Der Heilige Vater ist auch nur ein Mensch

11. Februar 2013, 20:20 Uhr

Papst Benedikt war den Machtintrigen im Vatikan nicht gewachsen. Mit seinem Rücktritt zeigt er menschliche Größe. Für die katholische Kirche steht bei der Wahl seines Nachfolgers viel auf dem Spiel. Von Claus Lutterbeck

Darauf mussten sie 533 Jahre warten, die 800 Märtyrer von Otranto. Im August 1480 ließ der ottomanische Admiral Gedik Ahmed Pascha bei einer dreitägigen Razzia alle Männer über 15 Jahren zusammentreiben. Wer nicht seinem christlichen Glauben abschwor, wurde erschlagen. Alle Achthundert blieben standhaft in der apulischen Stadt, nun sollten sie am 11. Februar 2013 heiliggesprochen werden. Papst Benedikt XVI. hatte das Konsistorium einberufen für den feierlichen Akt - noch nie wurden so viele Heilige auf einmal ernannt. Doch ihr Opfer, von der Geschichte längst vergessen, blieb wieder im Hintergrund.

Der Papst selber hat ihnen, salopp gesagt, die Schau gestohlen. Nach der feierlichen Zeremonie ergriff Benedikt XVI. noch einmal das Wort, in lateinisch, und las nur wenige Sätze vom Blatt. Er habe erkannt, nachdem er wiederholt sein "Gewissen vor Gott gefragt" habe, dass "aufgrund meines fortgeschrittenen Alters die Kraft nicht mehr ausreicht, das Schiff des Petrus in angemessener Weise zu lenken." Er werde sein Amt am 28. Februar, abends um acht Uhr niederlegen, sagte der 85-Jährige. Monoton klang seine Stimme dabei, müde.

Den Machtintrigen nicht mehr gewachsen

Der Schritt des Papstes trifft die Kirche nicht unvorbereitet. Über seinen Rücktritt war seit 2010 spekuliert worden, als er völlig überraschend in dem langen Interview-Buch mit Peter Seewald "Licht der Welt" bekannte, ein Papst habe "das Recht, unter gewissen Umständen geradezu die Pflicht abzutreten", nämlich dann, wenn er "physisch, psychisch und spirituell" nicht mehr in der Lage sei, das hohe Amt zu bekleiden. Er hatte nicht nur das lange Leiden seines Vorgängers, Johannes Paul II., im Kopf, der schwer an Parkinson erkrankt war und monatelang mit dem Tod rang. Monate, in denen er die Kirche nicht führen konnte und in denen sich die Kurie noch schlimmer zerstritt als zuvor.

Ratzinger dachte wohl vor allem an seine eigene Gesundheit, die seit Jahren immer schlechter wird. So soll er, nach italienischen Berichten, immer stärker an chronischem Vorhofflimmern leiden, verweigere aber die Einnahme der notwenigen Gerinnungshemmer. Auf den letzten Reisen wirkte er schwach, und der Skandal um seinen untreuen Kammerdiener hatte enthüllt, dass er auch den Machtintrigen in der Kurie nicht mehr gewachsen war.

Rücktritt selten, aber erlaubt

Der Rücktritt eines Papstes ist, historisch gesehen, eine Seltenheit. Seit dem 15. Jahrhundert war es immer der Tod, der seine Herrschaft beendete. Aber das kanonische Recht sagt nirgendwo, dass nicht auch der Papst auf sein Amt verzichten könnte. Wer sollte das auch einem Mann verwehren, der keinem Parlament, keiner Kurie, auch nicht den Gläubigen verantwortlich ist? Der nur einen Vorgesetzten hat? Und der Herr, das weiß man spätestens seit dem Römerbrief, 11, 33, ist ein Rätsel: "Wie unergründlich sind seine Gerichte, und wie unausforschlich seine Wege!"

Das kanonische Recht von 1983 erlaubt den Rücktritt, sofern er freiwillig ist. Wie der Pontifex maximus zurücktritt, überlässt der Paragraph 112-3 dem Papst allein, er muss sich auch seinen Kardinälen nicht erklären, sie haben den Akt einfach zu registrieren. Der letzte Papst, der abdankte, Gregor XII. am 4. Juli 1415, tat dies in bewegten Zeiten und nicht ganz freiwillig. Damals war die Christenheit gleich in drei Päpste gespalten, die gleichzeitig amtierten, einer in Rom, einer in Avignon und einer in Pisa. Der Streit wurde beim Konzil zu Konstanz entschieden, keiner behielt sein Amt. Der einzige Vorgänger von Ratzinger, der freiwillig abtrat, war Celestin V. im Jahr 1294, ein weltfremder Eremit, den zwei verfeindete römische Kardinal-Clans als Verlegenheitskandidaten ins Amt gehievt hatten. Der 79-Jährige, der völlig überfordert war, blieb nur sieben Monate im Amt, dann ging er zurück in seine Einsiedelei.

Ein mutiger Schritt

Ratzingers Rücktritt war ein mutiger Schritt, er hat dem hohen Amt etwas von der Unfehlbarkeit genommen, die es ohnehin nie hatte. Auch Päpste sind Menschen, heißt die Botschaft, und die Kirche wäre gut beraten, sie ernst zu nehmen. Ist es nicht in ihrem eigenen Interesse, an der Spitze einer solch mächtigen Institution einen Mann zu wissen, der im Vollbesitz all seiner Kräfte ist? Nichts anderes hat Ratzinger nun seiner Kirche gesagt.

Wohin sich der Papst d.D. zurückziehen wird, ist noch nicht bekannt. Er lässt jedoch eine Frage zurück, die sich die italienischen vaticanisti vom ersten Tag an gestellt haben: Was hat sich der liebe Gott dabei gedacht, einen deutschen Professor, einen eminenten Gelehrten zum Papst zu machen? Er mag ein exzellenter Schriftsteller sein, seine drei Bände über Jesus Christus sind ein großartiges Werk. Doch die Kardinäle hatten ihn 2005 gewählt, weil sie eine feste Hand wünschten. Der Heilige Vater sollte die in Flügel sich zerspaltende Kurie wieder zusammenfügen, wenn es sein musste, mit Machtworten und Taten. Die aber sind nicht gekommen. So gefürchtet Ratzinger als Kardinal war, so überfordert war er als Machtpolitiker, er war den Machtspielen um ihn herum nicht gewachsen. Wer hätte das gedacht.

Wenn er Ende Februar zurücktritt, wahrscheinlich ohne jede Zeremonie, weil im vatikanischen Protokoll nichts derartiges vorgesehen ist, wird der amtierende Camerlengo, Tarcisio Kardinal Bertone, ein Kollegium berufen, das die Geschäfte bis zur Neuwahl führt. Das Konklave, das Ratzingers Nachfolger wählt, wird noch im März zusammentreten. Für die Kirche steht viel auf dem Spiel: Wird sie wieder einen Kardinal wählen, der tief in die Machtspiele des Vatikan verstrickt ist? Oder öffnet sie sich der Welt, deren Probleme schon lange nichts mehr mit denen der Kurie zu tun haben? Wählt sie einen Papst, der vielleicht aus Afrika kommt? Francis Kardinal Arinze aus Nigeria ist ein Name, der öfter genannt wird. Auch Peter Kodwo Appiah Kardinal Turkson aus Ghana. Heiße Anwärter sind freilich die üblich Verdächtigen, allen voran Kardinal Angelo Scola, 71, aus dem größten Bistum der Welt, Mailand. Oder der Kanadier Marc Ouellet, 69, der mächtige Kardinalpräfekt der Bischofskongregation.

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