In seinem Gerichtssaal wurde die Ägypterin Marwa al-Schirbini erstochen. Die brutale Tat hat Richter Tom Maciejewski schwer gezeichnet. Nun muss er sich selbst gegen schwere Vorwürfe wehren. Von Franziska Reich

Ein gebrochener Mann: Richter Tom Maciejewski© Matthias Hiekel/DPA
Es gibt Sekunden, die verändern das Leben vom Jetzt zu etwas ganz anderem. Vom Gefühl der vollkommenen Sicherheit - zu bodenloser Ohnmacht. Von der Belanglosigkeit des Alltags - zum Erwachen in der Monstrosität. Von einem gewöhnlichen, behäbigen Sitzungstag - zur nie wieder weichenden Vorhölle.
Am zweiten Verhandlungstag des Prozesses zum Tod von Marwa al-Schirbini im Dresdner Landgericht ist es Tom Maciejewski, der Zeuge, der diese Worte wählt: "Es gibt Sekunden, die verändern das Leben vom Jetzt zu etwas ganz anderem." Er sagt das ruhig. Er sagt das zur Erklärung für sein Handeln - oder Nicht-Handeln - an jenem Tag im Juli, der sein Leben für immer veränderte. Sein Leben. Nicht nur sein berufliches. Sein Leben eben. Sein ganzes. Sein Seelenheil. Vom Jetzt - zu etwas ganz anderem.
Tom Maciejewski ist 46 Jahre alt. Ein schmaler, weicher Typ mit dunklem Haar, dunklem Samtanzug und dunkel umrandeter Brille. Seit 21 Jahren arbeitet er als Richter. Und wer bisher glaubte, ein Richter führe ein gemächliches, ein wohl temperiertes Leben inmitten der Sicherheit von Recht und Gesetz, von Analyse und Abwägung - der spürt bei diesem Mann schon in den ersten Minuten seines schweren Auftritts, dass es auch anders laufen kann. Dass man auch als Richter Pech haben kann. Dass der Boden so dünn ist, so zerbrechlich - zwischen Recht und Gesetz und dem Wahnsinn eines furchtbaren Verbrechens.
Tom Maciejewski hat bisher das Verbrechen auf dem Papier kennen gelernt. Bis zu jenem ersten Julitag 2009. Da hat er es gesehen. Mit eigenen Augen. Voll Angst. Voll Panik. In den heiligen Hallen des Gerichts. An jenem 1. Juli 2009 ist das Verbrechen aus den Akten gekrochen - nein! - es ist aus den Akten gesprungen. Mitten hinein in sein Leben.
An jenem 1. Juli war Tom Maciejewski der Vorsitzende Richter im Berufungsverfahren gegen Alexander W.. Es ging um Beleidigungen, die Alexander W. auf einem Spielplatz im Disput um eine Schaukel gegen die ägyptische Mutter Marwa al-Schirbini ausgestoßen hatte. Es ging also an jenem 1. Juli um halb zehn um eine Lappalie in den Augen eines Richters, der schon so viel unfassbares Verbrechen zwischen Aktendeckeln auf seinem Schreibtisch hatte: in der Staatsschutzkammer dutzende brutale Rechtsradikale wie die Skinheads Sächsische Schweiz; in der nächsten Kammer diverse Kinderschänder wie Mario M., der die damals 13-jährige Stephanie rund fünf Wochen gefangen hielt und missbrauchte und unmenschlichst quälte. Ja, Tom Maciejewski hat schon viele Verbrechen verhandelt. Und er galt als hartnäckiger Strafverfolger - als guter Jurist. Sensibel und ruhig - doch in der Sache unbeugsam und gerecht.
Er ist ein sympathischer Mann, ein nachdenklicher Mann, wie er so da sitzt im Zeugenstand - eine grüne Akte vor sich auf dem Tisch, ein Plastikglas mit Wasser daneben. Seine Stimme: weich und melodiös. Seine Schilderung des Tathergangs: unfassbarer Albtraum. Er stockt. Er stochert nach den richtigen Worten. Er quält sich. Während der ganzen drei Stunden quält er sich durch das, was er gesehen - und was er nun zu schildern hat.