Jetzt erst recht

4. Juni 2013, 18:51 Uhr

Die Lage in Passau entspannt sich nach der Jahrhundertflut langsam. Zurück bleiben stinkender Schlamm, aufgeweichte Habseligkeiten - und Aufbruchsstimmung. Von Georg Wedemeyer, Passau

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Das Wasser muss weg: In Passau beginnt das große Aufräumen nach der Flut.©

Heute ist es laut in Passau: Überall in der Stadt rattern Pumpen. Zwar läuft das Wasser allmählich aus den Straßen und Gassen zurück, die Keller müssen allerdings mit Maschinen geleert werden. Einwohner und Einsatzhelfer arbeiten Hand in Hand.

Was bleibt, wenn das Wasser geht, ist erschreckend: Ein Ladenbesitzer trägt aufgeschwemmte Schaufensterpuppen auf die Straße. Familien häufen durchnässte Computer, triefnasses Spielzeug und Kartons auf. Viele Fragen sind noch offen: Wo bekommen wir Trinkwasser her? Wann und wohin liefern die Tanklaster das Wasser? Und wo können wir auf Toilette gehen? Und wo gibt’s es überhaupt Informationen für betroffene Anwohner?

Schlimmste Flut seit 500 Jahren

Als der Fluss über die Ufer trat und sich die Wassermassen durch die engen Gassen der Altstadt drückten, herrschte fast gespenstische Stille in der Stadt. "Das Wasser kam so schnell wie noch nie", sagt Karl-Heinz Glück. Die meisten Bewohner hätten keine Chance gehabt ihre Habe zu retten, meint der 79-Jährige. Die Flut erreichte am Montagabend den Rekordstand von 12,89 Metern. Seit 500 Jahren gab es kein vergleichbar schlimmes Hochwasser in Passau.

Bereits 2002 wurde Passau von einer schweren Überschwemmung getroffen. Die Flutwelle der Donau erreichte damals den Pegelstand von 10,81 Metern. Der dadurch entstandene Schaden belief sich auf rund zehn Millionen Euro.

Bundeskanzlerin Angela Merkel, die sich heute gemeinsam mit dem Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer ein Bild von den Flutschäden in Passau und im sächsischen Pirna machte, sagte Hilfe zu. "Wir haben für so viele Dinge Geld, ich denke, gerade in dieser Notsituation werden wir Mittel und Wege finden, um den Menschen zu helfen", sagte sie. Allerdings erwartet Merkel die Beteiligung der Bundesländer: "Deshalb wird der Bund mit 100 Millionen Euro als erste Tranche für jeden Euro, den das Land gibt, auch einen Euro Unterstützung geben."

Hans Langmaier hilft das zunächst wenig. Er betreibt einen nostalgischen Schallplattenladen direkt am Inn – im Erdgeschoss. "Der Laden war vollständig überflutet", sagt er. Jetzt treiben die alten Vinylscheiben in der braunen Brühe. "Bill Haley hat es nicht überlebt", sagt er. Die Beatles-Platten waren im ersten Stock. Was für ein Glück, sagt Langmaier.

Alltag kehrt zurück

Das Schuhhaus Resch hatte kein Glück. Mitten im Herzen der Altstadt sind das Geschäft und der Keller vollgelaufen. Nun schleppt Angelika Resch gleich eimerweise die durchnässten und bestialisch stinkenden Schuhkartons aus dem Keller. In den sich auflösenden Pappkartons finden sich zwischen einer Schicht Schlamm Frühlingssandalen, edle Lederslipper, elegante Herrenschuhe. Den Laden hat es zum ersten Mal getroffen, bisher blieben sie von Fluten verschont. Resch schleudert den letzten Karton auf den Haufen. Wann sie glaubt wieder öffnen zu können? "Übermorgen", sagt Angelika Resch. Ganz sachlich, das ist kein Witz. Das sagen viele Passauer: "Übermorgen". Und so schieben Helfer und Anwohner Schlammberge zusammen, schlürfen Pumpen Wasser aus den Kellern. Auch Hans Langmaier will seinen Laden aufräumen und wieder aufmachen. "Soll ich meinen Sohn etwa sagen, dass ich wegen ein paar Liter Wasser aufgegeben habe?", fragt er. "Niemals!"

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