Kinder sollen schon mit zwei Jahren in die Kita kommen und bereits im Kindergarten Englisch lernen - das empfiehlt eine neue Studie des "Aktionsrat Bildung". Im Interview mit stern.de erklärt Dieter Lenzen von der FU Berlin, warum die Früherziehung in Deutschland zu spät beginnt.

Im Idealfall könnten schon Zwei- bis Fünfjährige in der Kita spielerisch Englisch lernen, so eine neue Studie des "Aktionsrat Bildung"© Ausserhofer/FU Berlin
Sie müssen vor allem lernen, wie man mit Unsicherheit umgeht.
Ich bin sechzig, meine Generation hatte noch die Gewissheit, dass sie den Rest des Lebens in ihrem erlernten Beruf verbringen wird. Das wird bei den künftigen Generationen garantiert nicht mehr so sein. Sie müssen Unsicherheiten aushalten, flexibel sein, sprachgewandt, tolerant im Umgang mit anderen...
Nein. Gemeint ist Flexicurity, Sicherheit durch Flexibilität.
Natürlich fällt es der Mittelschicht leichter, ihre Kinder auf solche Anforderungen vorzubereiten, aber es hilft nicht, zu jammern, die Forderungen sind einfach da. Globalisierung ist ja nicht nur eine Bedrohung, sondern auch eine Chance. Es ist die Pflicht unseres Bildungssystems, gerade auch Kinder aus bildungsfernen Schichten fit zu machen.
Ja, für Kinder mit schweren Sprachdefiziten, denn Sprechen lernen ist der Schlüssel für alle anderen Fähigkeiten. Die Zeit zwischen zweieinhalb und fünf Jahren ist entscheidend. Wenn ein Kind, das zu Hause wenig Ansprache hat, erst mit fünf in den Kindergarten kommt, kann es das kaum mehr nachholen.
Es gibt ja auch eine Schulpflicht und Möglichkeiten, diese durchzusetzen, wenn Eltern sich verweigern.
Polizei oder Jugendamt, das kann nur die absolute Ausnahme sein, denn Zwang bringt wenig. Besser sind Anreize - dafür ist England ein gutes Beispiel. Dort gibt es ortsnahe Familienzentren, die Eltern und Kinder auch in anderen Fragen unterstützen, beispielsweise bei Behördengängen. Wenn eine Familie spürt, das tut uns gut, dann wird sie sich dem nicht entgegen stellen. Es sind doch nicht alle verbohrt.
Das müsste eine Eingangsuntersuchung entscheiden.
Oder eine andere Fremdsprache. Natürlich nicht im Frontalunterricht, sondern spielerisch. Ich habe Zweijährige beim Zähneputzen beobachtet, die dazu ein italienisches Lied sangen, "lavare denti", und ganz nebenbei die Worte für Hände waschen, "lavare mani" lernten.
Es macht keinen Sinn, einem türkischen Kind, das erst richtig deutsch lernen muss, auch noch Englisch aufzubürden. Auch muss man nicht unbedingt schon mit zwei Jahren anfangen, je nach Entwicklungsstand aber mit vier, fünf Jahren. Wichtig sind gut ausgebildete fremdsprachige Erzieher.
Größenordnung zweieinhalb Milliarden pro Jahr...
Klar, mit dem jetzigen Verteilungsmodell der Steuern lässt sich das nicht machen. Aber hat mal einer durchgerechnet, was uns gescheiterte Jugendliche kosten? Allein die 25 Prozent der Azubis, die ihre Lehre abbrechen und in der Arbeitslosigkeit landen?
Ja, warum nicht? Es muss nur ihre Neugier geweckt werden, es reicht, wenn Bücher herumliegen und viel vorgelesen wird.
Lernen ist im Spielen unvermeidlich, das heißt aber nicht, dass das Spielen alles Lernen ersetzt. Gerade bei lernschwachen Kindern braucht es auch Anregung von außen.
Druck ist das falsche Instrument. Eltern können ihren Kindern vermitteln, dass es schön ist, etwas zu lernen und dass es durchaus möglich ist, sich in einer Welt zurecht zu finden, die sehr unsicher geworden ist. Am besten kann man diese Strategie bei kleinen Kindern studieren. Die sagen, heute kann ich meinen Schuh zubinden, das konnte ich gestern noch nicht. Sie haben das, was wir Erwachsenen oft verloren haben: Sie stellen sich jeden Tag auf etwas Neues ein.
Interview: Ingrid Eißele
Zur Person Dieter Lenzen ist Professor an der Freien Universität Berlin und Vorsitzender des "Aktionsrat Bildung". Dessen Jahresgutachten, das von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft finanziert wird, empfiehlt, die ersten Lebensjahre von Kindern besser zu nutzen. "Die Früherziehung in Deutschland beginnt im internationalen Vergleich zu spät," sagt Lenzen.