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29. Oktober 2009, 17:49 Uhr

Die Ohnmacht des Richters

In seinem Gerichtssaal wurde die Ägypterin Marwa al-Schirbini erstochen. Die brutale Tat hat Richter Tom Maciejewski schwer gezeichnet. Nun muss er sich selbst gegen schwere Vorwürfe wehren. Von Franziska Reich

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Ein gebrochener Mann: Richter Tom Maciejewski© Matthias Hiekel/DPA

Es gibt Sekunden, die verändern das Leben vom Jetzt zu etwas ganz anderem. Vom Gefühl der vollkommenen Sicherheit - zu bodenloser Ohnmacht. Von der Belanglosigkeit des Alltags - zum Erwachen in der Monstrosität. Von einem gewöhnlichen, behäbigen Sitzungstag - zur nie wieder weichenden Vorhölle.

Am zweiten Verhandlungstag des Prozesses zum Tod von Marwa al-Schirbini im Dresdner Landgericht ist es Tom Maciejewski, der Zeuge, der diese Worte wählt: "Es gibt Sekunden, die verändern das Leben vom Jetzt zu etwas ganz anderem." Er sagt das ruhig. Er sagt das zur Erklärung für sein Handeln - oder Nicht-Handeln - an jenem Tag im Juli, der sein Leben für immer veränderte. Sein Leben. Nicht nur sein berufliches. Sein Leben eben. Sein ganzes. Sein Seelenheil. Vom Jetzt - zu etwas ganz anderem.

Das Verbrechen kam aus den Akten gekrochen

Tom Maciejewski ist 46 Jahre alt. Ein schmaler, weicher Typ mit dunklem Haar, dunklem Samtanzug und dunkel umrandeter Brille. Seit 21 Jahren arbeitet er als Richter. Und wer bisher glaubte, ein Richter führe ein gemächliches, ein wohl temperiertes Leben inmitten der Sicherheit von Recht und Gesetz, von Analyse und Abwägung - der spürt bei diesem Mann schon in den ersten Minuten seines schweren Auftritts, dass es auch anders laufen kann. Dass man auch als Richter Pech haben kann. Dass der Boden so dünn ist, so zerbrechlich - zwischen Recht und Gesetz und dem Wahnsinn eines furchtbaren Verbrechens.

Tom Maciejewski hat bisher das Verbrechen auf dem Papier kennen gelernt. Bis zu jenem ersten Julitag 2009. Da hat er es gesehen. Mit eigenen Augen. Voll Angst. Voll Panik. In den heiligen Hallen des Gerichts. An jenem 1. Juli 2009 ist das Verbrechen aus den Akten gekrochen - nein! - es ist aus den Akten gesprungen. Mitten hinein in sein Leben.

Anfangs eine Lappalie

An jenem 1. Juli war Tom Maciejewski der Vorsitzende Richter im Berufungsverfahren gegen Alexander W.. Es ging um Beleidigungen, die Alexander W. auf einem Spielplatz im Disput um eine Schaukel gegen die ägyptische Mutter Marwa al-Schirbini ausgestoßen hatte. Es ging also an jenem 1. Juli um halb zehn um eine Lappalie in den Augen eines Richters, der schon so viel unfassbares Verbrechen zwischen Aktendeckeln auf seinem Schreibtisch hatte: in der Staatsschutzkammer dutzende brutale Rechtsradikale wie die Skinheads Sächsische Schweiz; in der nächsten Kammer diverse Kinderschänder wie Mario M., der die damals 13-jährige Stephanie rund fünf Wochen gefangen hielt und missbrauchte und unmenschlichst quälte. Ja, Tom Maciejewski hat schon viele Verbrechen verhandelt. Und er galt als hartnäckiger Strafverfolger - als guter Jurist. Sensibel und ruhig - doch in der Sache unbeugsam und gerecht.

Er ist ein sympathischer Mann, ein nachdenklicher Mann, wie er so da sitzt im Zeugenstand - eine grüne Akte vor sich auf dem Tisch, ein Plastikglas mit Wasser daneben. Seine Stimme: weich und melodiös. Seine Schilderung des Tathergangs: unfassbarer Albtraum. Er stockt. Er stochert nach den richtigen Worten. Er quält sich. Während der ganzen drei Stunden quält er sich durch das, was er gesehen - und was er nun zu schildern hat.

Seite 1: Die Ohnmacht des Richters
Seite 2: "Sie stirbt, sie stirbt!"
KOMMENTARE (10 von 25)
 
Administrator (29.10.2009, 17:49 Uhr)
Liebe User,
vielen Dank für Ihre Kommentare. Wir schließen die Debatte an dieser Stelle.

Herzliche Grüße

Ihre stern.de-Admins
dreicon (29.10.2009, 16:09 Uhr)
Es kommen hier wohl einige Paradoxi
zusammen. Zum einen erschüttert es mich, wie intensiv hier der Täter beschützt wird. Würden Opfer und Zeugen nur annähernd so viel Schutz vor Gericht gewährt werden, die Tat wäre wohl nicht passiert. Zum anderen ist es schon bemerkenswert, wie sehr muslimische Gesellschaften unter dieser einenTat leiden, mit Begründung "Ehrenmord" zu Hunderten hingemeuchelten Frauen aber keine Träne nachweinen. Zum dritten kotzt mich die Sensationsgeilheit unserer Medien an. Jeder noch so kurze Bericht endet regelmäßig, ja gebetsmühlenartig mit dem Satz: "Das dreijährige Kind mußte alles mit ansehen."
sabbel77 (29.10.2009, 13:18 Uhr)
Fassungslos,
völlig Fassungslos bin ich über diesen grausamen Vorfall! So viele Leben zerstört und manch einer hat nicht mal Mitgefühl für die Opfer!
Es ist völlig egal wer oder was der Täter war, er muss mit der vollen Härte des Gesetzes bestraft werden! Er hat eine Frau, eine schwangere Frau, umgebracht, ihr Sohn musste es mit ansehen, ihr Mann und die Umstehenden konnte ihr nicht helfen. Egal woher die Familie kam, und welchen Glauben sie hatte oder auch nicht, die Frau ist TOT und mit ihr ein ungeborenes Leben, die Leben ihrer Familie sind zerstört, die Leben der Umstehenden sind zerstört ...
Ich kann nicht verstehen wie solch grausame Tat für irgendwelche politischen oder auch religiösen Sachen ausgenutzt werden kann, das ist taktlos, geschmacklos und völlig fehl am Platze!
Wieso werden wir Deutschen immer noch für die Taten eines größenwahnsinnigen ÖSTERREICHERS verantwortlich gemacht? Wieso gibt es russische "Nazis"? Gehören die überhaupt zur "Arischen Rasse" oder darf da jetzt jeder mitmachen? Was hat das dann noch für einen Sinn? (Falls man es so sagen kann, denn für mich ist es völlig sinnfrei!) Wieso sind dann z.B. Ägypter mit Nationalstolz keine Nazis?

Mein tiefstes Beileid dem Mann und dem Sohn des Opfers! Mein Mitgefühl an alle die diese Tat hilflos mitansehen mussten!
Keine Gnade für den Täter!
chatahootchee (29.10.2009, 13:17 Uhr)
PEINLICH
diese Diskussion. Nebenklage entwickelt sich zu dem, was man hier 'ambulance chaser' nennt: dem Blut hinterher und nur Geld (fuer sich) herausschlagen.
Der Richter hat gehandelt, hat sich nicht verkrochen, wird aber nun auch angeklagt?
Der Taeter geraet in den Hintergrund, weil ja sowieso die Gesellschaft schuldig ist.
Wenn jemand anzuklagen ist, dann nur der Taeter, weil er ja vorsaetzlich ein Messer in den Gerichtssaal brachte. Punkt.
Ramunu (29.10.2009, 12:21 Uhr)
Der arme Richter
Der Mann tut mir leid.
Ryan2k (29.10.2009, 10:30 Uhr)
oh mann.....
sowas kann ich einfach nicht glauben ! Bin gerade ein bischen fassunglos das der Richter angeklagt worden ist und hier auch noch jemand kritisiert das er Krank geschrieben ist !

Schonmal dabei gewesen, wenn ein Mensch qualvoll stirbt ? Also ich schon, bei einem Motorradunfall. Ich habe mehrere Monate gebraucht um das zu verarbeiten. Sogar professionelle Hilfe war notwendig. Also haltet euch mal zurück mit solchen Aussagen !

Klar ist das sowas nicht passieren darf und die deutsche Justiz eine Mitschuld trägt wegen mangelnder Sicherheit, aber der Richter ist von jeder Schuld frei zu sprechen. Es ist ein bodenlose FRECHHEIT !
NewWorld (29.10.2009, 10:25 Uhr)
@Robespierre
Warum ein junger Russe Nazi ist? Das muß nichtmal was mit der deutschen Gesellschaft zu tun haben. Rassismus wird gerade in Rußland groß geschrieben. Darüber wird von unserer Presse aber immer nur am Rande berichtet, man will es sich ja nicht mit Gazprom verderben.
Taifun (29.10.2009, 10:15 Uhr)
Ice-T und Konsorten
Ich habe Verständnis dafür, wenn Ihr euch darüber aufregt, daß man der deutschen Gesellschaft Vorwürfe für das macht, was in dem Gerichtssaal geschehen ist.
Ich habe auch Verständnis dafür, wenn ihr euch aufregt, daß nun die arabische Welt dieses tragische Ereignis für Ihre Zwecke missbraucht.
Wofür ich kein Verständnis habe, ist die Tatsache, daß Ihr unterschwellig die Verwandten des Opfers an den Pranger stellt, so als ob es eine Unverschämtheit wäre, überhaupt eine Anzeige gegen die im Artikel benannten Personenkreis gestellt zu haben.
Wie hättet Ihr denn reagiert, wenn ein Familienangehöriger vor Euren Augen in einem deutschen Gerichtssaal erstochen worden wäre? Hättet Ihr nur mit den Achseln gezuckt und gedacht "Hätt ja überall auch passieren können?". Bullshit. So etwas darf in einem Gerichtssaal nicht passieren. Ihr hättet jeden in diesem Saal wegen unterlassener Hilfeleistung angezeigt. Ich hätte es getan.

knilch_59 (29.10.2009, 08:47 Uhr)
Lasst mal die Kirche im Dorf!
Da steht nicht unsere Gesellschaft am Pranger, allenfalls kleine Teile unserer Rechtsordnung. Die Frage, warum Alexander W. zum Neonazi wurde, hat allenfalls am Rande zu interessieren. Und wenn er sich zur Gottheit erklärt hätte, würde ihm das auch keinen Rechtfertigungsgrund dafür geben, sich selbst zum Richter aufspielen zu dürfen. Es ist ausdrücklich nicht Aufgabe des Staates die Motive zu ermitteln, warum jemand dermaßen neben der Spur läuft. Darauf sollten sich Richter und Gutachter ausdrücklich nicht einlassen, sondern das Verfahren auf die unmittelbare Tat verkürzen: SO ETWAS MACHT MAN NICHT, EGAL AUS WELCHEN PERSÖNLICHEN MOTIVEN. Auf keinen Fall kann das ein das Strafmaß minderndes Merkmal sein, Alexander W. ist nicht Opfer, und wenn er sich als solches fühlt, ist das sein persönliches, kein gesellschaftliches Problem. Die Gesellschaft hat anders herum ein unbedingtes Recht darauf, vor Subjekten, sie sich die Welt nach Wahnvorstellungen selbst zusammenbauen, geschützt zu werden. Da hilft ausdrücklich eine sehr hohe Strafandrohung! Nach dem äußeren Anschein war die Gewalttat geplant und aus niederen Motiven, also Mord. Die Beweislage über den Tathergang dürfte ziemlich einfach sein. Also lebenslänglich + besondere Schwere der Schuld! Das braucht nicht mehr als 3 Verhandlungstage. Mit allem Brimborium drum herum macht sich dieser Staat lächerlich - gerade gegenüber den Rechtsradikalen!
ice-t (29.10.2009, 08:44 Uhr)
@robbiespierre

Ach ja...im übrigen: Wachen Sie mal auf...Ich kann dieses ganze Möchte-Gern-Rassismus in D-Land nicht mehr hören...
Ich darf auch als DEUTSCHER Nationalstolz haben...Werden Amerikaner als Nazis bezeichnet, weil Sie vor 250 Jahren als ausgesetzte Gefängnis-Insassen uns Verbrecher VölkerMord betrieben haben? Nee...die halten sich für den Nationalstolz in Person! Und Keiner sagt was dazu!

Das hat auch absolut NICHTS mit Braun oder Ausländerfeindlichkeit zu tun, so wie Sie es ja als angeblich bis in die deutsche Mittelschicht vorgedrungen beschreiben...

Es steht außer Frage, dass diese Tat nicht in Worte zu fassen ist und Seinesgleichen sucht...

Aber für jeden Mörder, ob Ausländer oder nicht, der Deutschen Gesellschaft die Schuld zu geben, ist schlicht nicht zu akzeptieren! Welche Einflüsse haben dem Täter denn vielleicht in seinem Heimatland schon dazu getrieben, so rassistisch zu denken? Oder was wäre gewesen, wenn das Opfer kein Kopftuch o.ä. typisch religiöse Merkmale in der Öffentlichkeit getragen hätte und augenscheinlich für den Täter nicht hätte entsprechend beschimpft werden können? Ist an der eventuellen Antwort auf diese Fragen auch die Deutsche Gesellschaft Schuld?
So merken...Diese Argumentation ist eine reine Auslegungssache...genau wie der ganze Prozess. Und DAS darf nicht sein! Und DAS ist es, was mich stört...
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