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Schule: Früher die Schulbank drücken

Als Antwort auf den Pisa-Schock schlagen Experten vor, Kindern in Zukunft früher einzuschulen. Kritiker halten Vierjährige jedoch noch nicht für schulfähig.

Zwei Jahre nach dem Pisa-Schock streiten die Experten weiter über Wege aus der Bildungsmisere. Angesichts der wirtschaftlichen Probleme in der Bundesrepublik sorgt die Frage nach der notwendigen Verweildauer im teuren Bildungssystem und damit auch nach dem Beginn des Schulbesuchs für weiteren Zündstoff in der Diskussion. Dabei ist sich das Gros der Beteiligten zumindest grundsätzlich einig, dass eine frühere Einschulung erstrebenswert ist - doch über die genauen Modalitäten herrscht Uneinigkeit.

Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber will eine Einschulung vor dem sechsten Lebensjahr ermöglichen, der Präsident der Freien Universität Berlin, Dieter Lenzen, machte sich in einer Studie sogar dafür stark, dass bereits Vierjährige eingeschult werden können.

Das richtige Alter ist umstritten

Dagegen hält der Deutsche Lehrerverband (DL) den Schulbesuch von Vierjährigen für politisch-staatsbürgerlich, verfassungsrechtlich und pädagogisch höchst bedenklich. Kinder seien mit vier Jahren nicht schulfähig. "Es fehlt ihnen an der physischen und psychischen Belastbarkeit, am Konzentrationsvermögen und an der sozialen Reife für einen Schulbesuch", kritisiert der Verbandsvorsitzende Josef Kraus.

Gerne verweisen die Befürworter einer früheren Einschulung auf das Ausland: So ist zum Beispiel in den Niederlanden eine Einschulung bereits ab dem vierten Lebensjahr möglich. Allerdings werden die Kinder in Finnland im Schnitt erst mit rund sieben Jahren eingeschult, noch später als in Deutschland, wo der Schnitt bei etwa 6,8 Jahren liegt - mit steigender Tendenz. Trotzdem lagen die finnischen Schüler in der Pisa-Studie ganz vorne - im Gegensatz zu den deutschen.

Heterogene Lebensbedingungen

Für "pädagogisch nicht so relevant" hält deswegen die Münchner Pädagogikprofessorin Angelika Speck-Hamdan die Debatte um das exakte Alter. Grundsätzlich sei das Einschulungsalter in Abhängigkeit von den individuellen Fähigkeiten des Kindes, seinem Umfeld und dem Schulsystem zu betrachten. Das Hauptproblem liege in der zunehmenden Heterogenität der Lebensbedingungen. "Wir haben Kinder, die werden schon vor der Schule sehr intensiv gefördert und andere, die können bei der Einschulung noch nicht mal einen Stift halten", sagt Speck-Hamdan.

Sie sieht das Problem vor allem darin, dass Kindergärten und Schulen zu schlecht aufeinander abgestimmt sind. "Mit mehr Flexibilität können wir eine ganze Menge Luft aus der Diskussion um das Einschulungsalter nehmen", sagt Speck-Hamdan.

In die gleiche Kerbe schlägt der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Ludwig Eckinger. "Oft werden die Kinder in den Kindergärten nur betreut und verwaltet." Dabei hätten sie schon früh Spaß am Lernen, Interesse an Buchstaben und Zahlen. Notwendig sei eine Kooperation zwischen Kindergärten und Schulen, der Bildungsauftrag müsse nach vorne verlagert werden, wobei Vertreter beider Institutionen auf gleicher Augenhöhe arbeiten sollten. Allerdings müsse man sich davor hüten, Leistungsdruck bereits in den Kindergarten zu tragen.

Zusammenfassen von Kindergarten und Grundschule

Zur flexiblen Einschulung nicht primär nach Alter, sondern nach den individuellen Fähigkeiten der Kinder gibt es bereits jetzt Initiativen. In Hessen etwa gibt es an 50 Schulen die Eingangsstufe, in der das letzte Kindergarten- und das erste Schuljahr zusammengefasst werden, der Stoff der ersten Klasse auf zwei Jahre verteilt wird und die Kinder meist zusätzlich von einem Sozialpädagogen betreut werden.

Dass dem Staat und den Kommunen mit der früheren Einschulung auch in Zeiten leerer Kassen zusätzliche Kosten etwa für die Betreuung entstehen, liegt auf der Hand. Bislang ist der Primärbereich im internationalen Vergleich ohnehin unterfinanziert, wie Eckinger sagt. Ein Vorziehen der Einschulung ohne entsprechende Begleitmaßnahmen würde keinen Zeitgewinn bringen. "Aber im Bildungsbereich ist jede Investition eine Investition für die Zukunft", erklärt Eckinger.

Stephan Köhnlein

Wissenscommunity