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OECD-Studie: Mangelhaft, setzen

Zwei Jahre nach der Pisa-Studie stellt auch die OECD den deutschen Schulen ein schlechtes Zeugnis aus: Die deutsche Lehrerschaft sei überaltert, pädagogisch schlecht ausgebildet und mache einen langweiligen Unterricht.

Zweieinhalb Jahre nach der Pisa-Studie gibt es erneut schlechte Noten für das deutsche Schulsystem. In einer bislang noch unveröffentlichten Untersuchung für die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit) wird vor allem kritisiert, dass die Bundesländer zu wenig junge Lehrkräfte einstellen. Die Autoren des Gutachtens bemängeln aber auch die Aus- und Fortbildung der Lehrer. Zudem stellen sie deren Beamtenstatus in Frage.

Vernichtendes Ergebnis

Offenbar liegt die Studie bereits seit März der Kultusministerkonferenz vor, die sich jedoch entgegen der Erwartungen der OECD als Auftraggeber immer noch nicht dazu geäußert habe. Dabei kämen die fünf Fachleute, die sie erstellt haben, zu einem nahezu vernichtenden Ergebnis: Die deutsche Lehrerschaft sei überaltert, pädagogisch schlecht ausgebildet, und es gebe zu wenig Anreize für einen packenden Unterricht. Die Autoren haben laut Bericht im September 2003 Schulen in Baden-Württemberg, Brandenburg, Hamburg und Nordrhein-Westfalen besucht. Ihr Auftraggeber, die OECD mit Sitz in Paris, hatte auch die Pisa-Studie vom Dezember 2001 koordiniert.

Der Generalsekretär der Kultusministerkonferenz, Erich Thies, begründet deren langes Schweigen damit, dass die Studie "nichts Neues im Bezug auf die bisherige Diskussion" enthalte. Ewald Terhart, Fachmann für Lehrerbildung an der Universität Münster, wertet den Bericht dagegen als eine "sehr gute und tiefgehende Analyse". Die Ergebnisse sollen in eine internationale Studie über insgesamt 25 Länder einfließen, die im Herbst veröffentlicht und Grundlage einer Art "Pisa für Lehrer" sein soll.

Verspätete Rache

Nach der Untersuchung sind die Lehrer nirgendwo in Europa so alt wie in Deutschland. Jetzt räche sich, dass die Länder immer nur nach dem momentanen Bedarf eingestellt hätten. Dadurch fehle der "frische Wind", den junge Pädagogen sonst in eine Schule bringen.

Auch die Ausbildung empfinden die OECD-Fachleute dem Zeitungsbericht zufolge als so unübersichtlich wie das Schulsystem. Jedes der 16 Bundesländer habe sein eigenes Ausbildungsmodell, was die Mobilität hemme: Nur neun Prozent der Lehrer verließen innerhalb eines Schuljahres ihren Posten, und lediglich zwei Prozent davon nähmen eine Stelle in einem anderen Bundesland an. Die Fachleute sprächen von einer "alarmierend niedrigen Zahl".

Zu wenig Anreize

Lehrer lernten zwar lange und seien fachlich gut ausgebildet. Es hapere aber an Didaktik und Pädagogik. "Anfänger sind im Schnitt 32 Jahre alt und hochgradig geprüft", sagte Experte Terhart der Zeitung, "und danach kommt nichts mehr". Weiterbildung gehört nicht zu den Pflichtaufgaben der Pädagogen. Deutsche Lehrer würden praktisch nur nach Berufsjahren befördert und hätten kaum Anreize, ihre Fähigkeiten in Frage zu stellen sowie Lehrtechniken zu verbessern.

Für regelmäßige Begutachtung der Lehrer

Weil das System aber so starr sei, könnten Schulen und Lehrer nicht auf die Bedürfnisse der Schüler eingehen. Obwohl sie OECD-weit zu den am besten bezahlten Pädagogen gehörten, seien deutsche Lehrer mit ihrem Job eher unzufrieden. Den deutschen Kultusministern empfahlen die Autoren der Studie, Standards zu entwickeln, die beschreiben, was Lehrer können müssten. Sie sollten von einem Team aus Kollegen, Schulleitern und externen Fachleuten regelmäßig begutachtet werden. Schlechte Pädagogen müssten die Schule verlassen oder Stellen annehmen, bei denen sie nicht unterrichten müssten.

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