Ende, das war in der achten Klasse, "hatte ich die Schnauze voll". Er wechselte in eine Modellklasse für hochbegabte Schüler in eine 150 Kilometer entfernte Stadt.

Lukas lebt heute in einem Internat und kommt nur noch am Wochenende nach Hause. Er hat Freunde, er wird zu Geburtstagen eingeladen und wenn er sich setzt, zieht ihm kein Klassenkamerad den Stuhl unterm Hintern weg. Er ist ein ganz normaler Schüler mit - Hochbegabung hin, Hochbegabung her - ganz normalen Noten.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 38/2009

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KOMMENTARE (10 von 20)
 
OnnoPackeis (23.09.2009, 08:47 Uhr)
Vorbild Delfin
Als Autor, der Kindergeschichten schreibt, habe ich mich mit diesem Thema auch beschäftigt. In der Reihe "Ohrenbär" beim rbb erschien meine Geschichte "Ferdinand und der Delfin aus der Badewanne. Darin habe ich die Mobbing-Erfahrungen von Kindern in der Schule mit der Delfintheorie aus dem Management zusammengebracht, um eine mögliche Lösung anzubieten. Nach diesem Denkmodell kann man die Arbeitswelt ikn drei Typne von Kollegen einteilen: Die Haie, die aggressiv versuchen, ihre Kollegen zu mobben, die Karpfen, die sich immer nur ducken, und die Delfine. Das sind diejenigen, die sich zu wehren wissen.
In meiner Geschichte wird Ferdinand ein Opfer seiner Mitschüler. Der Delfin Elvisführt ihn daraufhin in den Zoo, um gemeinsam die Wasserbewohner zu studieren. Nach und nach lernt Ferdinand, nach eigenen Strategien zu suchen, um nicht länger Opfer der Mobbingangriffe zu bleiben. Diese Geschichte versucht keine billigen Rezepte zu liefern, sondern die Ängste der betroffenen Kinder erst einmal ernst zu nehmen. Und Lösungen können sie nur dann finden, wenn sie ihre Lage besprechen und nach Unterstützung suchen, nach Freunden, die ihnen helfen.
Diese Geschichte ist beim Label edelkids als CD erschienen, kein anderer als Rufus Beck hat sie gesprochen: Peter Nink, Der Delfin aus der Badewanne, Ohrenbär bei edelkids. Vielleicht ein kleiner Einstieg in die komplexe, auch leidvolle Welt der sozialen Beziehungen. Und vielleicht ein Anfang, um in ihr nicht als Opfer unterzugehen.
hesse66 (22.09.2009, 14:43 Uhr)
Mobbing
Es gibt sicherlich viele Pädagogen, die ihre Schüler anständig behandeln. Es könne aber eventuell reichen, wenn es auf jeder Schule einige Pädagogen gibt, die entweder überfordert oder falsch motiviert sind. Diese müssten herausgefischt und entweder umgeschult oder gefeuert werden. Interessant an der Mobbingdiskussion ist, dass bei normalen Arbeitgebern, wo die Sache schnell teuer wird, sehr viel getan wird. Dies betrifft auch arbeitsrechtliche Sanktionen gegen Täter. Offensichtlich spielt das Argument der Kosten im Bildungsbetrieb keine Rolle, obwohl die junge Generation ja die Zukunft ines landes ist.
Hesse66
KMusiala (20.09.2009, 19:53 Uhr)
Mobbing
Wer in den Schulakten nicht als Schüler, sondern als Menschenversuch steht, braucht sich nicht darüber wundern, dass er gemobbt wird.
m_to_o (20.09.2009, 19:35 Uhr)
Erfahrung
Ich bin jetzt fast 19 Jahre alt und wurde früher (Grundschule) selbst gemobbt. Ich stehe kurz vor dem Abitur aber mich schockt es was ich hier gelesen habe. Die Lehrer halfen mir früher nicht aus der Situation. Ich war ein wenig hippelig also wurde gleich über mich von den Lehrern gesagt ich hätte ADHS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom). Die Mitschüler haben mich nicht so akzeptiert wie ich bin, ich wurde geschlagen, gehänselt, ausgegrenzt. Nur mit Mühe packte ich es auf das Gymnasium und dort wurde es besser und jetzt habe ich gar keine Probleme mehr. Solang wir solche "schlechten" Lehrer an unseren deutschen Schulen haben und ein marodes Schulsystem wird sich das Mobbing auch nicht beruhigen. Meiner Meinung brauch man sich nicht zu wundern wieso das was Winnenden, Erfurt oder Ansbach passiert ist passiert. Man sollte erst mal in den Schulen die Schuld suchen bevor man den Personen die Schuld zuweist. Die wussten vielleicht einfach nicht mehr weiter. In diesem Sinne unsere Politik wird sowieso nichts ändern also wird Mobbing auch nicht aufhören.
omersbach (18.09.2009, 09:30 Uhr)
Mein Kind macht das nicht
Auch unser Sohn wurde letztes Jahr in der Grundschule gemobbt. Die Krönung war, als er von der Mitschülern festgehalten wurde und ihm Hundkot in den Pulli gepackt wurde. Dieser Junge ist zufällig auch der Sohn des Elternsprechers. Der uns auf Initiative des Klassenlehrers anrief. Als mein Mann ihm sagte es sei sein Sohn gewesen, kam am Telefon der Kommentar: "Na das war es dann wohl, mein Sohn macht das nicht. In diesem Sinne, horidi und horido und Waidmanns Heil." Der behandelnde Kinderarzt legte uns nahe die Sache bei der Polizei aktenkundig zumachen, da auf uns jetzt Kosten für die psychologische Aufarbeitung zu kämen und man könne die Eltern der Kinder in Regress nehmen. Wurde mir von dem Klassenlehrer gesagt, dass die ganzen Vorfälle nicht schriftlich festgehalten wurden. Ich denke, wir brauchen uns über Winnenden, Erfurt und jetzt Ansbach nicht zu wundern, solange an unseren Schulen (mittlerweile sogar Grundschulen) tatenlos zugesehen wird, wenn Kinder gemobbt werden.
knobi1970 (14.09.2009, 10:16 Uhr)
Ergänzen
Dás ganze ist gerade dieses Jahr passiert.
knobi1970 (14.09.2009, 10:15 Uhr)
Mobbing
Hallo mein Sohn kam in die 5.Klasse und von da an ging es los ihn zu mobben.Die Kids haben heraus bekommen das er sich nicht wehrt, also ist er von da an Opfer.Er kam des öfteren Blutig nach Hause und selbst mit RTW ist er ins Krankenhaus gekommen und wenn man den Schulleiter draus anspricht antwortet er nur es gibt noch schlimmere Kids. Ihm wären die Hände gebunden.Und so schlimm wäre es nicht.Ich bin der Meinung der Schulleiter redet seine Schule schön und will keine Probleme sehen. Das Ergebnis ist mein Sohn war nicht mit auf Klassenfahrt und er ist mitlerweile runter von der Realschule.
Tja die Braven und anständigen Schüler müssen das Feld räumen.
hitman (13.09.2009, 16:09 Uhr)
@ICE T

"Mobbing hat es schon immer gegeben, ist eine ganz schwache Ausrede. Du weißt wohl nicht, was Mobber durchmachen. Deine Eltern und Großeltern scheint das Mobbing schon geschadet zu haben, anders sind deine Ausführungen nicht zu erklären.
Meyerclan (11.09.2009, 22:25 Uhr)
Mobbing an Schulen
Meine Tochter geht in Berlin auf eine Schule die sich Sonderpädagogisches Förderzemtrum nennt.Sie wird seid gut einem Jahr von zwei ihrer Mitschüler ,ein Junge und ein Mädchen, tagtäglich getrizt ,geärgert ,schwer bedroht und auch Körperlich wie auch Seelisch verletzt und gedemütigt.Die Schule unternimmt rein gar nichts dagegen.Die beiden Täter kommen ungeschoren davon.Meine Tochter dagegen muss Terapie machen, sollte medizinisch untersucht werden ,weil die Angst die Sie jetzt vor der Schule hat ,Könnte ja ein medizinisches Problem sein. Das soll heissen das Sie sich das alles nur einbildet und das alles nur als Vorwand nimmt nicht zur Schule zumüssen. Dabei hat sie eigendlich spass an der Schule und will auf jeden fall ihren Hauptschulabschluss machen und später sogar den Realschulabschluss versuchen.Aber wie soll sie das schaffen ,wenn da immer zwei sind die sie auch im Unterricht stören und ärgern.Die Lehrer unternehmen auch nichts weil die Klasse zur zeit mal wieder ohne Klassenlehrerin ist.(mal wieder).Die Vertretungslehrer wissen nicht den Bildungsstand der Klasse und lassen die Klasse meist alleine.Ich könnte nochmehr dazu sagen aber das Thema wird nicht ernst genommen.
flrentine01 (11.09.2009, 14:39 Uhr)
Endlich ein Thema
Ich kenne dieses Thema nur zu gut. Mein Sohn besucht ein Berliner Gymnasium in einem guten Bezirk und ist ein Jahr durch die Hölle gegangen. Der Klassenlehrer bat um Verständnis, denn der Täter käme aus einer sozial schwachen Familie und werde selber geschlagen. Erst als wir die Polizei wegen Körperverletzung eingeschaltet haben, wurde seitens der Schulleitung reagiert.
Das Problem ist sicherlich die hohe Anzahl an Kindern mit Migrationshintergrund und eine immer weniger stattfindene häusliche Erziehung. Gerade an Berliner Gymnasien findet man viele Jugendliche, die aus rein politischen Gründen (Migrationshintergrund, sog. "Bildungsferne Schicht" etc.) durchgezogen werden. Und wenn dann noch zu weiche, leicht unsichere und schlecht geschulte Lehrer vor der Klasse stehen, beginnt das Drama.
 
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