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20. Januar 2006, 15:14 Uhr

Tödliche Kälte

In Moskau sind die tiefsten Temperaturen seit 1979 gemessen worden, ein Ende der Kältewelle ist jedoch nicht in Sicht. Im Gegenteil: Sie breitet sich nach Westen aus - in Tschechien, Polen und der Slowakei sind bereits mehrere Menschen erfroren.

Moskau in weiß gehüllt, bei minus 30 Grad. Auch für das Federvieh eine Zumutung© Sergei Chirikov/DPA

Die seit Tagen andauernde Extremkälte im Osten Europas hat in der russischen Hauptstadt Moskau weitere Opfer gefordert. In der Nacht zum Freitag erfroren sieben Menschen. Mehr als zwanzig Menschen werden nach der vergangenen Nacht zudem in Krankenhäusern behandelt. Seit Ende Oktober sind in Moskau 123 Menschen an den Folgen der Kälte gestorben. Es ist der kälteste Winter in der Stadt seit 1979. Damals sanken die Temperaturen bis auf minus 38 Grad. Heute stiegen sie im Tagesverlauf zwar von zuletzt 31 Grad Frost auf 25 Grad minus, ein starker Ostwind machte jedoch jeden Schritt im Freien zur Qual. Zum Wochenende soll der Extremfrost weiter andauern.

Strom und Gas als wichtigste Güter

Die Moskauer Behörden trafen inzwischen Vorsorgemaßnahmen, um die Obdachlosen vor dem Kältetod zu schützen. Polizisten wurden ausdrücklich angewiesen, die Menschen nicht wie sonst üblich aus den U-Bahn-Stationen zu vertreiben. Meteorologen gehen davon aus, dass die Temperaturen noch mindestens fünf Tage lang bei rund minus 20 Grad liegen werden.

Der Energieverbrauch in Russland kletterte in dieser Woche auf Rekordhöhen. Eine Reihe von Umspannwerken arbeitet bereits am äußersten Rand der Kapazität. Einigen Betrieben, Baustellen und Bekleidungsmärkten wurde bereits der Strom abgedreht, um die allgemeine Versorgung zu sichern. Der russische Stromversorger UES hat seine Lieferungen nach Finnland wegen der extremen Kälte im eigenen Land bereits um 30 Prozent reduziert.

Kälte erreicht den Westen

Unterdessen schwappt die Kältewelle nach Westen über. In der lettischen Hauptstadt Riga wurde am Freitagmorgen mit minus 27 Grad die niedrigste Temperatur seit 100 Jahren gemessen. An der polnischen Ostgrenze fielen die Temperaturen in der Nacht auf minus 30 Grad. Seit Beginn des Winters sind in Polen nach Angaben der Polizei bislang 122 Menschen an der Kälte gestorben.

Auch die Slowakei und Tschechien haben mit den Minusgraden zu kämpfen. In Tschechien starben diesen Winter bisher zwölf Menschen an Unterkühlung, in der Slowakei dürften es deutlich mehr sein: Allein in der wirtschaftlich florierenden Hauptstadt Bratislava sind in diesem Winter nach Zählungen slowakischer Medien bereits 18 Obdachlose erfroren. Eine exakte Zahl für den Rest des Landes gibt es bisher nicht.

Wetterkapriolen: Klimaforscher messen Wärmerekord in der Arktis

In Deutschland, wo es lange nicht so frostig ist, verunglückten auf eisglatten Straßen zahlreiche Autofahrer. Mindestens zwei Menschen kamen dabei in Baden-Württemberg und Thüringen ums Leben. Viele wurden verletzt, einige davon schwer. In den Alpen steigt unterdessen die Lawinengefahr.

Während Osteuropa unter extremer Kälte leidet, erlebt die Arktis einen Wärmerekord. An der Westküste Spitzbergens in Ny-Ålesund gebe es die höchsten Januar-Temperaturen seit Beginn der Messungen vor 15 Jahren, teilte das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung mit. An zehn Tagen seien die bisherigen Tagesrekorde um bis zu 3 Grad Celsius überschritten worden. Im Mittel ist der Januar bisher fast 10 Grad wärmer als im Durchschnitt.

"Ein Bier lutschen" Wenn das Thermometer 30 Grad minus anzeigt, wird selbst das Atmen zum Abenteuer. Mit jedem Zug durch die Nase frieren die Nasenflügel leicht zusammen. Doch schon beim Ausatmen der körperwarmen Luft öffnet sich die Nase wieder. Der Frost kneift in jeden Quadratzentimeter Haut, der nicht mit Mütze, Schal oder Handschuhen bedeckt ist.
Ab 40 Grad Frost bekommt der Fußgänger auch mit den Augen Probleme. Die warmen Tränen lassen die Lider so zusammenkleben, als ob man die Augen mit Honig eingeschmiert hätte.
Zumindest diejenigen, die sich ausreichend vor der Kälte schützen können, nehmen die Situation mit Humor: "Komm, wir gehen in den Park ein Bier lutschen", lautet in diesen Tagen ein besonders cooler Spruch in Moskau.

AP/DPA/Reuters
 
 
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