. .
Panorama-Nachrichten
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
2. April 2008, 12:14 Uhr

Aus für den Uralt-Puff

Striptease-Bars, Sexshops und Freudenhäuser - seit Jahrzehnten gilt St. Pauli als Deutschlands sündigstes Viertel. Doch das Geschäft mit dem Sex läuft nicht mehr so gut wie einst. Waltraud Mehrer, Besitzerin des ältesten Bordells Hamburgs, muss ihr "Hotel Luxor" schließen - wegen Kundenmangels. Von Britta Hesener

Gibt nach 22 Jahren als Bordellbesitzerin auf: Waltraud Mehrer in ihrem "Hotel Luxor"© Britta Hesener

Verführerisch lässt das rassige Mädchen mit der schwarzen Mähne seinen Blick auf jedem ruhen, der den schummrig beleuchteten Raum betritt. In Öl verewigt hat es einen Ehrenplatz im Hotel Luxor, dem ältesten Bordell Hamburgs. Gesäumt von zwei Vorhängen ziert sein goldgerahmtes Porträt die Wand schräg gegenüber des Eingangs. Es soll Lust machen auf die käufliche Liebe, die männlichen Gäste animieren, sich mit seinen Kolleginnen aus Fleisch und Blut auf eines der Zimmer zu begeben. Doch in letzter Zeit blieb der glutäugige Blick des Mädchens immer öfter unerwidert. Kaum ein Gast findet noch den Weg durch den schmalen Eingang an der Großen Freiheit, die schmale Treppe hinauf ins Bordell. Von den zwölf Zimmern werden nur noch vier genutzt.

Sex zwischen Samthockern und Häkeldecken

Jahrzehntelang gingen in dem Freudenhaus auf St. Pauli Amüsement suchende Herren ein und aus, ließen sich auf den schweren Ledersofas nieder, genossen das 60er-Jahre-Ambiente: die weißen Häkeldecken auf den dunklen Holztischchen, die goldenen Tapeten, die weißen Gardinen mit Blumenmuster, die getäfelte Decke, die mit rotem Samt überzogenen Barhocker. Das Hotel Luxor war eine Institution. Seine Besucher kamen gerne und oft, tranken, flirteten, schmusten. Und wenn den Herren danach war, gingen sie für Bares mit einer der Damen aufs Zimmer.

Doch die Zeiten, in denen die Mädchen bis zu 2000 Mark die Nacht verdienten, sind vorbei. Plüsch und Piccolo, Samt und Sinnlichkeit sind nicht mehr gefragt. Sex lässt sich so auf St. Pauli nicht mehr verkaufen. Nach 22 Jahren muss Waltraud Mehrer, Besitzerin des Bordells, aufgeben. Am 4. April wird sie zum letzten Mal um vier Uhr nachts die Tür am Ende der schmalen Treppe schließen und einen Schlussstrich unter ein Berufsleben setzen, das so nie geplant war.

Es war im Sommer 1964. In Hannover hatte Waltraud ihre Ausbildung zur Hotelfachfrau beendet, das gutbürgerliche Elternhaus - Mutter Hausfrau, Vater bei den Gaswerken - verlassen und sich nach Sylt aufgemacht, um im Kampener Kurhotel zu arbeiten. Zur selben Zeit schickte Johannes Mehrer, Hamburger Tanzcafé-Besitzer, seinen Sohn Horst als Kellner ebenfalls ins Kurhotel. Horst und Hannelore lernten sich kennen und freundeten sich an. Er lud sie nach Hamburg ein und führte sie aus ins Tanzcafé Mehrer, dort wo Tischtelefone zwischengeschlechtliche Annäherungsversuche vereinfachten.

Für die nichts ahnende Waltraud eine unbekannte Welt. Eigentlich ein nettes Café, dachte sie. Nur diese hübsche blonde Frau war ihr gleich ins Auge gefallen. Ständig rief sie mit dem Tischtelefon Männer im Café an - reichlich unverfroren für eine Frau, dachte Waltraud. Und dann ging sie auch noch mit ihnen raus und kam allein wieder rein. Waltraud wurde misstrauisch, fragte bei Horst nach und erfuhr so von den Geschäften der Familie Mehrer und den Frauen, die in den Cafés ein paar Mark dazuverdienten.

Geschockt war sie und wollte erst nichts damit zu tun haben. Doch die Liebe zu Horst war größer. Die beiden heirateten, und Waltraud lernte den Betrieb kennen. Erst im Tanzcafé als Urlaubsvertretung einer Bardame, dann als Küchenhilfe und schließlich als Chefin des Bordells Hotel Luxor. Auch wenn sie selbst nie dem horizontalen Gewerbe nachging, wurde für sie im Laufe Zeit alles normaler, sie selbst lockerer. Sogar ihre Eltern kamen zu Besuch. Waltrauds Mutter zeigte sich überrascht von der "Harmlosigkeit" des Etablissements: "Eine Stunde haben wir hier gesessen, und niemand hat uns etwas getan", sagte sie damals.

Bordellbesitzerin im Business-Look

Ein roter Fächer flattert vor ihrem Gesicht, während Waltraud Mehrer aus ihrem Leben erzählt. Das Accessoire, mit dem sie sich in den warmen Räumen Luft zuwedelt, will aber nicht so recht zu der 59-Jährigen passen. Während eine ihrer Damen mit kurzem Rock und tief dekolletiertem Top an der Theke auf Kundschaft wartet, steht die Chefin im Business-Look hinter der Theke: schwarze Stiefeletten, schwarze Stoffhose, schwarzes T-Shirt, roter Blazer, an den Ohrläppchen Perlen und die blonden, kinnlangen Haare perfekt geföhnt.

So wenig wie der Fächer zu ihrem Outfit, so wenig passt der Begriff Puff-Mutter zu Waltraud Mehrer, zweifache Mutter, seit 40 Jahren verheiratet und seit 35 Jahren im noblen Hamburger Stadtteil Blankenese ansässig. Wenn sie jemand fragt, was sie beruflich mache, sagt sie, sie habe einen Laden auf St. Pauli. Entsprechend normal verläuft ihr Alltag: Um 11 Uhr aufstehen, Kaffee trinken, einkaufen, die Kinder, als sie noch jünger waren, zur Schule bringen - und abends ins Bordell.

Hure oder Nutte - diese Worte kommen Waltraud Mehrer nicht über die Lippen. Sie spricht von den "Damen", die gegen Bares mit den Männern auf die Zimmer gehen. Doch wie so vieles auf St. Pauli ist selbst das nicht mehr so, wie es einmal war. Heute wird nicht bar bezahlt, sondern die EC-Karte gezückt, die PIN in einen kleinen Apparat hinter der Theke eingetippt. Für Waltraud Mehrer eine gewöhnungsbedürftige Situation. "Für ihre Einnahmen waren die Damen immer selbst verantwortlich. Sie arbeiteten komplett selbstständig, ohne Zuhälter. Ich bekam lediglich die Zimmermiete", sagt sie. Ganz nüchtern erzählt sie vom Geschäft, wie es damit bergab ging, die Kunden immer älter wurden und eine neue Generation, die das Luxor nicht interessierte, auf dem Kiez Einzug hielt. Das Bordell schlitterte immer weiter in die Demografie-Falle.

Und dann hat der rote Fächer plötzlich Pause, die Chefin lässt jetzt doch noch die goldenen Zeiten aufleben, die Augen unter dem schwarzen Lidstrich glänzen. Früher hätten Geschäftsleute regelmäßig ihre Gäste ins Luxor ausgeführt, erzählt sie. Einer sei manchmal sogar gleich mit mehreren Damen aufs Zimmer verschwunden. "Und Japaner sind immer gerne gekommen." Sogar Prominenz habe vorbei- geschaut. Wer, das verrät sie nicht. Diskretion gehört zum Geschäft. Ein Geschäft, das so nur noch wenige schätzen: Die jungen Leute suchen ein andere Art des Vergnügens, wollen in den Clubs tanzen und trinken, meint die Chefin. Türsteherin Heike hat eine andere Erklärung: "Es sind doch alle arbeitslos, haben alle nicht mehr das Geld dafür."

Keine Geschäftsmänner, kein Geld

Ein Blick auf die Straße Große Freiheit gibt beiden ein wenig recht: Ein junges Pärchen im Partnerlook mit hellblauen Wetterjacken flaniert gerade vorbei, schaut nur kurz verschämt auf das Eingangsschild des Luxors: "Pretty Woman for Happy Nights". Die wenigen Männer, die sich blicken lassen, sind größtenteils jenseits der 50, reagieren mit gesenktem Blick auf Heikes Einladung. Keine Geschäftsmänner, keine Japaner - kein Geld. Die käufliche Liebe im kuscheligen Ambiente findet keine Abnehmer mehr. Das Geschäft der Familie Mehrer läuft dennoch weiter. Unter dem Hotel Luxor macht Sohn Frank mit dem Tanzlokal "Große Freiheit Nr. 7" weiter, ganz ohne Sex.

Ihre Meinung

Waffenverbot. Trinkverbot. Rauchverbot. Und nun schließen auch Traditionsbordelle - wie reizvoll ist St. Pauli für Sie? Diskutieren Sie mit!

Diskutieren Sie mit! Bisherige Beiträge (6)
Von Britta Hesener
 
 
KOMMENTARE (6 von 6)
 
seelenflieger (02.04.2008, 18:37 Uhr)
Horizonte Gewerbe am Ende?
Die BILD-Zeitung berichtet seit einigen Tagen ausführlich über den Zuhälterkrieg, der im Augenblick in Hamburg toben soll. Kampfschauplätze sind: Reeperbahn, Herbertstraße, Schmuckstraße, Hansaplatz, Steindamm, Hammer Deich, Herderstraße, Süderstraße und Wandsbeker Chaussee. Mir scheint, die ganze Stadt ist zu einem einzigen Puff mutiert. Ob anstatt einer mangelnden Nachfrage nicht eher ein steigendes Angebot das Problem sein könnte?
Necros (02.04.2008, 16:59 Uhr)
Weltfremd
Soso, die Nachfrage lässt nach... Werden Männer jetzt plötzlich treu, verzichten einfach gottesfürchtig auf den Sex an sich oder wie? Realistisch gesehen werden aufwändige Bordelle immer weniger Zukunft haben, wenn man auf dem Straßenstrich für 20 € fündig wird, wo Süchtige und Verschleppte arbeiten müssen. Sicher waren die Bordelle niemals frei von Ausbeutung und Elend, doch verglichen mit dem aktuellen Geschäft war das sehr, sehr viel netter für alle Beteiligten...
Maja1963 (02.04.2008, 15:52 Uhr)
Keine Ahnung??
Also Brouwser, ich versteh dich echt nicht, ich weiß nicht ob du w oder m, bist, aber du schreibst hier etwas rein, was du nicht richtig überlegt hast. DU kannst doch froh sein, sowie viele Tausende Bürger auch, das es diesen Beruf der Prostituierten noch gibt. Stell dir einfach mal vor, es gäbe diese Frauen, oder Männer nicht, die sich anbieten, es würden noch mehr gewalttaten hervorgerufen werden, noch mehr Vergewaltigungen statt finden, aber auf niedrigster Weise. Es ist schade, das der "legalisierte Beruf" so wenig anerkennung findet. Diese Damen halten dem "normalen Bürger, Frauen und Kindern,und sogar Tieren" den Triebtätern fern, damit Ihr alle in Ruhe und Frieden noch nachts auf die Straße gehen könnt. Diese Dame hat es geschafft über 20 Jahre im Gewerbe zu bleiben. Ich besitze selber eine Wohnung und es ist ein täglicher Kampf ums überleben. Und das ist schade. Der du so schreist, solltest mal lieber selber hinter die Kullissen schauen, um überhaupt mitreden zu können. Und SU selber solltest dir mal antun, wie es ist, wenn Männer für Liebe bezahlen, die dich dann bezahlen, damit du überhaupt mal bescheid weißt, was so einige Damen von DIR abhalten. Ein Hoch auf die Redaktion dieser Zeitung, und es ist noch viel zu wenig, was über dieses Millieu geschrieben wird. Schaut hinter die Kullissen, und veröffentlicht es, damit alle mal wach werden.
antwone (02.04.2008, 15:04 Uhr)
positiv gesehen ...
je geringer die nachfrage umso kleiner die beschaffung. und beschaffung will heissen: weniger mädchen werden unter zwang und schläge hergeschleppt.
Kiezzabel (02.04.2008, 14:51 Uhr)
Ich zieh bald um
ach ja, die sündige Meiel ohne Sünde.
Nunja, ob die Prostituion ein ende hat will ich stark bezwifeln. Eher hat wohl eine Abwanderung ins Billig-Segment stattgefunden (und da, liebr vorkommentator möcht ich dich mal sehen .. von daher ist es nicht gut, dass ein "seriöser" Puff schließen muss)
Aber egal, zurück zur Meile, in deren Nähe ich wohne:
Das mit den Rauchfreuen Spelunken lassen wir mal beiseite.
Ab 20:00 kein Verkauf mehr von Bierflaschen
Das (eher sinnlose) Waffenvervot, das auch des kleine Schweizer mit einschließt.
Und überhaupt. ab 22:00 Uhr darf man draussen nciht mehr laut reden.
Bald ist es hier so langweilig wie in Poppenbüttel. Und das nervt gewaltig !
brouwser (02.04.2008, 13:58 Uhr)
triiiiiiiiiiieeeeeeeeef !
Sollen wir dem jetzt nachtrauern, daß die Hurerei endlich ein Ende hat ? Ist doch gut so. Der Stil des Stern paßt überhaupt nicht dazu, das ist ja geradezu sentimental. Möchte denjenigen, der das geschrieben hat, mal eine Nacht dort arbeiten müssen sehn. Dann würde der Ton wohl anders ausfallen.
MEHR ZUM ARTIKEL
Sexuelle Ausbeutung in Indien Vom Tempel ins Bordell

Es heißt, sie würden Göttinnen geopfert - doch tatsächlich werden sie von Männern sexuell missbraucht: Allein in Südindien enden jährlich 5000 junge Mädchen in der Prostitution. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe