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Bildung: Schulreform - das Warten geht 2004 weiter

Das deutsche Schulsystem im Kreuzfeuer der Kritik: Zu viele Abbrecher, zu wenige Abiturienten und Qualität oft unter Mittelmaß, heißt es übereinstimmend in mehreren PISA-Folgeanalysen.

Die Schulpolitik kommt auch im nächsten Jahr nicht zur Ruhe. Nach dem miserablen deutschen Abschneiden beim weltweiten PISA-Schultest reihte sich im vergangenen Jahr eine Hiobsbotschaft an die nächste. Dabei stand das deutsche Schulsystem im Kreuzfeuer der Kritik internationaler wie nationaler Wissenschaftler: Zu viele Abbrecher, zu wenige Abiturienten und Qualität oft unter Mittelmaß, hieß es übereinstimmend in mehreren PISA-Folgeanalysen.

Auch der von den Kultusministern selbst in Auftrag gegebene erste "Bildungsbericht für Deutschland" bescheinigte dem deutschen Schulsystem "schwerwiegende Fehlentwicklungen". Deutschlands Schüler werden zu spät und zu wenig gefördert und verbringen zu viele Jahre in Bildungseinrichtungen. Lebenszeit werde zu wenig als Bildungszeit genutzt. Die Konsequenz, die jetzt einige Länder daraus ziehen, nämlich die Schulzeit bis zum Abitur auf 12 Jahre zu verkürzen, stößt aber nicht überall auf Gegenliebe, zumal die Unterrichtsinhalte dafür noch längst nicht überarbeitet sind. Das neue, schnellere Lernen wird vor allem Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern den Weg zum Abitur erschweren, fürchten Experten wie auch Lehrerorganisationen.

Soziale Auslese an den Schulen

Die weltweit einmalige Trennung von Hauptschülern, Realschülern und Gymnasiasten in Deutschland verschärft aus Sicht vieler Wissenschaftler zudem die soziale Auslese an den Schulen. Denn in keinem anderen Industriestaat ist Bildungserfolg so stark vom Elterneinkommen abhängig wie in der Bundesrepublik. Und auch selten so oft wie in der Bundesrepublik scheitern Migrantenkinder an unzureichender Förderung.

Mit den im Dezember beschlossenen nationalen Bildungsstandards wollen die Kultusminister jetzt zumindest der Qualitätsfrage zu Leibe rücken. Die ersten Standards für den mittleren Schulabschluss sollen bereits zum neuen Schuljahr im Herbst 2004 verbindlich werden. Für die Fächer Deutsch, Mathematik und Englisch wird damit zum ersten Mal bundesweit festgelegt, was ein Schüler zum Ende der zehnten Klasse können muss. Standards für weitere Fächer wie auch für den Hauptschulabschluss ab Klasse neun und für die Grundschule werden vorbereitet.

Ausbau der Ganztagsschule

Bei der Schulreform setzen einige Bundesländer - allen voran Rheinland-Pfalz - auf den Ausbau der Ganztagsschule, die in Deutschland anders als im Ausland bisher immer noch ein Schattendasein führt. Der Bund fördert diesen Ausbau bis 2007 mit insgesamt vier Milliarden Euro. Gleichwohl stöhnen viele Länder heute schon unter der erwarteten Last zusätzlicher Personalkosten. Dabei macht die neue Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Doris Ahnen (SPD), in ihrem Bundesland Rheinland-Pfalz gerade geschickt vor, wie man solche Ganztagsschulen mit relativ wenig zusätzlichen Lehrern unter Einbeziehung von Sportclubs, Kirchen, Elterngruppen und Vereinen zu lebendigen Nachbarschaftszentren ausbauen kann.

Die leidige Frage der deutschen Schulstruktur - gegliedertes Schulsystem versus integrierte Systeme/Gesamtschule - wollen derzeit weder die Kultusminister der Union noch der SPD angehen. Zu offen liegen noch die Wunden vergangener Kulturkämpfe um die Gesamtschule.

Ende 2004 steht die nächste Belastungsprobe ins Haus

Ohnehin liegen bei vielen Kultusministern nach den ständigen Negativ-Nachrichten der vergangenen Monate die Nerven blank. Gereizt reagieren sie und auch das Bonner KMK-Büro auf die inzwischen fast tägliche Kritik am deutschen Schulsystem. Dabei steht Ende 2004 die nächste Belastungsprobe ins Haus, wenn die internationalen Ergebnisse des zweiten PISA-Durchganges von der OECD in Paris vorgelegt werden. Diesmal geht es um die Rechenkünste der 15-Jährigen und um ihre Fähigkeit, Probleme zu lösen. Frühere Untersuchungen wie etwa die internationale TIMS-Studie lassen für Deutschland erneut nichts Gutes erwarten.

Karl-Heinz Reith, dpa

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