Er hat den Handkuss abgeschafft und will lieber schlicht als ergreifend sein. Papst Benedikt XVI. trifft mit seinem konservativen Denken den Nerv der jungen Gläubigen.

Kardinal Joseph Ratzinger nach seiner Ausrufung zum Papst Benedikt XVI. auf dem Balkon des Petersdoms am 19. April 2005: "Nur Mut, wir mögen dich"© Domenico Stinellis/AP
Er hat den Handkuss abgeschafft und will lieber schlicht als ergreifend sein. Benedikt XVI. trifft mit seinem konservativen Denken den Nerv der jungen Gläubigen, die nächste Woche nach Köln zum Weltjugendtag kommen. Der Papst-Biograf Peter Seewald über den unbeirrten Oberhirten, der auch ihn wieder für die Kirche gewonnen hat.
Die Sonne brennt am Firmament, und vom Meer weht eine leichte Brise, als sich der Helikopter dem Ufer nähert. Die ersten reißen die Arme hoch. Und als das fliegende Papamobil über der Menge kreist, bricht eine Welle der Begeisterung aus. 200 000 Menschen sind am Strand zusammengekommen, doppelt so viele wie erwartet, drei Viertel davon junge Leute. Aus riesigen Lautsprechertürmen ertönen Fanfarenklänge. "Viva il Papa", schallt es über den Platz. Transparente werden hochgehalten. "Coraggio ti voliamo bene", heißt es auf einem, "nur Mut, wir mögen dich".
Von der Euphorie der Massen lässt sich der kleine Papst jedoch kaum beeindrucken. Er predigt vor ihnen über ein Thema, das selbst katholischen Jugendlichen ein wenig sperrig erscheinen mag: über den Sonntag und die unverzichtbare Nahrung der Eucharistie. Dennoch wird es auf dem Open-Air-Gelände still. Und als der alte Mann am Altar mit seiner brüchigen Stimme das "Sanctus" anstimmt, brandet ein jubelnder Chor auf.
In dieser Minute hat nach dem Kardinalskollegium auch das italienische Volk Benedikt XVI. per Akklamation als seinen Oberhirten bestätigt. Am liebsten hätten die Italiener Ratzinger Ende Mai bei seiner ersten Reise nach Bari in Süditalien gleich ganz für sich reklamiert. Im Kernland der katholischen Kirche jedenfalls hebt sich die Herzlichkeit des Empfangs auffällig ab von der Distanziertheit der Deutschen.
Als in Bari Hunderte von Priestern ausziehen, um die Kommunion zu spenden, tragen viele von ihnen Dreitagebärte, coole Sonnenbrillen und Jeans und ein Hemd mit Priesterkragen dazu. "Die Kirche ist gar nicht alt und unbeweglich", sagt der Papst, "nein, sie ist jung." Und es sei auch nicht wahr, dass die Jugend nur "materialistisch und egoistisch ist. Das Gegenteil ist wahr: Die Jugend will das Große. Sie will, dass dem Unrecht Einhalt geboten wird. Sie will, dass die Ungleichheit überwunden und allen ihr Anteil an den Gütern der Welt gegeben wird. Sie will, dass die Unterdrückten ihre Freiheit erhalten. Sie will das Gute. Und deswegen ist die Jugend - seid ihr - auch wieder ganz offen für Christus". Dann fügte er hinzu: "Wer die Bequemlichkeit sucht, der ist bei Christus allerdings an der falschen Adresse." Bei Benedikt XVI. auch.
"Wie oft feiern wir nur uns selbst und nehmen Ihn gar nicht wahr?", klagte er an, "wie viel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum Ihm ganz zugehören sollten? Wie viel Hochmut und Selbstherrlichkeit?" Er möchte sich ganz "einer inneren Erneuerung" verschreiben, hatte er nach seiner Wahl erklärt. Und damit bestätigt, dass Papst Ratzinger tut, was schon Kardinal Ratzinger für unabdingbar hielt. "Die Kirche muss sich von ihren Gütern trennen, um ihr Gut zu bewahren."
Mit diesem Papst, glaubt denn auch der Münchner Theologe Eugen Biser, werde das Christentum konsequent auf seinen Ursprung zurückgeführt, und damit auf Jesus Christus selbst. Der Papst sei nicht länger "der Chef der Kirche, nicht das Kultobjekt der Kirche, er steht anstelle eines anderen, der allein geliebt und an den geglaubt werden muss". Dreh- und Angelpunkt dafür ist die Konzentration auf den Kern der katholischen Lehre, besonders auf die Heiligkeit der Eucharistie. Die Regierung Ratzinger will wieder an das anknüpfen, was das Christentum von einer kleinen galiläischen Sekte zur mächtigsten Kirche der Welt machte: lehren, helfen, heilen. Es wäre die Rückkehr zu den Wurzeln, zu einem reinen Werk der Barmherzigkeit, zum Ursprung des Mysteriums - es wäre eine Benediktinisierung der katholischen Kirche.
Zu Hilfe kommen könnte dem 78-jährigen Oberhirten dabei eine neue Generation junger Christen, die den Glauben wieder in seiner ganzen Kraft und Fülle erleben wollen, unverkrampft und fromm. Diese neue Jugendbewegung war über Nacht aufgetaucht, als habe das lange Leiden und Sterben Johannes Pauls II. verschüttete Energien freigesetzt. "Wir arbeiten nicht, um eine Macht zu verteidigen", sagt Benedikt XVI. "In Wahrheit arbeiten wir, damit die Straßen der Welt offen sind für Christus." Gegenwind und Geisterfahrer hat er dabei einkalkuliert. Denn selbst vor dem Apparat der Kirche, der an seiner Größe zu ersticken droht, will dieser Pontifex nicht Halt machen.
Die Römer wunderten sich, als sie auf dem Umzugs-Lkw die Secondhand-Möbel ihres "Papa Tedesco" sahen, darunter alte Bücherregale, die nun zentimetergenau wieder aufgebaut wurden, mit jedem Buch am alten Platz. Drei Ordensschwestern und ein Kammerdiener arbeiten im päpstlichen "Appartamento". Außerdem Privatsekretär Georg Gänswein, 47, die blonde Eminenz der neuen Regierung. Zu dem bisherigen Arbeits- und Schlafraum kam ein Wohnzimmer hinzu, und neu ist auch das Trimmrad, das Doktor Buzzonetti besorgte, der 81-jährige Leibarzt des Papstes; extrahart eingestellt.
Ratzinger ist anders. Er empfängt im Gegensatz zu seinem Vorgänger selten Besucher zum Essen. Wenn er betet, tut er es meist allein. Ein TV-taugliches Reli-Tainment wird es mit ihm genauso wenig geben wie einen "eiligen Vater", der von Event zu Event jettet. Der Neue versteckt sich nicht, aber er will nicht das Spektakuläre tun, sondern das Wichtige. Wenn manche seiner Bewegungen etwas linkisch wirken, dann hat das mit seinem Stil zu tun. Er mag es, etwas kleiner und unsicherer zu wirken, als er in Wirklichkeit ist. Aber er kokettiert nicht damit, die Bescheidenheit ist echt. Ein Übergangspapst ist er schon deshalb nicht, weil er als zweiter Mann im Vatikan im Grunde schon eine Amtszeit hinter sich hat. Entscheidungen in Personalfragen allerdings, die er schon als Erzbischof in München so hasste, würde er am liebsten ganz dem Heiligen Geist überlassen. Wie etwa, wer Leiter der Klerus-Kongregation, des Vatikan-Ministeriums für die Priesterschaft, werden soll. Oder wie lange Kardinal Sodano noch Staatssekretär bleiben wird.
Am schlimmsten empfand Ratzinger das Gefühl, als Papst eingesperrt zu sein. Nicht mehr einfach in sein Haus bei Regensburg reisen zu können, nach wie vor der Erstwohnsitz des Papstes. Jeden seiner Spaziergänge muss er anmelden. Umgekehrt wurden alte Verbindungen gekappt, darüber wacht eifersüchtig der ehrgeizige Sekretär Gänswein. Da gibt es die mühsamen Audienzen, das stundenlange Studium von Akten. Im 200-köpfigen Staatssekretariat gehen Tausende von Vorschlägen, Anträgen und Bittgesuchen ein. Täglich soll der Papst zu irgendeinem neuen Fall von Terror, einer Naturkatastrophe oder einer diplomatischen Verwicklung Stellung nehmen. Und zwischendurch läutet das silberne Papsttelefon mit der Direktverbindung zu Präsidenten und Ministerpräsidenten.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 33/2005