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6. März 2008, 07:42 Uhr

Pflichtkindergarten für Zweijährige

Kinder sollen schon mit zwei Jahren in die Kita kommen und bereits im Kindergarten Englisch lernen - das empfiehlt eine neue Studie des "Aktionsrat Bildung". Im Interview mit stern.de erklärt Dieter Lenzen von der FU Berlin, warum die Früherziehung in Deutschland zu spät beginnt.

Im Idealfall könnten schon Zwei- bis Fünfjährige in der Kita spielerisch Englisch lernen, so eine neue Studie des "Aktionsrat Bildung"© Ausserhofer/FU Berlin

Welche Fähigkeiten brauchen unsere Kinder, um sich in der globalisierten Welt durchzusetzen?

Sie müssen vor allem lernen, wie man mit Unsicherheit umgeht.

Was meinen Sie damit?

Ich bin sechzig, meine Generation hatte noch die Gewissheit, dass sie den Rest des Lebens in ihrem erlernten Beruf verbringen wird. Das wird bei den künftigen Generationen garantiert nicht mehr so sein. Sie müssen Unsicherheiten aushalten, flexibel sein, sprachgewandt, tolerant im Umgang mit anderen...

... und bereit, überall auf der Welt zu arbeiten. Also die eierlegende Wollmilchsau?

Nein. Gemeint ist Flexicurity, Sicherheit durch Flexibilität.

So viel Anpassungsbereitschaft können vielleicht noch bildungsbewusste Familien ihren Kindern vermitteln, aber wie steht es mit den übrigen?

Natürlich fällt es der Mittelschicht leichter, ihre Kinder auf solche Anforderungen vorzubereiten, aber es hilft nicht, zu jammern, die Forderungen sind einfach da. Globalisierung ist ja nicht nur eine Bedrohung, sondern auch eine Chance. Es ist die Pflicht unseres Bildungssystems, gerade auch Kinder aus bildungsfernen Schichten fit zu machen.

Fordern Sie deshalb eine Kindergartenpflicht mit zwei Jahren einzuführen?

Ja, für Kinder mit schweren Sprachdefiziten, denn Sprechen lernen ist der Schlüssel für alle anderen Fähigkeiten. Die Zeit zwischen zweieinhalb und fünf Jahren ist entscheidend. Wenn ein Kind, das zu Hause wenig Ansprache hat, erst mit fünf in den Kindergarten kommt, kann es das kaum mehr nachholen.

Was, wenn Eltern ihr Kind nicht so früh in den Kindergarten geben wollen?

Es gibt ja auch eine Schulpflicht und Möglichkeiten, diese durchzusetzen, wenn Eltern sich verweigern.

Sollten die Kinder etwa mit der Polizei in die Kita geschafft werden?

Polizei oder Jugendamt, das kann nur die absolute Ausnahme sein, denn Zwang bringt wenig. Besser sind Anreize - dafür ist England ein gutes Beispiel. Dort gibt es ortsnahe Familienzentren, die Eltern und Kinder auch in anderen Fragen unterstützen, beispielsweise bei Behördengängen. Wenn eine Familie spürt, das tut uns gut, dann wird sie sich dem nicht entgegen stellen. Es sind doch nicht alle verbohrt.

Welches zweijährige Kind müsste, welches sollte in den Kindergarten?

Das müsste eine Eingangsuntersuchung entscheiden.

Sie empfehlen auch, dass Kinder schon im Kindergarten Englisch lernen sollen.

Oder eine andere Fremdsprache. Natürlich nicht im Frontalunterricht, sondern spielerisch. Ich habe Zweijährige beim Zähneputzen beobachtet, die dazu ein italienisches Lied sangen, "lavare denti", und ganz nebenbei die Worte für Hände waschen, "lavare mani" lernten.

Wo droht Überforderung?

Es macht keinen Sinn, einem türkischen Kind, das erst richtig deutsch lernen muss, auch noch Englisch aufzubürden. Auch muss man nicht unbedingt schon mit zwei Jahren anfangen, je nach Entwicklungsstand aber mit vier, fünf Jahren. Wichtig sind gut ausgebildete fremdsprachige Erzieher.

Was würde das alles kosten? Kindergartenpflicht für Zweijährige? Zwei- sprachige Erzieherinnen?

Größenordnung zweieinhalb Milliarden pro Jahr...

Hoppla, da haut es aber unsere 16 Finanzminister vom Stuhl!

Klar, mit dem jetzigen Verteilungsmodell der Steuern lässt sich das nicht machen. Aber hat mal einer durchgerechnet, was uns gescheiterte Jugendliche kosten? Allein die 25 Prozent der Azubis, die ihre Lehre abbrechen und in der Arbeitslosigkeit landen?

Sollten Vierjährige Lesen und Schreiben lernen?

Ja, warum nicht? Es muss nur ihre Neugier geweckt werden, es reicht, wenn Bücher herumliegen und viel vorgelesen wird.

Wie wichtig finden Sie das Spielen?

Lernen ist im Spielen unvermeidlich, das heißt aber nicht, dass das Spielen alles Lernen ersetzt. Gerade bei lernschwachen Kindern braucht es auch Anregung von außen.

Welchen Rat können Sie Eltern geben - mehr oder weniger Druck auf die Kinder?

Druck ist das falsche Instrument. Eltern können ihren Kindern vermitteln, dass es schön ist, etwas zu lernen und dass es durchaus möglich ist, sich in einer Welt zurecht zu finden, die sehr unsicher geworden ist. Am besten kann man diese Strategie bei kleinen Kindern studieren. Die sagen, heute kann ich meinen Schuh zubinden, das konnte ich gestern noch nicht. Sie haben das, was wir Erwachsenen oft verloren haben: Sie stellen sich jeden Tag auf etwas Neues ein.

Interview: Ingrid Eißele

Zur Person

Zur Person Dieter Lenzen ist Professor an der Freien Universität Berlin und Vorsitzender des "Aktionsrat Bildung". Dessen Jahresgutachten, das von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft finanziert wird, empfiehlt, die ersten Lebensjahre von Kindern besser zu nutzen. "Die Früherziehung in Deutschland beginnt im internationalen Vergleich zu spät," sagt Lenzen.

 
 
KOMMENTARE (10 von 35)
 
bessunger66 (06.03.2008, 15:30 Uhr)
Lasst uns die Kinder fragen!
Zitat:
Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, daß er tun kann, was er will, sondern das er nicht tun muß, was er nicht will.
Jean-Jacques Rousseau
paulali (06.03.2008, 14:43 Uhr)
Verbesserung
auch noch das:
warum wird nicht erstmal die vorhandene Struktur der Kindereinrichtungen verbessert ? in einer ganz normalen Grosstadt in einem ganz normalen Wohnviertel werden morgens erstmal Kinder gewaschen, die schon mehrere Tage kein Wasser mehr gesehen haben (und das machen die ERzieherinnen und zwar regelmässig) oder weil zwei völlig überforderte Erzieherinnen in einer grossen Gruppe ständig damit beschäftigt sind, Kindern die minimalst REgeln einer Gemeinschaft beizubringen (z.B. wir bleiben beim essen sitzen) finden praktisch keine Aktionen statt wie z.B. mal ein Ausflug oder aufwendigere Kreativaktionen, weil das einfach nicht geht.
Das sind ganz erschreckende Dinge und mal sollte doch hier ganz praktisch anfangen, diese Situationen massiv zu verbessern ehe über Dinge wie Kinder ab zwei in den Kindergarten zu schicken nachgedacht wird. richtig am Thema vorbei. Alles schreit nach Ganztagsbetreuung möglichst ab Geburt aber wo bleibt bitte die Qualität? Es wird gerne ins Ausland geschielt, wo die Kinderbetreuung besser organisiert wird . Aber dort werden auch nicht 25 Kinder von zwei Erzieherinnen betreut, die Quote sieht dort viel besser aus. Das Thema wird langsam richtig erschreckend.
Foxbravo (06.03.2008, 13:58 Uhr)
Grüße von der Kommunisten/Nazizeit
Das ist ja pure Gewaltanwendung an Kinder. 2 jährige auch mit Gewalt in den Kinderhort oder wie sich der Knast auch nennt.
Zeigt wiedermal die absolute Kinderfeindlichkeit in der BRD.
Deutschland hat zurecht die geringste Geburtenrate.
RAZE (06.03.2008, 13:33 Uhr)
Bertelsmann-Agenda
aus www.tageschau.de:
Privatschulen her, Beamte weg
Führende deutsche Bildungsforscher haben einen radikalen Umbau des Bildungssystems vorgeschlagen, der unter anderem auf Privatisierung der Schulen und eine Art Lehrerlizenzen setzt.
Es handele sich um einen "Master-Plan" für Reformen, sagte das Mitglied des "Aktionsrats für Bildung", Manfred Prenzel, der "Süddeutschen Zeitung". , Prenzel hatte den deutschen Teil der Pisa-Studie geleitet.
Der "Aktionsrat" wurde von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft ins Leben gerufen. Ihm gehört neben Prenzel unter anderem der Leiter des Bertelsmann-nahen Forschungszentrums CHE, Detlef Müller-Böling, an.
Die Bertelsmannisierung greift um sich:
http://jugend.bremen.verdi.de/news/archiv_2007/pm-2007-08-20-01
Aurum (06.03.2008, 12:31 Uhr)
Mit 2 Jahren ins "Erziehungsheim"
und mit 5 in die Kadettenanstalt? Ja Super! Das Bildungssystem ist so erbärmlich in Deutschland, da hilft nun mal nichts. Eine Fremdsperache erlernen? Nun, Deutsch können die Jugendlichen noch nicht mal in der 6. Klasse in Wort und Schrift. Bei der Aussprache hingegen kommen glucksende Laute raus, eine Mischung von türkisch und anderen osteuropäischen Sprachen. Und wie sollen dann im Kindergarten die 2-3 Deutschen Kinder den Immigranten Kindern Deutsch beibringen? Ha, eher müssen die Deutschen in der Gruppe türkisch oder russisch lernen! Die Immigranten sollen doch wie wir auch im Ausland für die Internationale Schule bezahlen und nicht dem Deutschen Staat auf der Tasche liegen.
einsatzreicht (06.03.2008, 12:10 Uhr)
Gut ausgebildete Erzieher
Die Erzieher sollten natürlich auch noch Super gut ausgebildet sein und perfekt Englisch sprechen. Und das natürlich zu dem Hungerlohn für den sie arbeiten müssen, für den ich in der früh nicht mal aufstehen würde. Mich wundert es, dass die nicht schon lange alles hingeschmissen haben. Andererseits fordern es viele Eltern ja geradezu heraus, das Ihre Kinder überfordert werden. Wenn ich sehe was manche noch zusätzlich alles machen wie Montag Schwimmkurs, Dienstag Judo, Mittwoch reiten, Donnerstag Singkurs (ist kein Witz, so läuft es bei der Freundin meiner Tochter, 1. Klasse!)
Da frage ich mich schon wo das hinführen soll!
ganzbaf (06.03.2008, 11:39 Uhr)
Ja ja....
das Prinzip der Pflicht-Attac-Mitgliedschaft ist aber auch nicht so schlecht! Kinder können früh mit anderen Kindern kommunizieren, lernen frühzeitig ein soziales Miteinander in der Weltgemeinschaft. Für Kinder mit Immigrationshintergrund bietet sich auch die Möglichkeit, schnell und unkompliziert diverse Sprachen zu erlernen...
(-;
dextronrg (06.03.2008, 11:27 Uhr)
Wer es braucht…
das Prinzip des Pflichtkindergarten ist nicht so schlecht. Kinder können früh mit anderen Kindern spielen, lernen frühzeitig ein soziales miteinander. Für Kinder mit Imigrationshintergrund bittet sich auch die Möglichkeit schnell und unkompliziert deutsch zu lernen. Allerdings das mit dem Englischunterricht ist schon ein wenig Blödsinn. Es gbt genug Studien die besagen das der Lernvorteil gegenüber anderen Kindern gerade mal bis zu zwei Wochen beträgt. Bevor man dieses Einführt sollten sich die Betreiber von Kitas eher mal Gedanken über Öffnungszeiten machen. Oftmals haben viele Kita nur bis 13 Uhr geöffnet.
ganzbaf (06.03.2008, 11:25 Uhr)
Noch mal gelesen...

nochmal aufgeregt üer so viel professorale Dummheit.
Um nicht zu sagen bornierte profesorale Dummheit... ;-Pp
sininen (06.03.2008, 11:19 Uhr)
Deutsche Pflicht!
Jawoll! Schön früh anfangen pflichtbewusst zu arbeiten. Nein, nicht freiwillig, sondern bitte schön mit Zwang! Terminkalender, Früförderung mit Physik oder was dem Abeitsmarkt halt gerade fehlt. Turboabi mit 15 und ab in die vollglobalisierte neue Zeit der Industrialisierung, in der immer billigere Arbeitskräfte immer besser ausgebildet für nen Hungerlohn arbeiten. Abends sind die nämlich zu müde, um sich noch politisch für ihre INteressen einzusetzen!!
Und die Ausrede der Verantwortlichen:
Jaa, das ist die Anforderung der Wirtschaft... Gut, wenn man ein so abstraktes Monster zum Schuldigen machen kann.
Sorry, aber der Herr hat eindeutig nen Riss im Oberstübchen!
Wohlgemerkt, freiwillig seine Kinder wie auch immer betreuen zu lassen, finde ich auch ok. Aber ZWANG für Zweijährige? Ich glaub es hakt gewaltig!
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